Man kann den Primitivismus als den Glauben definieren, dass die vollkommenste Form des menschlichen Lebens jene sei, die bis ins erste Zeitalter der Menschheit zurückgeht (Mythos des Goldenen Zeitalters), oder auch jene, die heute noch unter den überlebenden primitiven Völkern existiert, welche für näher am wirklichen Wesen der menschlichen Natur gehalten werden. Daraus folgernd soll die ganze Zivilisation nichts anderes darstellen, als ein riesiges Bauwerk der Domestizierung der ursprünglichen Triebe des Individuums. Mit seiner Akkumulationslogik, seiner Warenproduktion, seinem technologischen Fortschritt und seinen politischen Institutionen habe uns der so gerühmte Evolutionsprozess zwar erlaubt, das Leben in den Höhlen zu verlassen, zugunsten von jenem in den Metropolen, aber dies sei auf Kosten unserer Authentizität, unseres Wesens als Menschen geschehen. Die Evolution sei in Wirklichkeit eine Rückentwicklung, eine Entfernung vom Glück und nicht eine Annäherung daran; eine Art äußerlicher Prozess, der aufgrund reiner sozialer Konventionen etwas viel verwurzelterem, unverfälschterem und tiefgründigerem übergestellt wurde. Die offizielle These bestreitend, welche die Vorgeschichte als eine Epoche schrecklichen Elends beschreibt, worin der nackte Mensch ohne technische Hilfsmittel der Tyrannei einer feindlichen Natur nichts als unterliegen konnte, verfechtet der Primitivismus die Notwendigkeit, sich von allen modernen künstlichen Verkrustungen zu befreien, um schließlich wieder jene ursprüngliche Freiheit genießen zu können, die wir verloren, nachdem wir sie gegen den Wohlstand der Konsumgüter eintauschten.

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Alles, was wir über die Anfänge der Menschheit wissen, verdanken wir dem Studium der materiellen Spuren, die die ersten Menschen hinterließen und die bis in unsere Zeiten gelangt sind. Diese Spuren sind im Wesentlichen Tier- und Menschenknochen und eingekerbte Steine. Ihre Anordnung auf den archäologischen Ausgrabungsstätten kann uns ebenfalls wichtige Informationen über unsere entfernten Vorfahren geben. Aber das hauptsächliche Problem ist, dass diese Spuren extrem fragmentarisch sind und unmöglich mit Genauigkeit datiert werden können. Ausgehend von diesen schwachen Spuren wagen sich die Wissenschaftler an Hypothesen und formulieren Theorien, die oft wieder von weiteren Entdeckungen erschüttert werden. Die Erkenntnisse über die Vorgeschichte sind also ein Bereich des Wissens, der ziemlich instabil und für Veränderungen empfindlich ist: die Vorstellung, die wir uns von diesem Zeitalter machen, kann nicht so präzise sein, wie die, die wir von den neueren Zeitaltern haben. Die Gewissheiten sind selten und ziemlich vage. Wenn die letzten dreißig Jahre, dank der zahlreichen „Entdeckungen“ und der Weiterentwicklung der Forschungsmethoden, das karikaturhafte Bild der Vorgeschichte beträchtlich veränderten, das im 20. Jahrhundert vorherrschte – indem sie die Bilder von Mangel und Unglück widerlegten, womit man sich für gewöhnlich das Leben der primitiven Menschen vorstellte –, so haben sie gleichzeitig andere Probleme hervorgebracht, die dazu tendieren, die Frage immer verworrener zu machen. In der Absicht, ein idyllisches Bild von den Anfängen der Menschheit zu präsentieren, suchen die Primitivisten nun nach jenen Elementen, die es ihnen ermöglichen können, ein derartiges Bild zu zeichnen. Natürlich, je weiter zurück sie ihren Blick richten, desto mehr weist die Evolution des Menschen in Richtung seiner „modernen“ Form Elemente der Entfremdung auf, die unbestreitbar werden. Für jene, die etwas über die Menschheit zu ihrem Beginn wissen wollen, ist die Archäologie die einzige verfügbare Ressource. Wie viele Vorbehalte wir ihr gegenüber auch hegen mögen, wir sind also gezwungen, ausgehend von ihren Entdeckungen zu argumentieren. Und so fischen die Primitivisten, nachdem sie eine berechtigte Unschlüssigkeit über den guten Glauben dieser getrennten Wissenschaft ausdrückten, mit vollen Händen aus ihrer spezialisierten Literatur. In diesem Fall seien die wissenschaftlichen Entdeckungen nur ein Mittel, um ihre Überzeugungen zu bestätigen. Während sie ihre Vorbehalte über die Schlussfolgerungen anbringen, zu denen diese Branche des getrennten Wissens gelangt ist, behalten sich die Primitivisten das Recht vor, dort, wo es ihnen gelegen kommt, das Argument der wissenschaftlichen Autorität zu benutzen, und sie zurückzuweisen, wenn sie ihnen nicht mehr passt. Schlussendlich handelt es sich darum, die Wissenschaft zu instrumentalisieren, die, als kulturelle Institution, niemals objektiv sein kann.

Wir könnten beispielsweise den posthumen Ruhm nehmen, den der französische Anthropologe Pierre Clastres, der Autor des berühmten Die Gesellschaft gegen den Staat, unter den Primitivisten genießt. Mit seiner leidenschaftlichen Beschreibung vom Leben der primitiven Völker als ein Dasein, das im Zeichen des Überflusses und der Freude verbracht wurde, und mit seiner harten Kritik der Macht und des Staates – als Hauptverantwortliche für die Vernichtung der Freiheit –, war er stets ein Referenzpunkt für das radikalere primitivistische Denken. Und doch definiert Clastres selbst, am Ende seiner Verherrlichungen der Zeiten, die einst waren, den Prozess, der die primitive Gesellschaft dazu brachte, zu einem Staat zu werden, als «unwiderruflich». So gelangt er, während er sich auf eben die Lehren stützt, die er aus dem Studium der Geschichte und der Ethnologie zog, zum Punkt, der Freiheit jegliche zukünftige Realisierungsmöglichkeit abzusprechen. Die Schlussfolgerung kann nur zur Nutzlosigkeit einer Revolte gegen die Macht führen. In anderen Worten: Clastres kritisiert den Staat, während er seine Unabwendbarkeit behauptet: «Unwiderstehlich, niedergeschlagen, aber nicht vernichtet, bekräftigt sich schließlich die Macht des Staates immer wieder neu...». Sich über die Existenz einer «Hierarchie des Schlimmeren» in der Welt der Sklaverei bewusst, lässt Clastres den zeitgenössischen Individuen noch eine einzige Möglichkeit: sich auszusuchen, auf welcher Stufe dieser Hierarchie sie sich verorten wollen; das alte und hassenswerte reformistische Lied vom geringeren Übel. Denn für Clastres gibt es keinen Zweifel: «Die Denaturierung schließt die Erinnerung an die Freiheit, und daraus folgernd, das Verlangen, sie zurückzuerobern, aus. Jede getrennte Gesellschaft ist also dazu bestimmt, fortzudauern.»

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Man könnte einwenden, dass wir bisher im Bereich der Interpretationen geblieben sind. Es ist also nichts verwunderliches daran, dass jeder seine eigenen hat. Lasst uns also eine Frage im Detail betrachten, jene der Jagd. Viele Primitivisten sind Vegetarier, einige im strikten Sinne, und sind der Ansicht, dass die Tatsache, Fleisch zu essen, abgesehen davon, dass es unmoralisch ist, da es die Tötung von Tieren impliziert, auch der Gesundheit schadet. Das Einsammeln der Früchte der Erde muss also der natürliche Zustand der „guten“ Menschheit gewesen sein. Auch wenn einige Wissenschaftler behaupten, dass das Sammeln die wichtigste Nahrungsressource war, beweist das trotzdem nicht, dass sie die einzige war. So stützen sich die Primitivisten auf jene Wissenschaftler, laut denen die Tatsache, dass in vielen archäologischen Ausgrabungsstätten keine Schlachtwerkzeuge gefunden worden sind, aufzeigt, dass es keinen Tierfleischverzehr gab. Die ersten Menschen waren also Vegetarier. Und doch gibt es mindestens eine archäologische Ausgrabungsstätte, die das Gegenteil beweist: diejenige von Olduvai, im Norden von Tanzania, wo nicht nur menschliche Überreste, sondern auch die Überreste eines Elefanten, gemeinsam mit mehr als zweihundert Werkzeugen, die zu seiner Schlachtung gedient haben, gefunden wurden. Darauf könnte jemand erwidern, dass dies nicht die Praxis der Jagd beweist, sondern vielleicht ein Verzehr von Kadavern. Aber auf derselben Ausgrabungsstätte wurden auch einige Antilopenschädel gefunden, die in der Kopfmitte die Anzeichen eines gewaltsamen Bruchs aufwiesen, der durch einen Stock- oder Steinschlag entstand. Dies weist zweifellos auf eine bereits reichlich definierte Praxis des Erlegens hin, die präzisen Regeln folgte, was die These eines gelegenheitsbedingten Kadaververzehrs widerlegt – und mehr noch die eines allgemeinen Vegetarismus bis zum Aufkommen des „modernen“ Menschen. Auch auf der Ausgrabungsstätte von Vallonnet, die 1962 entdeckt wurde, sind die Überreste eines Walfischs gefunden worden, der sicherlich auf eine Sandbank geraten und dann bis zu einer Höhle geschleift worden ist, um dort geschlachtet zu werden. Die ersten Steinwerkzeuge haben also nicht nur zur Präparierung von pflanzlichen Substanzen gedient.

Auf gleiche Weise, um die These aufzustellen, dass es bei der Arbeit keine Geschlechtertrennung gab, verfechten die Primitivisten die Vorherrschaft des Sammelns, das sie für eine nicht geschlechtergetrennte Tätigkeit halten. Tatsächlich ist die Vorherrschaft des Sammelns fast gewiss. Dies gesagt, was können wir wissen über die bestehende oder nicht bestehende geschlechtliche Trennung innerhalb dieser Aktivität in diesem Zeitalter?

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Die Primitivisten wollen glauben machen, dass die Menschen in der Vergangenheit die Arbeit, die soziale Domestizierung, die Autorität und jede andere „Errungenschaft“ des Fortschritts bis vor relativ kurzer Zeit entschlossen zurückgewiesen haben. Die einzigen Argumente, die zur Verteidigung dieser These vorgebracht werden, sind, dass die Menschen des Paläolithikums ebenso intelligent waren wie wir, und daher die erforderlichen intellektuellen Werkzeuge besaßen, um den Fortschritt zu entwickeln, dies aber während mehr als zwei Millionen Jahren nicht geschah. Dies soll beweisen, dass die primitiven Wesen den „Wohlstand der Zivilisation“, als falsch und entfremdet, bewusst zurückwiesen. Man braucht keine vertieften Kenntnisse im Bereich der Vorgeschichte, um die Schwäche einer solchen Argumentation zu bemerken. Nicht, dass diese These an und für sich absurd wäre: nur, dass sie nicht bewiesen werden kann. Um von Zurückweisung sprechen zu können, ist es zunächst notwendig, dass die betreffende Person oder Gruppe über das, was sie zurückwies, ein Bewusstsein hatte. Man kann nur zurückweisen, was vorgeschlagen wird.

Man kann von einer Zurückweisung des Berufs als Weber von Seiten der englischen Arbeiter im Jahr 1830 sprechen, die den Luddismus ins Leben rief. Doch um von einer Zurückweisung des Ackerbaus oder der Viehzucht von Seiten der primitiven Menschen zu sprechen, müssten ihnen diese Praktiken vorgestellt worden sein, müssten sie sie vielleicht ausprobiert und dann verworfen haben. Es wäre also notwendig, irgendeine Spur zu finden, die beweist, dass die Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Vorgeschichte begonnen haben, Ackerbau zu betreiben, um ihn dann wieder aufzugeben und wieder ein Leben als Jäger und Sammler aufzunehmen. Dann kann man von einer Zurückweisung sprechen. Aber vorläufig, beim aktuellen Stand der Kenntnisse, haben die Menschen, ab dem Moment, wo sie Ackerbau und Viehzucht betrieben, nie wieder kehrtgemacht (wie Clastres darauf aufmerksam machte).

Sicher, auch heute gibt es noch Regionen, in denen Jäger und Sammler Seite an Seite mit sesshaften Landwirten leben: Zum Beispiel gewisse Bushmen-Stämme in Afrika, die – laut gewissen ethnologischen Untersuchungen – den Ackerbau für «nutzlos und ermüdend» halten. In diesem Fall gäbe es eine Zurückweisung in Kenntnis der Sache. Dennoch scheint es nicht, dass diese Bushmen den Ackerbau selbst ausprobiert haben, sondern eher, dass sie sich darauf beschränkt haben, die Praktiken ihrer Nachbarn von außerhalb zu beobachten. Das, was sie zurückweisen, ist eine Lebensweise, die ihrer Kultur fremd ist. Man kann im Übrigen beobachten, dass, wenn die Nomaden nur schwerlich zu Sesshaften werden, die Sesshaften ihrerseits nur schwerlich zu Nomaden werden.

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Mit dem Übergang zum Neolithikum wohnt man einer wahrhaften Revolution bei, wie man es zu sagen pflegt. Man kann auch von einem gigantischen Bruch sprechen. Eine Lebensweise, die während mehr als zwei Millionen Jahren, zumindest in großen Zügen, mehr oder weniger stabil blieb, verwandelt sich schonungslos in eine andere Lebensweise, die schließlich, ihre eigene Evolution fortsetzend, völlig anders wird als das ursprüngliche Modell. Das alles geschah natürlich nicht innerhalb von einem Tag, aber die Geschwindigkeit des Fortschritts des neolithischen Bruchs ist quasi exponentiell. Drei- oder viertausend Jahre waren ausreichend, um ihn zu generalisieren. Selbstverständlich liegt die Frage nicht darin, zu wissen, wieso die Zivilisation erst ab einem gewissen Zeitpunkt ihren Anfang nahm, sondern, wieso sie angefangen hat. Nur wäre es, um zu versuchen, dieses Rätsel zu bewältigen, erforderlich, sich mit einer Menge schwer erreichbaren Details auseinanderzusetzen. Man müsste die klimatischen Faktoren, die Demographie, die soziale Struktur der primitiven Gesellschaften und viele andere Dinge untersuchen. Und doch würden die Gründe des neolithischen Bruchs ein Mysterium bleiben. Diesbezüglich sollte angemerkt werden, dass die Ideen von Marx über die «Herrschaft der Natur», die so viel zur Gründung der Fortschrittsideologie der alten Arbeiterbewegung beigetragen haben, aufgrund von ganz anderen Ausgangspunkten als den primitivistischen in Frage gestellt werden. Die Herrschaft der Natur ist nicht im Schicksal der menschlichen Gesellschaften eingeschrieben, ebenso, wie es auch ihre Achtung nach integralistischer Art nicht ist. Wenn die Menschen Werkzeuge schnitzen, wenn sie ein Tier töten, um sich davon zu ernähren, versuchen sie nicht, die Natur zu beherrschen, sondern, sich das zu besorgen, was sie brauchen. Die menschlichen Gesellschaften neigen eher dazu, sich selbst zu bewahren, dazu, die eigenen Strukturen aufrechtzuerhalten, als dazu, die umliegende Umgebung zu beherrschen. Die Ausbeutung der Natur ist also nicht das Ziel der Menschheit, sondern die Konsequenz einer Lebensweise, einer sozialen Organisation. Der Übergang von der Vorgeschichte zur Zivilisation ist weder das Werk einer Anpassung an die Verpflichtungen der Umwelt, noch das einer Art Verschwörung des Geistes der Herrschaft gegen den Geist der Freiheit, sondern das eines Wandels, der von einer Veränderung der sozialen Struktur an sich bedingt wurde.

Dies bedeutet nicht, dass die Menschen ohne Verbindungen zur Umwelt leben, die sie umgibt, was absurd wäre, sondern, dass es die symbolischen Strukturen der menschlichen Gesellschaft sind, die ihr Verhältnis zur Natur bedingen und nicht umgekehrt, ein Verhältnis, das selbst eine Folge aus der Art der Beziehungen ist, die die Menschen innerhalb ihrer Gesellschaften unterhalten, also ihrer Lebensweise.

Wie wir gesehen haben, ist alles, was man über die Kultur und die Lebensweise der ersten Menschen, die vor zwei Millionen Jahren lebten, sagen kann, nur Interpretation und Annahme. Das Studium der letzten überlebenden primitiven Völker trägt nicht dazu bei, Klarheit darüber zu schaffen. Wir können nicht außer Acht lassen, dass diese „Primitiven“ dennoch noch immer unsere Zeitgenossen sind. Es gibt keinen Grund, zu glauben, dass das Leben, das sich in den primitiven Gesellschaften vor zwei Millionen Jahren abspielte, exakt demjenigen entspricht, das von den primitiven Völkern von heute, zwischen einem Flugzeug, das über ihre Territorien fliegt, und den sich abwechselnden Teams von Universitätswissenschaftlern, die sie ständig beobachten, gelebt wird. Ebenso, wie es absurd ist, anzunehmen, dass die sozialen Bedingungen der primitiven Gesellschaften im Zeitraum von Millionen von Jahren völlig unverändert geblieben sind, genauso ist es nur schon absurd, von einem „primitiven Wesen“ wie von einer einzigen Entität zu sprechen.

Das bedeutet deswegen nicht, dass alles, was von den Primitivisten behauptet wird, verfälscht sei. Es ist verständlich, dass man von den zahlreichen Beschreibungen des glücklichen Lebens der letzten primitiven Völker, wie beispielsweise der Tasady auf den Philippinen, fasziniert ist: «Die Tasady weisen alle Anzeichen der Glücklichkeit auf... Sie kennen keine Hierarchie, keine Ungleichheit, kein Eigentum, keine Unsicherheit, keine Einsamkeit und keine Frustrationen. Sie sind perfekt in ihre natürliche Umgebung integriert und können mit nur einigen Stunden Arbeit pro Tag ausreichend Nahrung aus ihr gewinnen. Ihr soziales Leben scheint ohne Streite, Spannungen und Feindseligkeiten zu sein. Sie verbringen den größten Teil ihrer Zeit damit, zu spielen, zu diskutieren oder zu fantasieren». Es kann nicht bestritten werden, dass die primitive Realität auf dem Altar des Fortschrittskults geopfert wurde. Aber, indem sie versuchen, ausgehend von A-priori-Auffassungen und Projektionen der eigenen Verlangen ein einheitliches Bild vom Leben der primitiven Menschen aufzuzeichnen, projizieren die Primitivisten schließlich ihre eigene Kultur auf die von anderen; eine Aufgabe, die durch die Entfernung in der Zeit und im Raum und durch die Spärlichkeit an diesbezüglichen Informationen umso einfacher gemacht wird. Diese Tendenz, in welche alle menschlichen Wissenschaften fallen, verpflichtet zur Vorsicht. Die sicherste Weise, sich über irgendeine Realität zu täuschen, besteht darin, sie um jeden Preis etwas aussagen lassen zu wollen. Das bedeutet nicht, dass man den Vermutungen nicht freien Lauf lassen darf. Zahlreiche grosse Entdeckungen waren das Ergebnis einer genialen Intuition. Aber diese Vermutungen müssen bestätigt werden und dort, wo es aus praktischen Gründen nicht möglich ist, dass das passiert, beim Status von Vermutungen bleiben, ohne sie als fundierte Tatsachen durchgehen zu lassen.

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Die primitivistische Ideologie präsentiert sich als x-tes Wiederaufleben eines alten Romantizismus, der berühmte Vorgänger, wie Rousseau oder Montaigne, kennt. Sie basiert auf dem Postulat, dass unsere Kultur „schlecht“ sei, da sie den «Kontakt mit der Natur» verloren hat, welcher die «Authentizität» der primitiven Völker bildet. Der Primitivismus ist also eine Umkehrung der herrschenden Ideologie. Eine Art verkehrter Determinismus. Wenn die herrschende Ideologie in der Evolution einen ständig wachsenden Fortschritt sieht, der die Bedingungen des Menschen verbessert hat, sieht der Primitivismus im Fortschritt eine absteigende Parabel, die uns immer weiter von uns selbst entfernt. Wenn die Progressivisten in der Gründung des Staates eine Verteidigung sehen, die zum Schutz vor dem wilden Urchaos errichtet wurde, als der Mensch dem Mensch ein Wolf war, ist es für die Primitivisten der zivilisierte Mensch, der den Wolf darstellt, und ist es eben der Staat gewesen, der ihn gegen die freien Menschen aufgehetzt hat. Unter diesem Gesichtspunkt könnten die Worte von Pierre Clastres nicht verdeutlichender sein. Was für eine primitive Gesellschaft ausschlaggebend ist, was sie typologisch charakterisiert, ist eben die Abwesenheit eines Staates: «Es gibt einerseits die primitiven Gesellschaften, oder diejenigen ohne Staat, und andererseits die staatlichen Gesellschaften». Die primitiven Gesellschaften sind Gesellschaften des Überflusses, der Freizeit, des Spiels, Gesellschaften «ohne Glauben, noch Gesetz, noch König»: Paradiese auf Erden, die vom plötzlichen Erscheinen des Staates zerstört wurden.

Aber der Primitivismus ist nicht das einzige Denken, das sich auf der Vorstellung begründet, dass der ursprüngliche Zustand der Menschheit ein irdisches Paradies gewesen sei, das mit der Errichtung der weltlichen Macht verloren ging. Diese Vorstellung ging im Verlaufe der Geschichte unter der Oberfläche umher und war imstande, sich, in der Psycho-Ideologie der unterdrückten Klassen, von der Vergangenheit in die Zukunft zu projizieren und sich in dem Verlangen zu konkretisieren, durch die Zerstörung des Staates und die Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft das Paradies auf Erden wiederherzurichten. Vom Millenarismus bis zur langen Welle des französischen Mai waren die Augen stets auf die Zukunft gerichtet, jene Zukunft, die heute einige eben „primitive Zukunft“ nennen. Es ist kein Mysterium, dass sich diese Augen, seit vielen Jahren bereits, aufgrund von Entmutigung geschlossen haben.

Und hier kommen wir auf einen anderen Aspekt des Primitivismus, der Perplexität hervorruft. Wenn die „primitiven Gesellschaften“ „Gesellschaften ohne Staat“ sind, wieso sollte dann der Begriff Primitivismus demjenigen von, sagen wir, Anarchie oder Kommunismus zu bevorzugen sein? Wieso, anstatt aktuelle Konzepte aus dem klaren sozialen Inhalt, einen Begriff wählen, der in den Ohren vieler nur eine romantische Nostalgie für die Vergangenheit ausdrückt?

Schon seit jeher haben all jene, die für eine radikale Veränderung des Bestehenden kämpften, von ihren Gegnern eine klassische Frage formulieren gehört: Womit wollt ihr die Welt des Staates ersetzen? Bis vor einigen Jahren vertraute man, um sich den Tücken dieser Frage zu entziehen, auf die Realisierungen, die im Laufe von bestimmten historischen Erfahrungen erfolgten: die Freiheit ist möglich, weil sie während gewisser Insurrektionen erfahren wurde. Doch heute, mit dem Zerfall der Ideen, der Werte und Träume, den man das „Ende der Geschichte“ getauft hat, ist diese Vergangenheit nicht mehr präsentierbar geworden. Die französischen Clubs von 1789 beschwören nur die Guillotine herauf, die Unruhen von 1848 haben nur dazu gedient, ein Synonym von Verwirrung zu prägen, von der Pariser Kommune von 1871 erinnert man sich nur an den Respekt für die Banken, die russischen Sovjets von 1918 reimen sich auf totalitäre Bürokratie, die deutschen Arbeiterräte von 1921 sind zusammen mit den Fabriken verschwunden, die spanischen Kollektivitäten von 1936 inspirieren nur radical chic Filmemacher, und was 1968 betrifft, so kann man es erneut erleben, indem man zum Zeitungskiosk geht, um sich die dafür bestimmte, irgendeiner Tageszeitung beiliegende Videokassette zu verschaffen. In diesem trostlosen Panorama suchte der Trieb danach, die Angst vor dem Unbekannten auszutreiben – durch das Vorschlagen eines bereits erprobten Modells eines Lebens ohne Macht, das funktioniert – woanders nach seiner Befriedigung. Indem er noch weiter in der Zeit zurückging, ist er bis dahin gelangt, wo ihm nichts und niemand jemals mit einer Widerlegung drohen kann: zur Vorgeschichte. Es kann kein Zufall sein, dass sich der Primitivismus, als Bewegung der sozialen Kritik verstanden, in der jüngsten Zeit entwickelt hat, und die Vereinigten Staaten als Wiege hatte, das heisst, jenes westliche Land, wo die revolutionäre Utopie weniger Liebhaber und weniger Erfahrungen hatte, wo dafür aber der Mythos der Grenze stark ist und schon immer eine gewisse kulturelle Tradition präsent war, die das «Leben in den Wäldern» lobpries (Thoureau, zum Beispiel). So hat das akademische Wissen den Platz der praktischen Theorie übernommen, haben die Ideen von Pierre Clastres und Marshall Shalins diejenigen von Bakunin und Marx ersetzt.

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Mit dem Primitivismus wird die Kritik von dem, was ist, nicht mehr im Namen von dem, was sein wird, sondern im Namen von dem, was war, geübt. Dies bedeutet aber nicht, sich der deterministischen Illusion zu entledigen, es bedeutet, sie einfach umzukehren. Solange der Wille, dieser Welt ein Ende zu bereiten, Prothesen nötig hat, worauf er sich stützen kann – das Land der Zukunft oder das der Vorgeschichte –, wird sich jedes Verlangen nach sozialer Veränderung hinkend zeigen. Das Leben der primitiven Völker, sowie die vergangenen revolutionären Erfahrungen, beweisen nicht den Grund unserer Verlangen. Sie beweisen nur, auf partielle Weise, ihre Möglichkeit. Trotz der offensichtlichen schlechten Absicht ihrer Förderer, ist das Argument, das von Seiten aller Progressivisten gegen den Primitivismus geworfen wird – zurückkehren kann man nicht – eine unbestreitbare Tatsache. Zurückkehren kann man nicht. Zu viele Dinge haben sich verändert. Das bedeutet aber nicht, dass man sich damit abfinden und auf dem vom Fortschritt gebahnten Weg weitergehen muss. Das Problem von dem, der sich den Primitivismus herbeiwünscht, ist oft, dass es ihm nicht gelingt, sich die Freiheit als Überwindung der heutigen Bedingungen und aller Situationen der Vergangenheit vorzustellen. Die Freiheit ist eine Unbekannte, die es zu erproben gilt, und nicht eine Gewissheit, die es wiederzuentdecken gilt.

A.I.