Titel: Die Ideologie der Wissenschaft
Datum: August 2018
Quelle: Fenrir, Sans Détour, Edition Irreversibel

Die Ideologie der Wissenschaft

Die Geschichte des Menschen war nicht nur durch Taten, sondern auch von Ideen gekennzeichnet. Die verschiedenen geschichtlichen Epochen sind durch politische und religiöse Regime charakterisiert, die immer von Ideologien begleitet wurden, die sie untermauerten oder ihr Motor waren: verschiedene Regime wurden auf einer Ideologie erbaut – also einer Gesamtheit an Annahmen, einer bestimmten Theorie der Weltanschauung – die auf dem Rang der Wahrheit errichtet wurde. Eine Wahrheit, die zu jedem Preis realisiert werden musste und die zum Projekt und dann zum Aktionsprogramm wurde. Im Namen dieser Wahrheit wurden Kriege, Genozide, Folter, Eroberungen und Programme der Massenindoktrinierung durchgeführt.

Die Verbindung zwischen Ideologie und Macht war schon immer unzertrennbar. Es ist in manchen Fällen schwierig zu unterscheiden, ob zuerst die Ideologie aufkam und diese ihren strengsten Anhängern die Macht gab oder ob es eine bestimmte Macht war, welche die Ideologie schuf, die sie untermauerte. In jedem Fall stärken sich beide gegenseitig. Eine Ideologie kann aus einem schon verbreiteten Glauben entstehen oder von der Fantasie einer Person ausgearbeitet werden, die zu einem bestimmten Moment eine wichtige soziale Funktion inne hat, welche ihr eine große Macht verleiht. Mit dem Vergehen der Zeit kann diese Weltanschauung als irrational angesehen werden. Nichtsdestotrotz wird sie in der geschichtlichen Epoche in der sie vorherrschend ist und in welcher es ihr gelingt die Gesellschaft zu gestalten als absolut plausibel angesehen. Wenn sie weder durch Gewalt noch durch Androhung dieser aufgezwungen wurde, schafft sie es sogar die Mehrheit der Leute zu ergreifen, die in diesem Raum-zeitlichen Kontext leben. Für diejenigen, die herrschen und zwangsläufig Anhänger der dominierenden Ideologie der Gegenwart sind (im gegenteiligen Fall wäre ihr Leben kurz), ist es ein großer Vorteil Menschenmassen zur Verfügung zu haben, die bereit sind aus dieser Ideologie die Mission ihres Lebens zu machen, dafür ihre Freiheit aufs Spiel zu setzen oder sogar für sie zu sterben. Das ist die Basis um eine riesige Armee aus Soldatensklaven im Dienst der Ideologie und folglich im Dienst der Macht aufzubauen.


Wahrscheinlich glauben einige der Personen, die die Rolle des Chefs einnehmen, in einem von einer Ideologie geführten Regime, nicht an diese Ideologie, sondern benutzen sie nur als Rechtfertigung um persönliche Vorteile wie Geld, Macht, Prestige oder Sex zu erlangen. Aber in den meisten Fällen glauben sie wirklich daran. Selbst die Massen enden beinahe immer darin, ihr vollständig anzuschließen, aus Angst oder sogar aus tatsächlichen Glauben heraus. Sie werden zu Anhängern dieses Regimes, ohne daraus persönliche Vorteile zu ziehen, denn oft läuft die dominierende Ideologie ihren eigenen Interessen zuwider. Das zeigt welche Kraft eine Ideologie haben kann um den Geist zu formen und ihn zu sehr konkreten Handlungen – sogar zerstörerischen oder selbstzerstörerischen – anzutreiben.
Eine Ideologie besteht gewöhnlich aus einer Weltanschauung und einem Projekt, das man als Utopie definieren könnte. Wenn eine Ideologie an die Macht kommt, wird die Utopie zum Motor eines Aktionsprogramms. Nehmen wir zum Beispiel die Naziideologie. Ins Extreme vereinfacht ist ihre Interpretation der Welt (ihre Wahrheit), dass die Menschheit in Rassen klassifizierbar ist, von denen die arische Rasse die überlegene Rasse ist. Das Projekt ist es, eine neue Ordnung zu schaffen, die auf der Macht, auf dem Konzept der Nation, auf der rassischen Reinheit und dem Gehorsam gegenüber einem Führer gründet. Das Projekt soll mit der Anwendung von Gewalt realisiert werden; in diesem genauen Fall hat es sich mit dem Plan der Verfolgung von Juden und der von anderen sozialen Gruppen, die als minderwertig betrachtet wurden, mit den eugenischen Programmen, mit der Militarisierung und der Hierarchisierung der Gesellschaft, mit der kriegerischen Expansion und so weiter konkretisiert.


Unter den bekanntesten und unterdrückensten Ideologien, gibt es die religiöse Ideologie (Christentum, Islam, etc. etc.): Ihre Wahrheit ist, dass ein Gott existiert, der den Planeten Erde und das ganze Universum schuf, dass die Menschen im Zentrum der Schöpfung stehen, und dass sie nach dem göttlichen Willen zu leben haben um nach dem Tod das Seelenheil zu erhalten. Das Projekt ist es die Ungläubigen zu dieser Wahrheit zu bekehren, um auf der Erde eine Theokratie zu errichten. Das wurde durch konkrete Taten, wie die Religionskriege, der Verfolgung von Ketzern, der heiligen Inquisition, den Kolonialmissionen in allen Ecken der Welt, dem Aufzwingen einer bestimmten Moral in allen Aspekten des Lebens, realisiert.


Wir könnten so weitermachen und die liberale Ideologie untersuchen, oder die sozialdemokratische, die kapitalistische oder die marxistische (obwohl er ein inbrünstiger Kritiker der Ideologie war, hat Marx selbst eine erschaffen). Wir könnten auch in gewissem Maße und in bestimmten Fällen von einer anarchistischen Ideologie sprechen, wenn die ethische Spannung für die Freiheit, die die Revolte gegen die Herrschaft belebt, sich in eine politische Doktrin mit ihren Dogmen verwandelt und sich in einem exakten Projekt zur Realisierung der Utopie formalisiert, welche es im Namen des Volkes zu verfolgen gilt. Ein Risiko, dass man immer im Kopf behalten sollte, um nicht in eine dogmatische Herangehensweise zu verfallen und stattdessen so zu handeln, dass die anarchistischen Ideen immer neu diskutiert und aktualisiert werden, lebendig bleiben und mit der Entwicklung der Realität und des spezifischen Kontextes in Wandlung bleiben.


Nicht nur die religiösen Wahrheiten werden als „heilig“ betrachtet. Wenn man das Fundament der Welt, der Realität, der Gesellschaft sucht, das heißt ihre Essenz, oder wenn man die Hypothesen erforscht, die die grundlegendsten Fragen betreffen, denkt man oft, dass man etwas entdeckt, das jenseits der Erscheinung der Welt liegt. Wenn man die Essenz vorschiebt, oder was man als Essenz vermutet, erniedrigt man die Erscheinung auf die Stufe einer einfachen Illusion. So ist für einen Christen das weltliche Leben, das wir mit unserer Sinnen erforschen, nichts als ein Schein, während die wirkliche Realität versteckt ist. Es ist die der göttlichen Offenbarung, mit ihren anderen Dimensionen von Gott, den Engeln, den Seelen der Verstorbenen etc. etc. Auf die selbe Weise, denken diejenigen, die der Ideologie der Rasse anhängen, dass sie in den Individuen etwas sehen das jenseits ihrer physischen Erscheinung liegt, etwas das tiefer eingeprägt ist, im Blut, in der Erde oder in der Herkunft. Jedes Konzept, welches über das Individuum hinausgeht, kann heilig gesprochen und auf dem Rang des Ideals errichtet werden: das Vaterland, der Staat, das Gesetz, die Moral, die Menschheit, das Gemeinwohl, die Majestät, die „fixen Ideen“ von denen Stirner spricht, beschreiben mit diesem Ausdruck alle Ideen, die die Menschen unterjocht haben, „Unverrückbar, wie der Irrwahn eines Tollen, stehen jene Gedanken auf festem Fuße, und wer sie bezweifelt, der – greift das Heilige an! Ja, die „fixe Idee“, das ist das wahrhaft Heilige! Begegnen Uns etwa bloß vom Teufel Besessene, oder treffen Wir ebenso oft auf entgegengesetzte Besessene, die vom Guten, von der Tugend, Sittlichkeit, dem Gesetze oder irgend welchem „Prinzipe“ besessen sind?“
Der Fanatismus charakterisiert die von den fixen Ideen besessenen Personen, die sich in wahrhaftige Glaubensformen oder Ideologien verwandeln können, bis sie, im schlimmsten Fall, zum Fundament totalitärer Regime werden. Vereinfacht könnten wir sagen, dass jede Ideologie potentiell die Rolle der Religion annehmen und zum selben irrationalen Fanatismus treiben kann.


Natürlich entwickeln sich diese Ideologien nicht am Rand des sozialen Kontexts, sondern sind ganz im Gegenteil an ihre geltenden historischen Kontexte gebunden: ab dem Moment, wo es ihnen gelingt die vorherrschende Art des Denkens zu werden, dienen sie den Interessen derjenigen, die die Macht haben und sie ihrerseits verstärken. Darüber hinaus durchdringen sich Macht und Ideologie ab dem Punkt gegenseitig, wo sie ihre Interessen teilen. Sie vermischen sich. Das eine beeinflusst das andere. Die Wissenschaft ist die herrschende Ideologie der modernen Epoche, sie ersetzt die Rolle der Religion und wurde so selbst zur Religion.1 Wenige Personen erkennen diese Tatsache, weil es die Tendenz gibt die Wissenschaft als eine objektive und definitive Interpretation der Welt zu betrachten, also als eine Wahrheit: aber das ist genau die fundamentale Eigenschaft, die immer alle Ideologien angenommen haben. Es ist genau diese Tendenz sich als totalisierende, unbestreitbare und objektive Interpretation vorzuschlagen und dabei alle vorherigen Weltanschauung ungültig zu machen und zu ersetzen, die alle Alarmglocken auslösen sollte. Die Priester dieser neuen Religion (in diesem Fall die Wissenschaftler und Techniker) präsentieren sich mit dieser gewohnten Arroganz als diejenigen, die alle Antworten haben, die alle großen Probleme der Menschheit lösen können. Und wie gewöhnlich schaffen sie mehr Probleme als sie vorgeben zu lösen.


Sie versichern Antworten auf die großen Fragestellungen des Bewusstseins zu haben: Woher kommen wir? Was ist das Leben? Worin besteht unsere Beziehung zum Kosmos? Warum werden wir krank und warum sterben wir? Gibt es etwas außerhalb der physischen Welt? Wie soll die Gesellschaft organisiert werden? Und wie jeder Prediger und Ideologe haben sie metaphysische Versprechen des ewigen Lebens: Wir werden die Krankheiten und den Tod besiegen, wir werden uns von unseren fehlerhaften Körpern befreien, wir werden jenseits der uns innewohnenden Grenzen gehen, wir werden zu überlegenen Wesen werden… in diesem Fall zu Mensch-Maschinen, Cyborgs oder zu Bewusstsein ohne Körper, das auf Computer transferiert wurde. Im transhumanistischen Diskurs, häufen sich die religiösen Analogien. Aber die transhumanistische Ideologie ist nichts anderes als eine aktualisierte Version der Ideologie, die die moderne Wissenschaft seit ihrer Entstehung ausmachte, mit einer zusätzlichen Injektion eines verrückten Gefühls der Allmacht, das durch die konkreten Ergebnisse der Tech-Wissenschaft der letzten Jahre, verliehen wurde; ihren angeblichen „Erfolgen“.


Die von der Wissenschaft vorgeschlagene Weltanschauung, ist eine reduktionistische, materialistische und mechanische Interpretation. Laut dieser Interpretation hängen die wesentlichen Realitäten von einer physio-chemischen Erklärung ab. Die Lebewesen sind Mechanismen, die aus Verzahnungen bestehen. Jede Bewegung hat eine rationale Erklärung, eine Verkettung von Ursache und Wirkung. Der Geist ist das Resultat neuronaler Verbindungen in unseren Gehirnen. Das Buch der Natur „ist in einer mathematischen Sprache geschrieben“. Die wahrhaftige Realität wäre demnach nicht die, die wir sehen, sondern die, die darunter liegt, die (für das bloße Auge nicht wahrnehmbare) Organisation der Zellen, der Atome, der Elektronen.


Diese Interpretation der Welt wird als neutral und objektiv betrachtet, aber sie ist es absolut nicht. Seit mehr als einem Jahrhundert beharrt die Biologie darauf die Lebewesen als Maschinen anzusehen und in dieser Konsequenz zu handeln; aber um das zu tun, musste sie das Feld auf die Phänomene begrenzen, die mit ihren Forschungsthemen kompatibel sind, wobei sie jedes reale Phänomen ausspart, das im Widerspruch mit ihrer Sichtweise steht. Sobald eine Annahme übernommen wurde, erscheint es ihr genügend, sich auf Phänomene zu fokussieren, die diesem Imperativ entsprechen (oder entsprechen zu scheinen) um es zu beweisen und alles andere zu ignorieren, was man mit dieser Methode nicht angehen kann. Darüber hinaus wird das Ignorieren des Rests nicht als Fehler angesehen, weil es Teil der wissenschaftlichen Methode selbst ist. Daher beweist sich die wissenschaftliche Wahrheit tautologisch selbst, indem sie jeden Streitfall ablehnt. Die Natur in ihrer Gesamtheit, ebenso wie die lebenden Organismen und die Materie, werden als ein Gesamtwerk von Mechanismen oder Zahnrädern beschrieben, das man studieren und manipulieren, ersetzen und reproduzieren, unterwerfen und beherrschen kann, selbst wenn die Reaktionen der Natur, unvorhersehbar, wild und manchmal gewalttätig sind und die Wahrheit der wissenschaftlichen Gesetze widerlegen. Auch wenn die Wissenschaftler in letzter Zeit zur Bekräftigung neigen, sie seien über das mechanistische Konzept der Vergangenheit hinaus gegangen, so sind ihre Manipulationen in den Laboren (von der Nuklear-Physik bis zur Bio- und Nanotechnologie) nur durch eben diese Art Konzepte möglich gemacht worden.


Wir sagten, dass jede Ideologie versucht das zu greifen was die Realität unterstützt, ihre Essenz ist und in dieser Sichtverschiebung wird die unmittelbare Realität auf einen Schein reduziert, eine einfache Illusion. Jetzt da die Wissenschaftler entdeckt haben, dass die lebenden Organismen aus Zellen, Atomen, Genen bestehen, sind sie davon überzeugt die Wahrheit über das Lebende zu besitzen, dass sie das Geheimnis der Natur entschleiert haben. Die individuellen Subjekte mit ihren spezifischen Empfindungen, ihren Gefühlen, ihren Willen, ihrer Geschichte, ihren Intentionen etc. etc. verschwinden und werden zu Erscheinungen. Im Namen dieser wissenschaftlichen Objektivität, wird das Bewusstsein vom Terrain der Untersuchung ausgeschlossen, das Unterbewusstsein noch mehr. Die Realität der lebenden Organismen wird zu der komplexer, lebender Maschinen, die von „egoistischen“ Genen und von einem Computer anstelle des Gehirns programmiert werden. Die Ideologie, mit ihren Wahrheiten und semantischen Ausrutschern zwingt einen verzerrten Blick auf die Realität auf und in der Reduzierung des Felds der Möglichkeiten, überzeugt sie uns davon das Lebende auf eine Maschine zu reduzieren. Es ist also ein Lebewesen, das vollständig seiner Vitalität beraubt wurde und zum Objekt der modernen Wissenschaft wird. Denn jeder Faktor der Unvorhersehbarkeit muss eliminiert werden. Mit allen Konsequenzen, die eine solche „Devitalisierung“ mit sich bringt, sowohl für das Individuum als auch für die Gesellschaft, in einer Epoche in der die Wissenschaft Seite an Seite mit der herrschenden Macht voranschreitet und sie ununterbrochen mit neuen Regierungsinstrumenten versorgt.


Als die christliche Religion noch die herrschende Ideologie war, wurden die Theologen als den Philosophen überlegen betrachtet, mehr noch gegenüber den Mathematikern, weil die Quelle der Wissensmacht im Geiste lag.
Das theologische und religiöse Wissen war das meist geschätzte, weil es das war, das sich am meisten von der Materie entfernte und das mehr als die anderen, den Geist über die irdische Welt erhob. Diese Hierarchie, wertvoll in der alten und mittelalterlichen Welt, wurde durch das Auftauchen der Ingenieure, Buchhalter und Händler, im Wesentlichen durch das Auftauchen der Marktwirtschaft, umgestoßen. Von diesem Moment an begann das Wissen eine soziale Macht zu übertragen, da es eine Kontrollausübung über die Materie und eine unmittelbare Umsetzung in Technik ermöglichte: es ist kein Zufall, dass sich die Aufgaben des Ingenieurs, der im Dienste des gegenwärtigen Souveräns steht, von Anfang an in Richtung militärischer Anwendungen orientiert haben. Die Macht legitimiert das wissenschaftliche Wissen, welches wiederum Techniken produziert, die der Macht nützlich sind. Dieses Paradigma besteht auch bis heute noch.


Das Projekt der modernen Wissenschaft war es immer, die Herrschaft der Menschen über die Erde auszuweiten, ihn über den Rest der Tierwelt zu stellen. Wie kann dieses Projekt in die Tat umgesetzt werden? Vor allem indem man die Natur unterwirft. Das ist nur möglich indem man ihre Gesetze, die Funktionsweise der Lebewesen und der Materie, das Geheimnis des Lebens kennt. Eifersüchtig darüber wie die lebenden Organismen fähig sind, sich in allen Sphären biologisch mit einer unglaublichen Fließfähigkeit und Komplexität selbst zu organisieren, versuchen die Wissenschaftler diese Organisation künstlich im Labor zu reproduzieren um sie zu kontrollieren und sie für ihre eigenen Zwecke zu benutzen.


Die Wissenschaft ermöglicht es so die Macht des Menschen über die Natur zu vergrößern und das, indem sie die Technologie kreiert: das Studium der Materie der natürlichen Phänomene und der Lebewesen liefert das nötige Wissen um sie nach ihrem Willen modifizieren, formen und ausbeuten zu können. Die Unterwerfung der Wissenschaft unter die wirtschaftliche und politische Macht führt dazu, dass ihre Potentiale in den Dienst der schlimmsten Abscheulichkeiten gestellt werden, die das System des Marktes und die Macht der Staaten bewilligt.


Das geht Hand in Hand mit einem anderen Ziel der Tech-Wissenschaft, und zwar der Verbesserung der menschlichen Spezies auf physischer und kognitiver Ebene. Der wissenschaftlichen Propaganda zufolge, die täglich die Massenmedien durchdringt, ermöglichen es die Entwicklungen der Neurowissenschaften, der Robotik, der Neuropharmalogie, der Nanotechnologien und der Biotechnologien, angewandt auf den Menschen, Krankheiten zu besiegen, indem man das Genom bereits beim Embyro modifiziert. Sie erlauben es uns die unerwünschten Gefühlszustände zu ändern und unsere intellektuellen Fähigkeiten dank Medikamenten und Technologien für das Gehirn zu stärken. Sie erlauben es uns mit diversen robotischen Prothesen auszustatten um unsere Kraft zu erweitern, uns mit personalisierten Nanomedikamenten zu behandeln, uns in Reagenzgläsern im Labor zu reproduzieren. Auf diesen Wegen findet der zivilisierte Mensch von heute, durch Ideologien geblendet, Gefallen an der Macht seiner Spezies und seiner göttlichen Natur, wobei er die Verwüstung und das Leiden vergisst, das die Ideologie des Fortschritts überall drumherum und in ihm selbst anrichtet, indem sie sich mit einer kolonisierenden Grausamkeit überall aufzwingt. Was nützt es noch weiterhin neues wissenschaftliches Wissen anzuhäufen, das weit davon entfernt ist für unser Glück nützliches Wissen zu werden und nur dazu dient die Massen an die Leichtgläubigkeit und an die Delegation zu gewöhnen und die Macht der Industrien und der Regierungen zu stärken?


Nicht alle Wissenschaftler oder Techniker sind sich der Ideologie bewusst, die sie bestimmt. Aber sie werden nichtsdestotrotz zu Instrumenten oder Soldaten eines Projekts, das über sie hinausgeht und dessen sich einige von ihnen hingegen mit Klarheit bewusst sind. In einer historischen Epoche in der die Wissenschaft und nicht mehr die Religion, das Monopol der Wahrheit über die Welt trägt, ist und muss die Unterstützung der herrschenden Macht absolut und bedingungslos sein. Das begünstigt beide. Die Ideologien haben schon immer einen doppelten Diskurs, ein doppeltes Ziel gehabt: auf der einen Seite die Personen mit dem Versprechen zu befriedigen, für ihr Wohl zu handeln und auf der anderen Seite den politischen Eliten zu schmeicheln um Begünstigungen und Subventionen zu erhalten. Der größte Teil der Bevölkerung steckt heute in der x-ten mystifizierenden Ideologie der Geschichte fest, bereit diese Wahrheit mit Haut und Haaren zu verteidigen, geblendet von den brillanten Ergebnissen und zu ängstlich ihre Widersprüche und das Unangenehmste an ihr so schnell wie möglich zu vergessen. Die Macht ihrerseits zieht weitläufig Profit aus den Gaben mit denen die Wissenschaftler sie in Form von Technik ausstatten, um auf exponentielle Weise die Effizienz von Krieg und Kontrolle zu vergrößern, die für ihre Existenz so unverzichtbar sind. Das ist der Moment den Schleier der Mystifizierung zu zerreißen, den die wissenschaftliche Ideologie vor die Augen vieler gehängt hat, um ihre zerstörerische Natur und ihre unausweichliche Versklavung durch die Mechanismen der Macht zu enthüllen.


Italienisches Original erschienen in Fenrir, Nr. 9, August 2018——-



Erschienen auf französisch in Sans Détour, Nr. 1, November 2018——-



Übersetzt aus dem Französischen, Februar 2020, Edition Irreversibel——-


1Diese Aussage erscheint uns falsch zu sein. Es besteht kein Zweifel, dass die Rolle der Religion im Kontakt mit der Wissenschaft tiefgründig gewachsen ist, aber die Ideologie der letzteren hat die erstere nicht ersetzt, vielmehr hat sie sie ergänzt und sich manchmal mit ihr vermischt. (Sans Détour)