Was ist die Linke? Eigentlich wäre es ganz einfach: die Linken sind diejenigen, die, in historischen Zeiten, sich auf der Linken Saalseite eines Parlaments eingefunden haben, in Opposition zu den Konservativen. Die Linken waren die Fortschrittlichen, die Demokraten, Republikaner, Revolutionäre, wenn man so will, aber, wohlverstanden: politische Revolutionäre. Zwischen den Rechten und den Linken bestand ein unüberwindlicher Konflikt im Kampf um die Macht. Zwar bestand dieser Konflikt als parlamentarisch domestizierter, aber hin und wieder entschlossen sich einige, das Theater nicht mehr mitzumachen, und den Kampf um die Macht dreister zu führen. Sie fingen an, mit dem Feuer zu spielen, mit den unteren Klassen und ihrem Verlangen nach Aufstand. Sie spielten mit der Möglichkeit, die sich im Entstehen befindende Arbeiterklasse für ihre Politik zu mobilisieren, vielleicht aus ehrlichem Mitleid, vielleicht wegen einem eigenen proletarischen Hintergrund, und sehr oft aber auch einfach aus politischer Taktiererei.
Nun, ab hier – dem Punkt, wo ihr Spiel mit dem Feuer beginnt, und zwar weniger wegen ihrem Spiel, als wegen dem Feuer – wird es mehr oder weniger interessant. Und ab hier beginnt es unklar zu werden, was der Begriff links bedeutet. Diese Leute halten sich ja nicht mehr in Parlamenten auf, also sitzen sie auch nicht auf der linken Seite... Doch... sie sitzen noch immer auf der linken Seite, und zwar der der linken Partei. Und, je radikaler, desto linker sitzen sie. Opposition in der Opposition in der Opposition. So könnte man sich das mehr oder weniger logisch erklären, wenn Begriffe nicht ihre eigenen, verzwickten Wege gehen würden.

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Das Politische befindet sich im Niedergang, wenn auch vielleicht nicht in dem Sinne, wie wir das gerne sehen würden. Keiner schert sich mehr um Politik und Ideologie, da der Verarschungen gab zu viele. Allerdings entsteht daraus meist höchstens ein zynisches Herumwursteln im resignativen Scheissegal. Deshalb kann ich das konservative Herbeisehnen der längst vergangenen Zeit der großen politischen Ideen und Mobilisierungen seitens der Linken sogar gewissermaßen ganz gut verstehen. Der Linken sind ihre revolutionären Subjekte abhanden gekommen, und die meisten ihrer Projekte sind bedrückend realistisch. Nur durch „Widerstand“ gegen das gelegentliche öffentliche Auftreten von Faschisten können sie sich noch ein kleines bisschen erholen, nur ihnen gegenüber können sie noch die Fortschrittlichen spielen, ansonsten lassen sich die Massen weder mobilisieren noch lässt sich die Meute gelegentlicher Krawalle politisieren. Dies wohl, weil „die Fortschrittlichkeit“ durch ihren sichtbaren Erfolg endgültig in Verruf gelangt ist.
Und weil die Linken den Revolten hinterherhinken – verwirrt, ob sich da eine Masse findet, die sie politisieren könnten –, verwerfen sie resigniert entweder jede Hoffnung darein oder sie versuchen, dem ganzen mit den dialektischsten Tricks doch noch irgendwie das Politische unterzuschieben; sie bleiben aber logischerweise Zuschauer. Denn die Revolten machen ihnen Angst, da dort nicht ein (von ihnen) mobilisierter Haufen zusammenkommt, weil es keinen „Inhalt“ hat. Schließlich mögen die Linken doch nur den Protest (und sei er militant, ja, sei es ein Riot, der aus ihren Demos entsteht), der dann im politischen Spektakel als „etwas“ definiert werden kann. Doch wo bleibt der Inhalt, wenn „Unpolitische“ plündern, die Polizei angreifen, Autos zerstören, etc. Nein, für die Linken ist das unverständlich (oder vielleicht verständlich, aus den Verhältnissen ableitbar, insofern es ihnen ihre Geschichtsanalyse erlaubt; aber perspektivlos, ihre Perspektive bleibt Politik). Für die Linke müssen Taten repräsentiert werden, z.B. durch Kommuniqués (sonst könnten sie noch mit „zielloser, unpolitischer“ Gewalt verwechselt werden) – denn das ist das Spiel der Politik, Repräsentation. Die Linke, und dass müssen wir als Feinde der Macht zu verstehen lernen, spielt das Spiel der Macht. Die radikale Linke spielt es zwar auf einer relativ utopischen Wiese, und bei ihr spielen bestimmt auch immer soziale Motive rein, aber, genau gesehen, soziales Mitleid, sie beschäftigen sich mit den Opfern.
Ich bin überzeugt, dass die Linken bei einem sozialen Aufstand, der fähig wäre, einen relevanten Anteil der staatlichen und kapitalistischen Institutionen zu zerstören und damit fortfahren würde, sich vor allem darum kümmern würden, wie sie aus dieser Bewegung heraus (oder sogar von außerhalb) repräsentative Institutionen herausbilden könnten (bei den radikaleren Linken z.B. Räte, Syndikate und VV's), die fortan die Regeln machen. Denn die Zerstörung der Politik wäre eine Gefahr für die Identität der revolutionären Linken, sie interessiert sie nicht, die Aufstandsbewegung interessiert sie nur als eine Situation, in der sie Politik machen können, als eine Situation, die potentiell offen für ihre Machtträume ist (nicht dass das neu wäre, bisher hat sich die Masse in fast allen „Revolutionen“ bloß als Geburtshelfer einer neuen Macht verschleißt). Verschließen wir uns ihnen. Denken wir daran, dass die Linken, die Politiker jeder Sorte, in einem Aufstand immer nur die eine Möglichkeit sehen: ihre Linie fortan den anderen aufzudrängen, die Macht zu übernehmen! Was auch immer sie mit dieser Macht anstellen wollen, selbst wenn es zur Ausnahme nicht in einer Diktatur endet, wir sind Anarchisten, lassen wir es sie spüren!

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In fast allen anderen Bereichen ist längst klar, dass die kapitalistische Zivilisation (in ihren Auswüchsen) dermaßen fortschrittlich/fortschreitend ist, dass nur noch ihre Zerstörung als etwas wirklich Anderes angesehen werden kann. Vor hundert Jahren war es vielleicht ein Leichtes, sich vorzustellen, dass eine Veränderung der Verwaltung der (trotz allem noch) kapitalistischen Produktion, eine Veränderung ist, für die es sich lohnt zu kämpfen. Eine radikale Veränderung, versteht sich. Und deshalb haben auch viele Anarchisten sich auf diesem Terrain verloren: im Syndikalismus[1]. Auch damals wurde dies von einigen Anarchisten schon bemerkt, doch sie wurden zur Seite gestellt, unfähig, ein revolutionäres Projekt zu formulieren. Sie verloren sich im Eskapismus, dem, was heute rückwirkend mit Naturalismus betitelt wird, oder redeten einfach nicht mehr davon und schlossen sich Projekten anderer an. Ja, der Anarchismus verlor sich in einem Reformismus, sei es im Syndikalismus oder ähnlicher Annäherungen an den Marxismus, oder im Naturalismus, Edukationalismus, Kommunalismus, etc. Natürlich war der Syndikalismus in einigen Ländern ziemlich revolutionär, aber die Perspektive der Zerstörung wurde nie genügend diskutiert. Manchmal, bei den spannendsten, war klar, dass alles zerstört werden muss, und dass das kein Problem ist, „weil wir alles aufgebaut haben“, doch konkrete Schritte dazu wurden kaum unternommen, die Kraft wurde verwendet, um darüber zu diskutieren, wie am besten selbstverwaltet wird, doch wenig, was man selbstverwalten will (und wieso). Die Bahnen, auf denen sich die anarchistische Bewegung verlief, reduzierten die Anarchie meist zu einem idealistischen Anhängsel, denn sie führten ganz woanders hin... Viel Kraft wurde z.B. für das, was heute hin und wieder unter dem Namen „Errungenschaften der Arbeiterbewegung“ verteidigt wird, ver(sch)wendet. Errungenschaften, die dem System vielleicht abgerungen wurden, aber um welchen Preis? Ja, einige Probleme wurden gelöst, einige Konflikte befriedet, doch: was interessiert uns das? Denn darauf folgte die Verkümmerung jeder grundlegenden Differenz, die Perfektionierung des Getriebes der Herrschaft, der sozialen Kontrolle, die friedliche Entwicklung des zivilisatorischen Projekts, das nun jeden Blick nach vorn zu einem traumatischen Erlebnis macht!

Die Linken glauben (noch immer), für verschiedenste Probleme (manchmal von ihnen erfunden, manchmal offiziell anerkannt) eine Lösung zu haben. Eine Lösung, die im Normalfall durch die Strukturen der bestehenden Gesellschaft bewerkstelligt werden soll. Die paradoxe Rolle, die sie dabei spielen ist, dass falls sie jemals an die Hebel kommen, um „die Probleme zu lösen“, sie zur totalitären Regierung werden (denn die „Schwachen und Unterdrückten“ werden nicht stärker und freier, bloß weil jemand ihnen eine Lösung „für sie“ präsentiert). Denn die sozialen Probleme politisch lösen, also durch die Politik, heißt, dass die Politik in immer mehr Bereiche über die Angelegenheiten der Individuen bestimmt, ihnen die Lösung aufzwingt. Natürlich gibt es auch linke Szenen und ähnliche Sümpfe, die sozusagen eine eigene Polis bilden, und die sich vor allem nach innen fokussieren, und dort ist die stärkste Regierung die der Moral, und die ist nicht unbedingt die angenehmste.
Was die Links-Autonomen anbelangt, die auch ein solches Milieu bilden, so mögen diese in einigen Fällen durchaus nichts mehr als die Regierung der Moral wünschen, denn ihr psychologisches Machtstreben manifestiert sich vor allem darin, Verhaltensnormen aufzustellen, und sei diese die totale Umkehrung der durchschnittlichen gesellschaftlichen Norm – die politische Norm = die Norm die fortan in der Polis durchgesetzt werde.

Bei der Linken handelt es sich um eine mehr oder weniger institutionalisierte Bewegung, die über verschiedenste Wege versucht, einen politischen Einfluss auszuüben. Entweder durch klassische Politik (Parteien, Gewerkschaften), durch Bildung gesellschaftlicher Milieus mit speziellen Verhaltensnormen (Alternative, Hausbesetzerszene, u.ä.), durch Reformismus (kann diverse Formen annehmen), durch Protest (kann sogar gewalttätige, subversive Formen annehmen), oder auch durch revolutionäre Politik (d.h. der Versuch des Aufbaus einer revolutionären Macht, die wiederum die Form einer Partei, einer Szene [verstanden als Gegenmacht], oder einer Avantgarde, die erst künftig zur Führung werden soll, annehmen kann).

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Machen wir ein paar Aspekte der linken Politik am Beispiel des Antirassismus deutlich: Was ist Rassismus? Was ist die Rolle des Rassismus in der heutigen Gesellschaft, d.h. Rassismus als politisches Werkzeug? Der institutionelle Rassismus, wie er heute besteht, wird von den toleranten Bürgern eines Staates vor allem als Intoleranz behandelt. Das heißt, die Rechten (natürlich nicht nur) seien zu wenig tolerant, und dass sie (die linken, toleranten Antirassisten) sich eine offene Gesellschaft, ja, vielleicht sogar offene nationale Grenzen wünschen. Wenn wir das genauer betrachten, dann ändert dies natürlich nichts an der Existenz der Grenzen, und deshalb sind die radikaleren Linken Internationalisten, und stellen sie sich die Politik fortan als ein auf internationaler Ebene zu behandelndes Thema vor. Die offene Gesellschaft (mit Bleiberecht für alle) soll also keine Grenzen haben, sondern sie soll ein Verschmelzen der Nationen sein (was schwerlich anders als ein Verschlucken der Nationen durch eine Superstruktur vorgestellt werden kann). Nun als Anarchisten können wir an solchen Träumen kaum teilnehmen, es ist nur eine mehr oder weniger mögliche Entwicklung der Herrschaftsstrukturen zu einem offenen, grenzenlosen Konglomerat von Institutionen, die fortan ihr Herrschaftsgebiet nicht mehr mit nationalen Grenzen zerstückeln. Es ist für uns uninteressant, wenn es nicht eine so abscheuliche Idee wäre, die notwendigerweise eine erhöhte innere Kontrolle bedingen würde. Für uns ist der institutionelle Rassismus klar am Staatsbürgertum festzumachen, und die Toleranz könnte zwar dieses Makel des Staatsbürgertums vielleicht überwinden, aber das würde nur seine Verbesserung sein, seine Ausdehnung auf immer mehr Menschen („Weltbürgertum“). Das Problem des institutionellen Rassismus, wie aller anderen institutionellen Probleme, sind für uns im Detail relativ unwichtig, da wir so oder so ihre Zerstörung im Visier haben und immer propagiert haben, die Teilnahme (z.B. durch Unterstützung, durch sich-mobilisieren-lassen) an institutionellen Tätigkeiten (wenn möglich) zu verweigern, sei diese rassistisch oder „anti-rassistisch“. Die Frage ist für uns, wie das soziale Verhältnis zu den Institutionen umgekehrt werden kann.
Doch es gibt nicht nur den Institutionellen Rassismus, sondern auch den, der effektiv an „Meinungen“ – gesellschaftlich latenten Ideologien – festgemacht werden kann. Wir müssen davon ausgehen, dass dieser nicht nur durch künstlichen Populismus produziert wird.
Der heutige „Ausländer“ ist offensichtlich ein rein institutionelles Produkt, er existiert nur durch die staatlichen Grenzen und durch die Identität der Staatsbürger. Natürlich vermischt sich diese staatsbürgerliche Identität mit anderen, nicht an die Existenz des Staates gebundenen, Rassismen. Die internationalistischen Staatsbürger wenden sich vor allem gegen diese alte, lokal gebundene Identität, die konsequentesten unter ihnen sehen, dass damit auch die lokale (bzw. nationale) Gebundenheit der staatlichen Institutionen aufhören müsste. Als Anarchist ist es schwer zu sehen, was das größere Problem ist, wir können sehen, dass die modernen Weltbürger eine Bewegung darstellen, die die Logik der Herrschaft auf ein neues Niveau heben, auf dem es möglich ist, alle menschlichen Regungen in institutionelle Formen zu bringen; aber auch der Bauer, der den Staat hasst, weil er sich in seine lokale Abgeschlossenheit richtet, und der sich einfach die Herrschaft einer guten alten Norm wünscht, nicht unser Freund sein. Der Rassismus, der sich auch in einer Form hält, die nicht modern staatlich ist, ist allerdings kein separates Problem. Denn ob Humanismus oder Rassismus, beiden setzen wir Individualismus entgegen. Der Kampf gegen jede Norm ist die einzige Möglichkeit, dass wir weder im brutal toleranten Einerlei versinken noch im idiotischen Kampf gegen das Andere, konstruiert als Gegensatz zur eigenen Identitätsnorm. Dieser Kampf, einer der kompliziertesten, den wir als Anarchisten führen, ist antisozial. Er kann nicht getrennt werden vom sozialen Kampf, der gegen den Staat und gegen die Ausbeuter geführt wird. Wir können nicht einen spezifischen Kampf von den anderen separieren. Das hieße, die Logik des Bürgerkriegs zu akzeptieren, wo sich verschiedene Fronten auftun, gegen die Rassisten eine Front, gegen die Linken eine Front, gegen die Polizei eine. Nein! Wir wollen uns selbst in den Kampf begeben, gegen jede Herrschaft, und es gibt keine Front, sondern nur Chaos, es gibt keine antirassistische Bewegung zu bilden, wo die Frage des Antirassismus gestellt und die Rassisten konfrontiert werden, um in dieser politischen Front zu vergessen, dass der antirassistische Kämpfer neben uns vielleicht der Bürgermeister ist. Das ist die Logik, die seit jeher in die Politik geführt hat: nur einen Aspekt zu nehmen, ein Bündnis machen, die Konflikte beiseite lassen. Wir, die keine Politik haben, handeln wie wir wollen, wir machen es uns nicht zum Ziel, die Leute zu bessern, wir begeben uns jenseits der Logik der Kontrolle, und deshalb bauen wir auch nicht eine neue Stasi auf, auch wenn es Sinn macht, zu wissen, wer unsere Feinde sind. Den latenten Rassismus können wir gut und gerne mit dem offenen Staatismus der Linken vergleichen, wir wissen, dass wir nicht viele Freunde haben, wir wissen, dass uns die Kontrolle der persönlichen Verhaltensweisen nicht interessiert und wir wissen, dass die Konfrontation nur möglich wird, wo wir sind. Und erst wenn die freiheitlichen Rebellen überall auftauchen, dehnt sich die Konfrontation aus, in alle Richtungen, ohne Front, ein Chaos, das sich gegen alles richtet, was bisher existiert, und dass nicht auf etwas reduziert werden kann. Gegen die Rassisten, gegen die Staatsbürger, überall, wo sie als solche erkennbar werden, aber in einer Weise, die der Logik der Politik entflieht, in einer Weise, die nicht darin besteht, ihnen eine neue Norm aufzuzwingen, sondern als Individuen, die sich frei konfrontieren, und jede Handlung offen haben.

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Links, das ist vor allem die Lösung von sozialen Problemen. Diese Lösung kann verschieden aussehen, klassischerweise war sie vor allem die Lösung der sozialen Probleme durch den Staat, den staatlichen Sozialismus. In den Hochzeiten dieser Idee erkannten die besten Revolutionäre, dass ein solcher staatlicher Sozialismus eine weitere, noch schrecklichere Tyrannei darstellen würde. Sie riefen also dazu auf, in einer allfälligen Insurrektion den Staat zu zerschlagen, die staatlichen Institutionen, vom Rathaus bis zum Grundbuchamt, und ihre Verteidiger, vom Polizisten bis zum Großgrundbesitzer, zu zerstören und die Machtergreifung irgendeiner Partei aufs Heftigste zu bekämpfen. Das war bekanntlich die Entwicklung des Anarchismus, und es muss gesagt werden, dass diese Entwicklung teils zaghaft voran ging, und dass es einen großen Graubereich zwischen Anarchismus, der die Autonomie des Individuums propagiert, und staatlichem Sozialismus gab (und gibt). Es gab immer schon Vorstellungen von einem Sozialismus von unten, einem radikaldemokratischen Sozialismus, und für Anarchisten war es schon immer notwendig, den Unterschied zu einem solchen zu erörtern, denn viel zu oft lag eine Verwechslung nahe. Der demokratische Sozialismus (und nein, wir reden hier nicht vom Leninismus) verbleibt in der Logik der Politik. Sei es durch die Bildung von Arbeitermassenorganisationen (z.B. allerlei Syndikalismen), in der die Bewegung organisiert (und zentralisiert) werden soll, und die eine Gegenmacht darstellen sollen, sei es in Form von in der Revolution gebildeten Räten (Sowjets, VV's...), die künftig das öffentliche Leben bestimmen sollen, und in denen jede Entscheidung zentralisiert werden soll. Und ja, es ist uns klar, dass diese Organismen im Vergleich mit dem Staat dezentral sind und sein sollen, im Vergleich zu einer freien Vereinigung und Entscheidung der Individuen sind sie aber eine Zentralisierung des sozialen Lebens und der Entscheidungsmacht. Ja, was wir unter Anarchismus verstehen, ist die komplette Autonomie der Individuen und die Zerstörung der Gesetze.
Und es wurde viel versucht, den Anarchismus als eine Art Methode zur Kontrolle zu verkaufen, schaut her: die Anarchie ist möglich, weil wir eine Methode haben, das soziale Leben ohne Staat zu kontrollieren. Und wir sagen: natürlich war es vor hunderten von Jahren möglich, ohne Staat, nur durch Familie, Religion, Pranger und Dorfversammlung die Menschen in Knechtschaft zu halten. Auf hunderte von Arten kann das Eigentum, die Arbeit, der Gehorsam, die Strafe, die Moral und die Vorurteile durchgesetzt werden; genau das haben wir aber nicht vor.
Wir können das „Problem“ des Diebstahls nicht lösen, solange es Eigentum gibt, und auch nicht das „Problem“ des Verbrechens, solange die Gesetze existieren, solange die Polizei existiert. Und vor allem können wir nicht euer Problem lösen, nämlich dass ihr Angst vor der Freiheit habt. Dass der einzige Gedanke, der euch in Anbetracht der Freiheit kommt, der ist, wie sie kontrolliert und garantiert werden kann – wo die Polizei bleibt.

Der Gedanke des Kompromisses hält sich hartnäckig.

Natürlich wollt ihr, dass der Sklave frei werde, aber was, wenn er sich rächen will? Eure größte Furcht in Anbetracht der Freiheit ist, dass die Befreiten tun könnten, was sie wollen, und so sucht ihr nach einem Joch, das sie freiwillig auf sich nehmen. Das freiwillige Joch ist, was diejenigen, die die Ungerechtigkeit des Zwangs erkannt haben, aber trotzdem dumm bleiben wollen, schon immer wie den heiligen Gral gesucht haben. Die Macht der Gewohnheit erlaubte es ihnen nicht, die Grenzen ihrer Beschränktheit zu sprengen. Und sie sitzen da, suchen nach der Lösung, hin und her gerissen zwischen der Möglichkeit der Freiheit und ihrer Furcht davor. Traurige Gestalten, deren Angstschweiß noch meilenweit einen sauren Beigeschmack erahnen lässt.

Man könnte auch folgende Frage aufbringen: „Wie könnte eine Gesellschaft ohne Gefängnisse aussehen?“ Sehr verschieden natürlich, aber die Frage bleibt müßig. Wie sie möglich wäre? Nun es gibt zwei Möglichkeiten. Die erste: alle wollen eine Gesellschaft ohne Gefängnisse, folglich ist sie möglich. Die zweite: ein Teil der Gesellschaft will Gefängnisse, demnach ist die einzige Möglicheit, die Gefängnisse zu zerstören. Die Frage die übrig bleibt: wollt ihr die sozialen Probleme, also das soziale Leben, kontrollieren oder wollt ihr Freiheit. Kein Zwischenweg. Entweder ihr tanzt nach eurer eigenen Nase, oder ihr versucht, die anderen zu zwingen, nach eurer Nase zu tanzen. Und die, die dies versuchen, sind für jeden mit einer eigenen Nase ein Problem. Denn die Angst vor der Freiheit ist eigentlich lächerlich, denn irgendwer macht so oder so was er will, und auf einmal könnten es nun alle sein, oder eben nur die herrschende Minderheit. Natürlich gibt es da noch die Fiktion der Demokraten, dass keiner seiner Nase nach tanze und alle ein schreckliches Ballett der Nasenlosigkeit tanzen; aber schlussendlich verdrängen diese Nasen nur, dass sie ihr Wunsch nach einer Nase auf die fiktive Nase projizieren, und in verwirrender SM-Manier versuchen, den Tanz ihrer amputierten Nase allen anderen aufzuzwingen – die totale Amputation.

In Zeiten der weitverbreiteten freiwilligen Knechtschaft drängt sich eine große Zahl von psychologischen Fragen auf, in diesen Zeiten geht es darum, das eigene Erleben, das Erleben der erbärmlichen Zustände zu steigern, die Verdrängung zu verunmöglichen. Nicht indem man sie in Sitzungen zerrt, um ihnen ihre Winzigkeit verständlich zu machen, sondern indem man von Größe redet und ihnen zeigt, dass sie möglich ist. Indem man sie in die Depression wirft und ihre Krücken stiehlt; um ihnen zu zeigen dass sie solche sind. „Der Staat kann keine Köpfe aufrichten.“ (Alte anarchistische Binsenweisheit)

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Die „Linken“ fürchten sich vor dem Kontrollverlust. Sie müssen in einer Situation das Sagen haben, sonst ist ihnen nicht wohl dabei. Ein Aufstand aber, als unkontrollierte Situation, ist ihnen nicht ganz geheuer. Sie sehnen sich davon sofort in die Situation zurück, in der der überschaubare linke Haufen in den Straßen war, in dem sie sicher sein konnten, dass sich die Leute ihrem politischen Einfluss nicht zu sehr entziehen können. Als Anarchisten sollte es uns gleichgültig sein, aus welchen Gründen die Linken diese Kontrolle wollen. Selbst wenn die Kontrolle darauf ausgelegt sein sollte, Aspekte, die selbst wir für die unschönen Aspekte von unkontrollierbaren Situationen halten, zu minimieren, kann sie für Anarchisten keine Option sein. Es gibt für uns entweder das Handeln, das auf Kontrolle ausgelegt ist, d.h. darauf, den anderen Handlungen zu untersagen (und im Extremall sogar zu befehlen), oder das Handeln dahin, die Kontrolle für jeden unmöglich zu machen. (Die Optionen, von denen behauptet wird, sie lägen dazwischen, sind nur Verhüllungen eines versuchten Machtwechsels.)
In einer aufständischen Situation[2], in der – wir wissen es – auch viele Dinge getan werden können, die wir niemals verteidigen würden, ist es sinnlos bis dumm, die Leute dafür zu verdammen, nicht besser zu zielen, die Situation für „Scheiße“ zu benutzen, etc., denn das einzige was uns möglich ist, und was weder ein passives Go-with-the-flow noch ein Polizieren darstellt, ist es, bessere Ideen ins Spiel zu bringen. Wie wir es auch in der befriedetsten Situation noch versuchen werden...
Die Menschen aber, die denken, dass, wenn sie eine unkontrollierbare Situation „herstellen“, dann nur für die vorher definierten „politisch-bewussten“ Leutchen, diese Menschen verstehen nicht, dass das keine unkontrollierte Situation ist, keine herrschaftsfreie Situation, sondern eben ein „politischer Freiraum“, bei der die Kontrolle der Situation durch eine politische Szene gesichert wird. Und die traurigen Gestalten, die, falls eine solche Situation mal außer Kontrolle gerät, hin und her rennen, um den Plünderern den Alkohol zu zerschlagen und sich beschützend vor den armen Tante-Emma-Laden stellen, könnten hier als ein perfektes Beispiel linksautonomer Verwirrtheit/Politik hinhalten. Ja, der gute alte Lampenputzer. Doch wir können sicher sein, dass die Lampenputzer beim nächsten mal zu Hause bleiben, um das Buch zu schreiben, wie man revoluzzt, und dabei doch Lampen putzen (...zumindest hoffentlich...).

Die linksradikale Szene glaubt nicht an das Individuum, sie geht von einer kollektiven Verantwortlichkeit der politisch erlauchten Szene aus, und es gilt als ein Problem aller, falls einer mal aus der Reihe tanzt. Die einzige individuelle Verantwortung, die sie akzeptieren, ist die, die es möglich macht, Leute „zur Verantwortung zu ziehen“, daher: die polizeiliche Version der „individuellen Verantwortung“ vor dem Kollektiv, vor dem Gericht; die, die versucht, Täter zu identifizieren und ihnen eine Handlung zuzuschreiben. Diese Verantwortung vor der Kollektivität ist ein Wahngebilde, das schon seit jeher ein Geburtshelfer der Autorität war. Die individuelle Autonomie, die Selbstverantwortlichkeit ist etwas anderes. Sie verlässt die Gefilde der Moral und sie garantiert bestimmt keinen „angemessenen Umgang mit der Freiheit“. Doch wer soll diese garantieren? Eine Freiheit, in der vordefiniert ist, was ich machen soll, ist keine, war noch nie eine.

Und wenn die Moralisten daher kommen und sagen, dass eine soziale Harmonie ohne Moral nicht möglich ist, so sage ich: die Moral hat noch immer jedes harmonische Zusammenleben zur Sau gemacht. Sei es durch den psychologischen Mindfuck, den sie erzeugt, sei es durch die Guten, die das Böse austreiben wollen, sei es durch Kreuzzug oder Erziehung, Kirche oder political correctness, Gesetz oder Psychologie. Die Moral stört auf jeden Fall die innere Harmonie und mit ihr bleibt jede gesellschaftliche Harmonie eine zynische Oberflächlichkeit.
Die Moral will der Cop im Kopf sein, und sie ist die Einmischung des Cops im Kopf in die Köpfe anderer. Der Cop im Kopf versucht, den Zustand, der sein soll – den Staat – herzustellen, im eigenen Verhalten und in der Expansion als Moralismus.

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Als Anarchisten wünschen wir uns Situationen herbei, wo niemand herrschen kann, niemand die Kontrolle über andere hat, und mit niemand meinen wir eben auch nicht uns! Solche anarchische Situationen blitzen heute ab und an in Revolten auf. Eine Verallgemeinerung der Revolte sollte in der Absicht aller Anarchisten sein. Und nicht die Verallgemeinerung einer Identität, einer politischen Ideologie, einiger Verhaltensnormen. Doch eben darauf beschränken sich heute viele Anarchisten. Auch wenn sie, der Logik halber, durchaus sagen, dass sie nicht den Aufstand führen wollen, dass sie auch die chaotische Situation herbeisehnen, in denen ihnen keine Führungsrolle möglich ist. Man könnte die autoritären Revolutionäre mit Goethes Zauberlehrling vergleichen, der die Geister ruft, um sie danach zu bannen. Schlimmstenfalls gelingt ihnen das auch und so steigen sie zum Meister auf. Für uns Anarchisten aber gibt es keinen Grund dazu. Wir sollten wissen, wie es möglich wird, das Chaos zu kreieren, dass den Meister zerfleischt. Und uns darüber freuen, wenn die Linken aller Couleur nach erfolglosen Versuchen, den bannenden Spruch zu finden, ängstlich ausrufen: „die ich rief, die Geister...“. Und gar des Meisters Spruch nichts mehr hilft.

Die Linken wollen zeigen, dass eine andere Politik möglich ist; und bereiten damit eine neue Form der Politik vor. Für uns kann es nicht um Protest gehen. Die Logik des Protests, auch wenn er uns möglicherweise als Mittel mal dienen kann, ist es, im Spektakel eine Alternative zu bieten. Es ist ein alternatives Spektakel, dazu gedacht, sich auf der Ebene der Politik als Opponent zu präsentieren. Das alternative politische Spektakel ist Repräsentation des Dissenses. Repräsentation vor der Gesellschaft, vor den Politikern. Die Kommunikation ist dieselbe, wie die der klassischen Politik, kommunizierend als Stellvertreter oder Avantgarde; kommunizierend mit dem Fußvolk. Als Beispiel kann hier die alternative Politik angeführt werden, die darin besteht, ins Parlament zu gehen, um zu protestieren, vielleicht sogar manchmal, um zu provozieren, um es lächerlich zu machen, aber auf jeden Fall bleibt die Präsentation in den selben Räumen – die Präsentation als Macht, als Ohnmächtige, als Nische, was auch immer.

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Der anarchistische Blick, der individualistische Blick, er schaut von der Seite auf das ganze öffentliche Geschehen. Es ist zwar seine Absicht, auf die Gesellschaft Einfluss zu nehmen, aber nicht als Führer, nicht mit dem Blick, der versucht, darin jemand zu sein, sondern mit dem Blick, wie das Spiel der Politik beendet werden kann. Er fragt sich, wann die Herde endlich aus dem gebannten Blick, den sie ins eingebildete Zentrum richtet, aufwacht; sich abwendet von „der Gesellschaft“, um fortan etwas anderes zu werden als eine Herde. Er blickt also nur in die Gesellschaft, weil dort Menschen sind, weil er das allein sein nicht mehr befriedigend findet, weil er die Herde nicht mehr erträgt, aber davon träumt, dass sich die Individuen ihre Würde erobern. Weil er freie Menschen sehen will, sie sucht, nur deshalb blickt er „hinab“, sein Bezug bleibt ambivalent und wird hoffend, wenn eine revolutionäre Welle die Schäfchen erfasst. Aber sein Blick bleibt immer hin und her gezogen, er sucht Gefährten, und deshalb schweift sein Auge durch die Masse, und er wendet sich ab, sein Blick auf die Möglichkeit gerichtet, für die er die anderen braucht. Der Blick sucht nach dem Unbekannten, aber das Unbekannte findet er nicht allein, und deshalb sucht er nach denen, die es auch suchen, und er versucht, diese Suche verständlich zu machen. Er versucht, sie anzustecken mit dem Virus, der seinen ganzen Willen ausmacht, weil das Virus nur überlebt, wenn es einen neuen Wirt findet. Und deshalb ist seine Einmischung nie eine, die vom öffentlichen Geschehen verstanden wird, wohl aber von denen, die diesen wunderbaren Virus in sich tragen. Und er fürchtet, dass es ein „öffentliches Geschehen“ geben könnte, das glaubt, den Virus und seine Einmischung verständlich zu machen, erstens, weil dieses Verständnis die Entwicklung der Impfstoffe massiv fördern könnte, und zweitens, weil das „Verständnis“ oftmals eine schreckliche Verklärung ist; eine Verklärung, die den Virus zu oft in harmlose Bahnen gelenkt hat.

[1] Die Syndikalisten verloren sich gänzlich im Organisieren, das Organisieren, wie es von den Organisatoren immer verstanden wird, vor allem von einem repräsentativen Rahmen, in dem dann Mitglieder gesammelt werden sollen. Wir müssen verstehen lernen, welche Geschichte das Wort „Organisation“ hat und dass von Seiten der Anhänger der Formal- und Massenorganisationen das Wort „Organisation“ immer heißt: Kongressbeschluss, Delegation, Mitgliederausweis, Spezialisierung, etc. Informelle Vereinigung, die durchaus fähig ist, ziemlich alles zu organisieren (nur eben nicht „die Massen“, nicht die anderen), wird von ihnen nicht als Organisation bezeichnet (in der Zeit, als der Syndikalismus groß war, übrigens auch von ihren Freunden nicht), weil es eben ihrem Einfügen in messbare Formalitäten ein Hindernis ist.

[2] Für die Dummen (Anti-Deutsche z.B.): ein Pogrom ist bestimmt keine aufständische Situation, da sich der Angriff nicht gegen die Herrschaft richtet, also ein Aufbegehren dagegen ist, sondern sich gegen eine Minderheit richtet, die als Sündenbock benutzt wird (also ein Exzess des normalen Ablaufs des sozialen Elends). Wir reden hier von Situationen, die noch nicht komplett in die Politik integriert sind und die sich gegen den Staat wenden, aber wenn die Situation beginnt, pogromartige Züge anzunehmen, dann ist sie für unsere Intervention offensichtlich verloren. Wir werden immer den Kampf gegen die reaktionäre Masse propagieren, und falls sie einen Aufstand für sich ummünzen kann, so ist es nicht unsere Verantwortung, sondern die der an dieser Rekuperation Beteiligten! Gegen sie vorzugehen wird dann wohl oder übel schnell eine wichtige Frage...