Titel: Neue Realitäten, alte Verlangen
Datum: 2012
Thema: Aufstand
Quelle: Entnommen am 7.10.2015 von unruhen.org
Bemerkungen: Dieser Text wurde als Beitrag zum internationalen anarchistischen Treffen Anfang November 2012 in Zürich verfasst.

Die folgenden Zeilen müßen als einfache Vorschläge zur Diskussion gelesen werden. Sie sollen kurz zusammengefasste Analysen einiger, sich verändernder Realitäten sein, im Zusammenhang mit dem Kontext, in dem gewisse Arten von spezifischer anarchistischer Intervention konzipiert wurden. Sie sollen ein bloßer Versuch sein, einige Fragen in den richtigen Worten zu stellen, um sie anschließend zu vertiefen. Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass die Analysen, die hier dargelegt sind, viel zu allgemein und oberflächlich sind, in Hinsicht auf die Vertiefung, die einige Punkte erfordern würden, doch anders kann es nicht sein, da es sich um einen kurzen Beitrag zur Diskussion handelt, und da sie nur als skizzenhafter Ausgangspunkt dienen sollen.

Der meisten Methoden zur Intervention in die Realität, die wir geerbt haben und über die wir gegenwärtig verfügen, wurden – auch wenn klar ist, dass sie auf Traditionen, Antriebe, Intuitionen oder Gewissheiten antworten, die so alt sind wie der soziale Krieg selbst – in präzisen Zeiten entwickelt, in Zeiten der Niederlage. Der gescheiterte Ansturm auf den Himmel, gemeinsam mit der kapitalistischen Umstrukturierung der 70er und 80er Jahre, haben die Beschaffenheit des sozialen Konfliktes tiefgreifend verändert. Auf die Automatisierung und der Atomisierung der Produktion korrespondierte ein Prozess der sozialen Automatisierung und Atomisierung, der von der Zersetzung der Arbeitermilieus und vom Auftauchen eines neuen anthropologischen Typs gezeichnet war, der seit der Nachkriegszeit im Entstehen begriffen war. Dieser Typ zeichnet sich durch seinen Kleinmut, seinen Infantilismus, seine Beugsamkeit und seine Bereitschaft aus, alle Aspekte seines Lebens an ihm übergeordnete Instanzen zu delegieren, sowie durch die Tatsache, in einer ewigen Gegenwart zu leben, ohne Erinnerung daran, dass seine eigene Umwelt radikal verändert wurde, in einem am Vorbild des Themenparks orientierten Verfälschungsprozess.

Als Konsequenz daraus hat der soziale Konflikt das Schema verlassen, nach welchem sich zwei monolithische und einheitliche Blöcke – Bourgeoisie-Proletariat, Kapital-Arbeit – konfrontieren, aufgrund eines frontalen, sichtbaren und unvermeidlichen Antagonismus und aufgrund von Widersprüchen, die dem Funktionieren der kapitalistischen Wirtschaft selbst inhärent sind. Dem muss eine weitere Konsequenz von größter Wichtigkeit angefügt werden: die Feststellung aus einem revolutionären Standpunkt der Unmöglichkeit der Wiederaneignung der kapitalistischen Produktionsstrukturen zu befreienden Zwecken, und das Ende aller Illusionen über eine Enteignung und Arbeiterselbstverwaltung von einer Welt, die einzig für ihre eigene Selbstreproduzierung konzipiert ist. Die Zurückweisung der Arbeit als getrennte Tätigkeit – deren Antrieb stets die Arbeiterbewegung in Form von Streiks mit unmöglichen Forderungen, Sabotagen, Arbeitsverweigerung, etc. durchdrungen hat – hat somit ihre historische Bestätigung gefunden. Die negative Dimension jeglichen Projektes der Befreiung hat somit eine besondere Wichtigkeit erlangt und das Gleichgewicht zwischen den offensiven Dimensionen der defensiven Kämpfe wurde durchbrochen und umgekehrt.

Mit der Besetzung des gesamten sozialen Terrains durch die Herrschaft, begann das Phantom der Befriedung und des Endes der Geschichte über den ruhigen Gewässern einer Postmodernität zu schweben, in der die einzigen Gewissheiten, die noch zu bleiben schienen, jene der Gehorsamkeit und des Anpassungszwangs an die Entfremdung waren – die einzigen, welche ihr Priester nie wagten, in Frage zu stellen. Man wohnte also der Beseitigung eines historischen Projektes bei. Der soziale Konflikt verlagerte sich in marginale Zonen – im engen Sinn des Wortes: an die Ränder verbannt, aus dem Zentrum entfernt –, weshalb die Interventionsperspektiven, die Methoden, die Organisationsformen, etc. neu evaluiert werden und wieder mit Praktiken zusammenfinden müssen, die in den anti-autoritären Kämpfen der Ausgebeuteten schon immer präsent waren. Nun, da die Zeit vorbei ist, um die – mythischen oder wirklichen – Tugenden der Klasse des Bewusstseins zu besingen, und das Verschwinden dieser Beziehungen – zwischen Herdentrieb und Solidarität – zu bedauern, die in der Hitze des Kampfes geschmiedet wurden, drängt sich also die Notwendigkeit auf, das Terrain danach abzusuchen, wo die soziale Frage neu gestellt (oder wo sie weiterhin gestellt) werden kann. Dieses Terrain war jenes der peripheren Ausdrücke der Verwüstungen der Diktatur der Wirtschaft und der Herrschaftsverhältnisse.

Der Angriff auf konkrete Aspekte der Macht entstammt also einer Auffassung der Herrschaft als ein Ganzes, das die Gesamtheit der sozialen Beziehungen und alle Sphären des Lebens betrifft. Er ist aber ebenso das Terrain, auf dem es eine offensive Intelligenz, eine autonome kritische Sprache und einen konzeptuellen Rahmen zu bewahren gilt, in dem der soziale Konflikt, über die bloße individuelle Zurückweisung, den Aktivismus oder das Warten auf die Neubildung eines historischen Subjekts und auf das Aufkommen der „objektiven Bedingungen“ hinaus, einen Sinn finden kann. Das heißt, er entstammt der Notwendigkeit, lebendig zu bleiben, in einer Welt von Zombies. Diese Realität wurde an verschiedenen Orten, auf verschiedene Weisen theoretisiert, und durch verschiedene Formen von subversivem Agieren erfahren. Es ist aus diesem Kontext, aus dem die aufständische Methode als das, wie wir sie gegenwärtig kennen, entstammt. Wir müssen Nachdruck auf die Tatsache legen, dass weder diese Methode, noch die informelle Organisation, und ebenso wenig die Perspektive der permanenten Konfliktualität und Angriffshaltung, eine italienische Erfindung aus den 70er-80er Jahre sind, wie dies ein unter gewissen verwirrten „sozialen Kritikern“ recht verbreiteter Gemeinplatz behauptet. Sie entstammt, wie wir sagten, dem Zusammentreffen von Elementen, die seit langer Zeit Teil des Arsenals der Ausgebeuteten sind, mit den Analysen von dieser neuen Realität, die einige die „postindustrielle Gesellschaft“ nennen.

Die informelle Organisation ist daher nicht nur libertärer, sie ist angebrachter für eine asymmetrische Konfrontation – die nicht mehr dem Schema der Blöcke, sondern der sozialen Fragmentierung entspricht –, in der die Herrschaft ihr Zentrum verloren hat, indem sie das ganze soziale Terrain überwuchert. Die Initiativen des Angriffs auf die Mechanismen der sozialen Reproduktion entstammen also von kleinen Gruppen, die, ausgehend von einer Analyse des Kontexts, eine Projektualität entwickeln, die in der Beschaffenheit der Konfliktualität dieses Kontextes verwurzelt ist, und darauf abzielt, an der Seite von anderen Ausgebeuteten, die minimalen Bedingungen für einen Angriff gegen eine spezifische Struktur des Netzwerks der Macht zu kreieren. Zwei Elemente sind in der Konzeption von dieser Methode von besonderer Wichtigkeit: 1) die Zeitlichkeit. Alle Energien richten sich auf ein präzises Ziel, womit die Energieverschwendung der langfristigen Kämpfe, die Bürokratisierung, die Domestizierung und im Allgemeinen das Auftauchen der Politik mit ihrem zahlreichen Gefolge von Entfremdungen vermieden wird. Die Selbsteinschätzung und Selbstkritik sind konstant und der Raum des Kampfes löst sich auf, sobald das Ziel erreicht ist, oder wenn aus irgendeinem Grund die Entscheidung getroffen wird, ihn zu wechseln. 2) die Reproduzierbarkeit. Genährt durch die Wahl der Mittel, die von allen und fern von jeglicher Spezialisierung verwendet werden können, begünstigt sie die Vervielfältigung der Angriffsaktionen – und gleichzeitig eine Bewusstwerdung der Notwendigkeit des Angriffs –, während sie damit die Verletzlichkeit der Macht aufzeigt.

Doch zahlreiche Umstände sind sich zurzeit vor unseren Augen am verändern und machen es notwendig, (unter anderem) über gewisse methodologische Konzeptionen nachzudenken. Die gegenwärtige ökonomische Umstrukturierung sorgt dafür, dass wieder unterirdische strukturelle Spannungen an die Oberfläche treten, die über bloße konjunkturabhängige Turbulenzen hinausgehen. Einige alte periphere Fragen erwachen aus dem Schlaf der Befriedung. Angesichts dieser neuen Spannungen, halten wir es für notwendig, die Kampfformen zu vertiefen, über die wir verfügen, und dafür zu sorgen, dass sie sich nach den neuen Formen der Konfliktualität ausrichten, die immer mehr aufzukommen scheinen. Und wir denken, dass der Weg, um dies zu tun, von den Kämpfen ausgehen muss, die von unseren eigenen Projektualitäten inspiriert sind. Viele Kameraden scheinen versucht, in die neuen Bewegungen unserer Zeit von außerhalb zu intervenieren; in der Tat ist es schwierig, zuhause zu bleiben, um aus dem Fenster zu schauen. Aber von Konflikt zu Konflikt zu rennen, in betrügerischer Konkurrenz mit Erleuchteten aller Art, die darin – von der Bewegung der Empörten bis zu den Revolten der Banlieus – ein weißes Blatt sehen, dem es ein Inhalt zu geben gilt, indem sie ihre eigene Wahrheit darauf schreiben, ist eine Perspektive, die ziemlich wenig verführerisch scheint.

Hingegen gibt es keinen Grund, die Tatsache, weiterhin die Initiative von Kämpfen gegen spezifische Aspekte der Macht zu ergreifen, aufgrund der neuen Umstände für überholt zu betrachten. Zentripetalkräfte, in der Gegenwart in Gang sind, führen sie nicht in Richtung einer Rückkehr zu einer Zentralität, die es anzugreifen gilt, sondern vielmehr in Richtung einer Kohärenz in der Entfremdung. Das Zentrum ist überall. Jemand hat einmal geschrieben, dass es nicht mehr möglich ist, die kleinste und banalste Forderung auszusprechen, wie jene nach Nahrung, ohne die Gesamtheit der Produktions-, Distributions-, und Konsuminfrastruktur, sowie die Herrschaftsverhältnisse, das heißt, die Grundlagen der Gesellschaft zu betreffen und infrage zu stellen.

Aber es ist nicht weniger wahr, dass gewisse Aspekte, die vorher unsichtbar waren – wie direkt die Kritik der Ökonomie, wie wir sie heute kennen – wieder an die Oberfläche treten, oder, in anderen Worten, die soziale Frage wieder zurückzubringen scheinen. Es öffnet sich also die Möglichkeit, dass die anarchistischen spezifischen Kämpfe mit neuen Feindlichkeiten, in einem Kontext der Zersetzung der Befriedung, zusammentreffen können. Dies ist die Schlüsselfrage. Aber das Zusammentreffen ist kein Einfangen von Mitgliedern, die Anarchisten haben nichts anzubieten, weder Programme, noch Paradiese, und auch keine Lösungen für die Probleme dieser Gesellschaft. Dieses Zusammentreffen kann also nur ausgehend von einer eigenen Projektualität stattfinden, nur im Angriff, in der Negierung der Macht in all ihren Formen. Aber damit sie sich ereignen kann, ist es vielleicht notwendig, neue Angriffswinkel zu suchen, indem man die Aspekte in Betracht zieht, die sie begünstigen können. Und unter Umständen ist es notwendig, gewisse Konzepte, wie jenes der Zeitlichkeit, zu überdenken, und die Möglichkeit erforschen, stabilere Räume des Kampfes zu kreieren (auch wenn dieser Begriff einige Kameraden irritieren mag), in deren Innern die Gruppen agieren können, indem sie sich an verschiedenen Fronten bewegen, und damit sie die verschiedenen Kampfinitiativen der Gruppen empfangen können, immer ausgehend von der Informalität. Vielleicht bedeutet, sich auf intensivere und länger dauernde Kämpfe vorzubereiten, nicht zwangsläufig, den Griffen der Politik zu verfallen und all das zu reproduzieren, was wir immer zu vermeiden versuchten. Die Frage der Reproduzierbarkeit der Aktionen nimmt im Kontext einer größeren generalisierten Konfliktualität ebenfalls ein neues Ausmaß an, da die Umgebung unkontrollierbarer wird, nicht mehr alle Finger auf die Anarchisten zeigen, und die neuralgischen Punkte der Herrschaft, dank der allgemeinen Infragestellung einiger ihrer Aspekte, sichtbarer werden.

Wir wissen nicht, ob wir uns am Ende eines (ökonomischen, politischen und sozialen) Modells befinden; wir wissen nicht, ob diese Krise die endgültige Krise des Kapitalismus ist, wie viele es versichern; wir wissen nicht, ob sich die Demokratie, wie wir sie heute verstehen, unter der Auswirkung der sogenannten „Krise der Repräsentativität“ und der neuen Technologien, in neue Formen der „politischen Partizipation“ verwandelt; und ebenso wenig wissen wir, was eine Menschheit, die einer völligen Enteignung unterstellt und ohne jegliche Befreiungsvorstellung ist, von selbst geben kann; aber wir wissen, dass unsere Verlangen, dieser Realität ein Ende zu setzen, unverändert bleiben.