Dieser Text versucht mehr zu sein als lediglich ein kurzer Umriss über den Kampf gegen den geplanten Google-Campus in Berlin. Er versucht zu kommunizieren, Diskussionen anzuregen und Fragen aufzuwerfen. Fragen und Diskussionen, die dabei helfen können einen spezifischen Kampf, wie auch die Projekte der Herrschaft, auf einer überregionalen und internationalen Ebene zu behandeln. Die Avalanche bietet sich für diese Fragen und Analysen an. Der folgende Text ist viel mehr der Versuch einer Kommunikation unter Anarchist*innen, mit der Intention einen offensiven Handlungsspielraum auszuweiten, der nicht lediglich in der symbolischen Aktion verweilt und nicht durch Grenzen an einen Ort gefesselt werden kann.

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Ende 2016 wurden in einer Pressekonferenz in Berlin die Pläne von Google, einen Campus in Berlin zu eröffnen, vorgestellt. Einen Google-Campus, wie es ihn bereits in London, Warschau, Sao Paulo, Seoul, Madrid und Tel Aviv gibt. Der Berliner Campus soll (natürlich alles im Interesse von Google, aber nicht nur) Start-Up Unternehmen Räume zur Verfügung stellen, Workshops für Expert*innen und Laien anbieten, sowie ein „Google-Café“ beherbergen. Als Standort des Ganzen soll das alte Umspannwerk in Kreuzberg dienen. Google reichte eine Umbaugenehmigung ein, um mit Umbaumaßnahmen im alten Umspannwerk zu beginnen und Ende 2017 den Campus eröffnen zu können. Neben der Factory in Mitte, einem Start-Up Campus unterschiedlicher Firmen, unter anderem von Google, wäre der Google-Campus ein weiteres Standbein des Konzerns in Berlin. Die Pläne von einem Google-Campus in Berlin sind nicht bloß im Interesse des Konzerns, sondern auch im Interesse der Regierung. Nicht nur, dass der regierende Bürgermeister von Berlin bei der ersten Pressekonferenz präsent war, Google lobte und erklärte, was für eine Chance ein Google-Campus in Berlin für die ökonomische Entwicklung der Stadt wäre, so war zudem in einer Senatssitzung zu hören, dass der Senat voll und ganz hinter den Plänen von Google stehe.

Die Gründe für ein offensives anarchistisches Projekt gegen die Pläne von Google und der Herrschaft sind unterschiedliche. Auf der einen Seite sind Kreuzberg und Neukölln (der Kiez, an welchem das alte Umspannwerk Kreuzberg angrenzt) seit langer Zeit Orte, an denen eine anarchistische Intervention sichtbar ist, z.B. befindet sich die anarchistische Bibliothek Kalabalik im gleichen Wohnblock, wie das alte Umspannwerk. Andererseits sind Kreuzberg und Teile von Neukölln von einer massiven Umstrukturierung betroffen. Einst waren dies Viertel, in denen sich ärmere Menschen leisten konnten zu wohnen, doch der Kiez hat sich dahingehend in den letzten Jahren (bzw. Jahrzehnten) stark verändert. Diese Veränderung und Verdrängung geht einher mit einer Spannung, aus der es immer wieder Angriffe gegen den Staat und seine Akteure gab und gibt. Jedoch ist „Kreuz-kölln“ (der Kiez, um die Grenze von Kreuzberg und Neukölln) längst zu einem hippen Szeneort geworden, in dem unter anderem die Berliner Start-Up Landschaft wächst. Hier sehen wir ein Interesse von Google nach Kreuzberg zu ziehen, denn Kreuzberg hat noch immer das Image eines alternativen Viertels über Berlin und Deutschland hinaus. Google möchte sein „lockeres“, „alternatives“,„hippes“ Image stabilisieren, sowie an „kreative“ Ideen kommen. Auf der anderen Seite sind die Gründe für einen Kampf gegen Google, der Versuch die scheinbar unangreifbare technologische Macht anzugreifen. Uns geht es daher nicht um Google selbst, sondern um das Projekt der Herrschaft der Digitalisierung und Technologisierung. Ein konkretes Bauvorhaben eines Tech-Konzerns in Angriff zu nehmen, dies zu verhindern und anzugreifen, sowie eine messerscharfe Kritik zu entwerfen.

Ab dem Bekanntwerden, dass Google einen Campus in Berlin eröffnen will, gibt es unter anderem anarchistische Umtriebe im Kiez gegen das Bauvorhaben von Google. Wohingegen sich der Protest von Bürgerinitiativen und der Linken vor allem gegen die Aufwertung im Viertel richtet, versteht sich ein anarchistischer Kampf als ein offensives Projekt gegen Google als Tech-Firma und die Träume der Herrschaft.

Seit Beginn des Jahres waren im Viertel und an den Wänden des alten Umspannwerk immer wieder Sprühereien gegen Google und die Herrschaft zu lesen: „Freiheit kann man nicht googeln“, „power off“, „start-up revolt“,... In einer Auflage von 7000 wurde eine anarchistische Zeitung (Shitstorm) verteilt, die die Verhinderung des Google-Campus in einen Kontext eines Angriffs gegen die Pläne der Herrschaft (wie z.B. einer Smart City) stellte. Die Plakate, die auf den Wänden zu lesen waren, und die Flugblätter, die verteilt wurden, richteten sich gegen Google, die Technologie, die Herrschaft, sowie die Politik, die versucht den Widerstand gegen den Google-Campus zu befrieden. In der anarchistischen Bibliothek Kalabalik findet einmal im Monat ein „Anti-Google Café“ statt. Dieser Ort dient als Informationsaustausch, Koordination und Diskussion für einen informellen und selbst-organisierten Kampf für die Verhinderung des Google-Campus Berlin. Der anarchistische Vorschlag eines informellen, selbst-organisierten und offensiven Kampfes, ohne den Appell an Politik und jegliche Autorität, ist im Viertel sichtbar. Für den Staat ist dieser in soweit bedrohlich, dass z.B. das alte Umspannwerk das einzige Gebäude auf der 1. Mai Demo war, das explizit von Bullen beschützt wurde.

Obwohl Google bereits einen Mietvertrag hat und Ende 2017 eröffnen will, war von Umbaumaßnahmen, wie allgemein von Bauarbeiten im Umspannwerk, jedoch bis heute nichts zu sehen. Vor einem Monat wurde bekannt, dass die Umbaumaßnahmen von Google in einer ersten Version abgelehnt worden sind. Bis zum heutigen Zeitpunkt des Verfassen dieses Textes ist es also ungewiss, ob Google in das alte Umspannwerk in Kreuzberg ziehen kann. Scheinbar gibt es Probleme bei den Umbauplänen. Diese könnte Google jedoch nachbessern und somit mit einem zweiten Antrag mit den Umbaumaßnahmen beginnen. Wir gehen davon aus, dass Google ein Interesse daran hat in das alte Umspannwerk und nach Kreuzberg zu ziehen, somit ist es lediglich eine Frage der Zeit bis die Umbaumaßnahmen beginnen.
Es ist die Grüne Partei, die sich gegen die ersten Umbaupläne von Google in das alte Umspannwerk in Kreuzberg zu ziehen, stellt. Dabei werden die Politker*innen ihrer Rolle als Vermittler*in für die Herrschaft gerecht, indem sie versuchen den Widerstand im Kiez einerseits auf einen politischen Dialog abzustumpfen und andererseits ihn zu befrieden. In der Presse erschienen mehrere Artikel über den Widerstand im Kiez gegen den geplanten Google-Campus. Die unterschiedlichen Fraktionen, ob Politiker*innen, Linke oder Bürgerinitiativen, argumentierten mit der drohenden Verdrängung und Belastung des Viertels, falls Google in das Umspannwerk zieht. Nicht, dass wir es von den Helfer*innen und Vermittler*innen der Herrschaft erwartet hätten, aber nirgendwo war zu lesen, dass Google nicht nur ein X-beliebiger Konzern ist und welche Rolle Google für das Projekt der Umstrukturierung der Macht spielt. Nichts war zu lesen von der sichtbaren anarchistischen Kritik an der Technologie. Wohl wissend, dass die anarchistische Kritik an der Technologisierung der Macht von Staat und Kapital, von der Politik und Linken nicht übernommen werden kann, da sie sich damit selbst ins Bein schneiden würden, darum müssen sie sie ignorieren. Dies zeigt uns abermals, dass sich ein anarchistischer Kampf nicht nur gegen die Vereinnahmung durch (radikale) Politik wehren muss, sondern die Politik als Feindin anerkennen muss.
Für uns als Anarchist*innen ist letztendlich egal, ob Google nach Kreuzberg kommt oder in einen anderen Stadtteil in Berlin zieht. Für uns geht es nicht darum auf ein Projekt der Herrschaft zu reagieren, sondern dieses Projekt zu attackieren und dabei ein eigenes Projekt zu entwickeln. Das Vorhaben von Google geht daher einher mit den Plänen des Staates der Technologisierung, wie z.B. einer Smarter City oder wie dem Plan der Bundesregierung die Gegebenheiten für eine High-Technologisierte Industrie zu schaffen. Dies bedeutet, dass die Infrastruktur des Landes und der Stadt ausgebaut werden muss: Schnelleres Internet, mehr gratis W-Lan Zugang, mehr Steckdosenanschlüsse in der Öffentlichkeit, ... Was wiederum Bauprojekte benötigt, wie die Verlegung von neuen Kabeln. Ohne auf diese eindeutig sichtbaren Angriffsziele zu warten, bis sie sich auftun, versuchen wir die heutige Herrschaft zu attackieren. Dies bedeutet auch die Ideologie, denen sich die ganzen Tech-Firmen wie Google, verschrieben haben, in den Fokus von einem offensiven anarchistischen Kampf zu stellen. Wir können uns dabei eines konkreten Projekts annehmen, als eine adäquate Methode, um nicht bloß von einer „Apokalypse durch die Technologie“ zu faseln und im Sessel sitzen zu bleiben, sondern konkret hier und jetzt anzugreifen – sich in den Fluss zu stürzen, versuchen mit dem Kopf über Wasser zu bleiben und den Feind zu fokusieren.

Man könnte sagen, dass es zu früh ist einen Umriss eines Kampfes zu schreiben, der nicht älter als ein halbes Jahr ist. Und sicherlich entstand dieser Text aus einer gewissen Spontanität, aber dennoch aus tiefem Interesse eine Diskussion zuführen. Eine Diskussion anzustoßen, um die Fragen, wie und ob ein spezifischer Kampf international sein kann, bzw. ob es einen internationalen Vorschlag geben kann, der sich nicht auf dem Terrain der Symbolik und des Spektakel bewegt.
Aber auch die Fragen nach anarchistischen Angriffen auf die Projekte der Herrschaft, wie der Technologisierung, Smartisierung und Digitalisierung. Die Umstrukturierung der Macht ist ein internationales Projekt, somit darf ein anarchistischer Kampf nicht regional beschränkt sein, sondern muss Wege suchen flächenübergreifend zu sein. Wie bereits erwähnt, richtet sich dieser Text an Gefährt*innen in anderen Teilen der Welt und bemüht sich in Kommunikation zu treten. Sicherlich lassen sich andere Angriffe, Analysen und Vorschläge entwickeln, wenn man nicht durch die Nähe zum Kampf selbst „eingeschränkt“ ist. Dieser kurze und vielleicht zu frühe Umriss des Kampfes in Berlin gegen einen geplanten Google-Campus ist zudem die Verweigerung, erst einen Umriss zu schreiben, wenn alles vorbei ist, sondern in den Wirren des Kampfes selbst.