Titel: Zur Geschichte der Arbeiter-Bewegung Oesterreichs
Untertitel: Eine kritische Darlegung von August Krcal
AutorIn: Krcal, August
Datum: 1895
Quelle: Broschüre von Monte Verita, Reprint 1985
Bemerkungen: Mit einem Bericht an den Amsterdamer Autonomenkongreß von 1907

VORWORT ZUM REPRINT 1985

Diese Neuauflage dieses Buches widme ich allen politischen Gefangenen,, im speziellen aber Evelyne, die bereits seit einigen Monaten (1985!) in Untersuchungshaft sitzt, die bei einer Demonstration grundlos festgenommen wurde, und wegen „Widerstand gegen die Staatsgewalt“ sitzt, als Zeichen,daß sich zwar in den letzten 120 Jahren manches geändert haben mag, nicht jedoch die Polizeigesetze und die Angst der herrschenden, reaktionären Klasse vor dem Geist der Freiheit, dem Anarchismus.

Der Herausgeber

Peter Stipkovics

 

AN DEN GEEHRTEN LESER!

Durch glücklichen Zufall sind wir in den Besitz dieser Broschüre gelangt, deren Veröffentlichung in Österreich bereits einmal unterdrückt wurde. Wir glauben durch eine Neuherstellung unserer Bewegung und im besonderen den österreichischen Genossen einen Dienst zu erweisen.

Die Veröffentlichung dieser Broschüre, veranlaßt von dem nun verstorbenen Genossen AUGUST KRCAL, war schon früher einmal geplant, doch mußten wir damals unter Berücksichtigung verschiedener Umstände davon Abstand nehmen. Da jetzt aber die Herstellungshindernisse überwunden sind, können wir diese Schrift, welche unter Mithilfe eines mit den österreichischen Verhältnissen vertrauten Genossen mit neuen Ergänzungen von 1893–1894 versehen wurde, unseren Genossen – und Gegnern nur empfehlen.

Der Verleger. (Ausgabe von 1894)

 

VORWORT

Die Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung, soweit sie uns bemerkenswert und von Bedeutung erscheint, ist kaum älter als ein Viertel Jahrhundert. Das ist eine verhältnismäßig kurze Zeitspanne seit jenem Augenblick, da das österreichische Proletariat, die soziale Gleichberechtigung erkennend, laut und vernehmlich seine natürlichen und gesellschaftlichen Rechte forderte; wo zum ersten Mal die „Hydra der sozialen Revolution“ (von einer wesentlich anderen Bedeutung als die vergangenen) ihr mächtiges Haupt erhob. Es war-der Anfang einer österreichischen Klassen-Bewegung, welche das vielsprachige Österreich vorher nicht kannte.

Aber so jung die österreichische Arbeiterbewegung ist, so reich und interessant ist sie an Ereignissen, welche sich innerhalb derselben bis an den heutigen Tag ereignen. Kaum wird es eine Arbeiterbewegung irgend eines anderen Landes geben., die soviel Kämpfe, Irrungen und Verfolgungen durchzumachen hatte, wie sie, die sie einen festen Boden unter sich gewann.

Rechnen wir noch hinzu, wie oft die Arbeiterbewegung Österreichs betrogen und an der Nase herumgeführt wurde, so ist es nicht verwunderlich, daß sie nicht schon größere Erfolge aufzuweisen hat. Denn immer, wenn die Arbeiterbewegung einen gesunden Anlauf nahm, stellten sich ein: die Staatsgewalt, die besitzende Klasse,deren Presse, falsche Propheten, Charlatane und sonstige politische Gaukler, welche sie beherrschten und sie auf Bahnen trieben, wo sie am allerwenigsten den Unterdrückern gefährlich wurden. Und die Arbeiter ließen sich auf solche Art das Fell über die Ohren ziehen, ihre Menschenwürde treten – ruhig und selbst dann, wenn sie wußten, daß es ein himmelschreiendes Unrecht war.

Armes Proletariat Österreichs, wie lange noch wirst du diese slawische Gemütlichkeit zur Schau tragen?

Volkserlöser, genannt „hervorragende Jünger Karl Marx“, gehen dann her und schreiben eine Geschichte der österreichischen Arbeiterbewegung, beloben sie, heben sie in den Himmel, nachdem diese, von denselben und ihnen verwandten Lumpen betrogen, hinter’s Licht geführt und in ihre Gewalt genommen wird. Adler – Kautsky, Bebel – Liebknecht, ein Musterquartett moderner Demagogie, ihnen zur Seite jene ekelhafte Gesellschaft von blinden Werkzeugen, aus Renegaten und sonstigen Subjekten zusammengesetzt;- dieses Sammelsurium hat viel geleistet, noch mehr aber vernichtet. Sie sind längst reif, von den herrschenden Staatsautoritäten für ihre wunderbaren Staatsdogmen dekoriert zu werden. Nicht minder ist deren Gefolgschaft in ihrer treuen Dienstausübung anerkennenswert; stramme Lakaien ihres Herrn, wie sie im Bilderbuch stehen!

Die nachstehenden Blätter werden uns beweisen, daß wir in unserem Urteil über diese Gesellschaft nicht zu weit gehen.

Aus diesem Büchlein sollen endlich einmal die Arbeiter und Arbeiterinnen dieses Landes die Wahrheit erfahren, sie sollen die Schilderung der Arbeiterbewegung von einem Kämpfer vernehmen, der durch eine Reihe von Jahren im Herzen dieser Bewegung stand, gestritten und gelitten hat. Lange genug haben wir geschwiegen, und nun kommen wir zu Wort.

Dem Wahren die Ehre, Dem Falschen der Pranger!

Der Verfasser.

DIE ANFANGSPERIODE 1867 – 1878

Die rote Internationale in den Sechzigerjahren warf ihre Schatten voraus, mächtige Wirkung in allen Ländern, namentlich Deutschland, ausübend. Das epochemachende Auftreten Ferdinand Lassalles trug das Seine dazu bei, daß weit über die Grenzpfähle Deutschlands alle Schichten der Bevölkerungsklassen die neue Bewegung mit Aufmerksamkeit verfolgten. Der erwachende Geist der deutschen Arbeiter, welcher die Reaktion in die Schranken zu fordern begann, der Schlachtruf nach Befreiung aus den Angeln des Kapitals – er sollte auch im Staate Österreich in nicht lange darauf folgender Zeit mächtigen Widerhall finden. War einmal das deutsche Proletariat aus seiner geistigen Untätigkeit geweckt, so konnte es nicht ausbleiben, daß das unter der ökonomischen Ausbeutungswut ächzende Proletariat des Nachbarstaates aus seiner Lethargie erwachte.

Das deutsche Proletariat begann sich als organisierte Klasse zu entfalten, in Österreich begann es sich erst zu regen. Doch einmal den Stein ins Rollen gebracht, war er nicht mehr aufzuhalten. Die österreichischen, vorerst aber die Wiener Arbeiter, fingen an, sich im Sinne ihrer deutschen Brüder zu organisieren.

Die im Jahre 1868 an’s Ruder gelangte deutsch-liberale Bourgeoisie kam der in Entwicklung begriffenen Arbeiterbewegung mit ihrer praktischen Politik günstig engegen; sie hob die bis dahin existierende scharfe politische Knebelung des österreichischen Volkes auf und erließ Gesetze, durch welche demselben die freie Meinungsäußerung, Preß- und Redefreiheit, Vereins- und Versammlungsrecht, Briefgeheimnis und Hausrecht garantiert werden sollte. Natürlich – bloß auf dem Papiere, wie uns die späteren Erfahrungen belehren werden. Aber es war immerhin soviel, daß sich die Arbeiterbewegung in einem Staate, der aus so vielen Nationen mit den heterogensten Interessen zusammengesetzt – einem Staate, innerhalb dessen die Nationalitätenkämpfe das Volk in stetem Atem hielt und jede ernste Idee hierdurch in den Hintergrund drängte, trotzdem entfalten konnte.

Es war im Monat Oktober, als der erhabene Gedanke von einer Anzahl strebsamer Arbeiter festgehalten wurde, in Wien einen Arbeiter-Bildungsverein zu gründen. Während sich diese Arbeitergesellschaft mit der Gründung des Vereines befaßte, war in anderen Arbeiterkreisen der Plan gereift einen Zentralverein für die Arbeiter zu errichten, um jenem Genossenschaftswesen, das aus England nach Deutschland verpflanzt worden war, unter den Arbeitern Bahn zu brechen.

In der Tat fand am 1. Dezember 1867 im Universum vor der Taborlinie eine erste allgemeine Arbeiterversammlung statt, welche das von dem Zentralverein ausgearbeitete Programm annahm und mit einer Ovation für das Prinzip der Selbsthilfe nach Schulze-Delitzsch endigte. Am 15. Dezember fand indes auch schon die Gründung des auf dem lassalleanischen System der Staatshilfe aufgebauten Arbeiter-Bildungsvereins statt.

So waren in einem und demselben Monate des Jahres 1867 zwei Parteien entstanden, welche nunmehr den Kampf gegenseitig eröffneten.

Doch es dauerte nicht lange, und die Lassalleaner blieben Sieger am Kampfplatze. Anläßlich einer von den Schulzeanern arrangierten Versammlung wurde dieselbe von den Wortführern des Arbeiter-Bildungsvereins überrascht und eine Resolution zur Annahme empfohlen,welche den Wunsch ausdrückte sich dem Arbeiterbildungsverein anzuschließen, die auch einstimmig angenommen wurde. Die Selbsthilfler hatten zwar den projektierten Verein gegründet, doch hatte er alsbald mangels an Mitgliedern zu existieren aufgehört.

Dem Arbeitervereine folgte die Gründung von Fach- und sonstigen Gewerkschaftsorganisationen, was bald in größeren Provinzial- und Industriezentren des Reiches eifrige Nachahmung fand. Der Ruf zur Organisation erscholl durch das ganze Land und rüttelte die Gleichgültigen und Zaghaften auf. Das Bewußtsein der internationalen Solidarität brach sich, ehe noch zwei Jahre verflossen waren, die Bahn, um welche Zeit die österreichische Arbeiterschaft in den verschiedenen Organisationen bereits nach vielen Tausenden vertreten war. So hatte nicht nur Deutschland und andere Länder, sondern auch Österreich eine Arbeiterbewegung; freilich mit einem recht zahmen Programme, wie: allgemeines direktes Wahlrecht, Koalitionsrecht, Trennung der Kirche vom Staate, volkstümliche Gestaltung des Heerwesens, Beseitigung der Beschränkung der Pressefreiheit und des Vereins- und Versammlungsrechtes, Förderung der freien individuellen Assoziation der Arbeiter durch den Staat, u.a.

Allerdings trug der herrschende Liberalismus durch sein ruhiges Verhalten viel dazu bei, ja er betrachtete die Arbeiterbewegung mit wohlwollenden Augen, wohl jedoch mit der Absicht, sie gelegentlich gegen das Pfaffentum auszuspielen. Und das war der Zweck der gewährten „Freiheiten“ , mittelst welchen die liberale Regierung sich zur Befestigung ihrer Position nicht nur die Gunst des Kleingewerbestandes, sondern auch in die in die Blüte schießende Arbeiterbewegung zu setzen suchte.

Wir hätten nun wenig Ursache, dafür ungehalten zu sein, wenn es gilt, den Fuß auf den Nacken des Pfaffentums zu setzen. Aber dann sollte auch das gebrachte Opfer der dabei zu erzielenden Vorteile von Wert sein. Das war hier keineswegs der Fall. Das österreichische Proletariat sollte die bittere Erfahrung machen, daß sich seine Notlage sowohl unter den pfäffisch feudalen, wie unter dem scheinfreiheitgewährenden liberalen Regime um kein Jotta änderte; die ökonomische Ausbeutung blieb dieselbe.

Aber bis dahin betrachtete die Regierung und die Presse die Arbeiterbewegung als durchaus nicht für den Staat gefährlich, im Gegenteil, man faßte sie sogar als harmlose Spielerei auf, die unter Umständen sogar Nutzen versprach. Arbeiter. Kleinbürger und selbst die bürgerliche Demokratie fanden _in der neu entstandenen Arbeiterbewegung bequemen Platz. Alle Parteien buhlten um deren Gunst. Sie war eine zarte Pflanze, wichtig genug, um sich um deren „Pflege“ zu bewerben. Wie aber in der ganzen Partei der Zug eines gesunden revolutionären Geistes fehlte, so war es im gleichen Maße bei den meisten Führern mit dem revolutionären Ernste bestellt. Die Führer dünkten sich über die Massen erhaben und sie waren glücklich, wenn ihre Namen in den Arbeiterversammlungsberichten der bürgerlichen Blätter recht oft genannt wurden. Der Autoritätsdünkel schoß üppig empor. Die Erfüllung der weltgeschichtlichen Aufgabe, zu welcher diese Partei und ihre Träger aufgerufen war, blieb Nebensache. Kompromißlerei mit der herrschenden Klasse wurde dagegen als Notwendigkeit betrachtet.

Außer der „Volksstimme“, dem ersten Arbeiterorgan,besaß die junge Partei keine weitere sozialistische Literatur und war dabei auf die in Deutschland erschienenen Broschüren und Zeitungen angewiesen, welche auch in Österreich starke Verbreitung fanden.

Nun wurde es den proletarischen Elementen langsam klar, daß ihre Interessen mit denen der Bourgeoisie nicht im Einklang, sondern im Gegensatz ständen. Das Kleinbürgertum wurde in den Hintergrund gedrängt und die Arbeiterbewegung begann ihren eigentlichen sozialistischen Charakter anzunehmen. Und nun begann die Zeit, in der die Arbeiter erfahren sollten, was Freiheit in Österreich zu bedeuten habe. Hatte bis dahin die Partei der Arbeiter die öffentliche Meinung für sich, so begann sich jetzt alles in das Gegenteil umzuwandeln. Die bürgerliche Partei hörte auf, durch günstige Stimmung und objektive Berichte für die aufstrebende Bewegung Reklame zu machen; sie schwieg sie einfach tot.

In diese Zeit (August 1869) fiel die Einberufung des Kongresses nach Eisenach. Der Geist der internationalen Solidarität sollte nun durch die österreichische Arbeiterbewegung bewiesen werden. Man beschloß demgemäß, sich auf diesen Kongreß durch zwei Delegierte (Überwinder und Scheu) vertreten zu lassen, um sich rechtzeitig der dort neu“ gegründeten sozialdemokratischen Partei anschließen zu können. Der Anstoß zu einer Aera behördlicher Verfolgungen und Unterdrückungen war gegeben. Es folgte ein Erlaß des „Bürgerministers“ Giskra, wonach die Gründung von Arbeiter- und politischen Vereinen untersagt wurde, und zwar auf Grund der Tendenz des in Eisenach angenommenen sozialdemokratischen Programms. Gemäß dieses Erlasses überbot eine Behörde die andere in Versammlungs- und Vereinsauflösungen. Die Sozialdemokratie wurde für staatsgefährlich erklärt, die soziale Frage sollte – auf Kommando! – nach Giskra aufhören zu existieren.Die gewährleisteten „Freiheiten“ schlugen in Unterdrückung und Reaktion um.

Diesem Anschlag begegneten die Arbeiter am 15. Dezember 1869 mit einer Demonstration vor dem Parlamente. Etwa 15.000 Personen nahmen an dieser imposanten Demonstration teil, aus deren Mitte ein Komitee gewählt wurde (.....ing, Baudisch , Berka) welches dem Minister Taaffe die Forderungen nach dem freien Wahl- und Koalitionsrecht zu überreichen hatte. Über diese „Frechheit“ erzürnt, zeigt die Regierung nunmehr ihre wahre Gestalt, sie erblickte in diesem unerhörten Vorgehen Hochverrat und ließ, nachdem man noch die begeisterten Massen an diesen Tagen durch süße Versprechungen einlullte, an den folgenden Tagen die genannten Tonangeber der Partei verhaften. Es waren deren nicht weniger als 14: Überwinder, Scheu, Most, Pabst, Hecker, Berrin, Schönfelder Berka, .....ner, Pfeiffer, Dorsch, Eichinger, Gehrke und Baudisch. Die Haltung der Angeklagten, deren Untersuchungshaft mehrere Monate dauerte, war in ihrem Prozesse musterhaft, namentlich die des Johann Most, der sich offen als Revolutionär bezeichnete; auch spielte sein, während der Haft im Wiener Landesgerichte herausgegebener „Nußknacker“, ein mit Bleistift geschriebenes satyrisch-politisches Blatt, daß zur Verständigung der Mitgefangenen diente, vor dem Gericht eine nicht unbedeutende Rolle. Der Prozeß rührte zur Verurteilung sämtlicher Angeklagten. Überwinder wurde zu sechs, Scheu, Most und Pabst zu je fünf Jahren und die übrigen Angeklagten von zwei bis zehn Monaten abgeurteilt.

Doch die Berufung des Ministeriums Hohenwarth-Schäffle (dieselbe erfolgte im Februar 1871) hatte die Amnestierung dieser und 93 anderer politischer „Verbrecher“ zur Folge.

Am 2. Mai 1871 wurde Most aus Österreich ausgewiesen. Durch den Druck von oben ging die Parteibewegung unterdessen stark zurück. Dazu kam noch, daß sich die Partei in,zwei Fraktionen spaltete, welche einander auf das heftigste befehdeten, was noch größere Dezimierung der Reihen zur Folge hatte. Die eine Fraktion schaarte sich um die „Volksstimme“, deren Redakteur Überwinder war, welcher stets die Neigung hatte, auf der einen Seite unumschränkte Diktatur über die Partei auszuüben, auf der anderen, mit der herrschenden Klasse Kompromisse abzuschließen – während die andere, die „Brüderlichen“, den proletarischen Klassenstandpunkt ohne Kompromisserei vertreten wissen wollte. Ihr Blatt war die „Gleichheit“ (gegründet Ende 1869 in Wiener Neustadt) mit Andreas Scheu als Redakteur.

Indessen, die Spaltung währte nicht lange; denn bald war es ein offenes Geheimnis,daß Überwinder hinter dem Rücken der Partei mit Bourgeoisparteien in Verhandlungen stand und so zum Verräter an der Arbeitersache herabsank. Überwinder verließ bald Österreich und ging später nach Deutschland und stand später im Dienst christlich-sozialer Mucker. Die entschiedenere Richtung blieb aber fest.

Um sich ein annäherndes Bild von der damaligen Bewegung (1873) zu machen, mögen folgende Zahlen dienen:

Galizien 1 200
in Wien bestanden 51 Arbeiterver. 35.368 Mitg.
Niederösterreich 28 4.616
Oberösterreich 7 922
Salzburg 6 469
Steiermark 37 9.848
Kärnten 14 1.156
Krain 6 468
Tirol 5 358
Böhmen 36 11.707
Schlesien 7 760
Ungarn, Kroatien und Slavonien 18 9.793

Insgesamt 237 Vereine mit einer Mitgliederzahl v.80.309. Diese Zahlen sind dem im Jahre 1873 herausgegebenen Arbeiterkalender entnommen: sie dürften, was die Mitgliederzahl betrifft etwas übertrieben sein. Nichtsdestoweniger verfügte schon damals die Arbeiterpartei über eine respektable Kraft. Arbeiterblätter existierten: „Volkswille“,‚Wien, zweimal wöchentlich;„Vorwärts“ Buchdrucker-Organ, Wien, wöchentlich; „Keiltreiber“, Wien, Buchdrucker-Witzblatt, zweimal im Monat; „Die Gleichheit“, Wr. Neustadt, zweimal im Monat; „Soziale Wochenchronik“, in Pest, wöchentlich; „L’Operaio“, Triest, wöchentlich; „L’Alba“, Triest, wöchentlich. Im Später merken wir eine besondere Geistesregierung auch unter der Arbeiterschaft Kärntens, welche ein sozialpolitisches Blatt unter dem Titel „Volksblatt“ erscheinen ließen. Als Herausgeber zeichnete Ferdinand Adenau mit noch drei anderen Genossen; als Redakteur Peter Strelar.

Von einer Anzahl dieser Blätter mußte jedoch später mangels an Abonnenten infolge des Niedergangs der Bewegung das Erscheinen eingestellt werden. Erst im Jahre 1877 und 1878 und von da an sehen wir die Arbeiterpresse einigermaßen neu aufleben.

Im Jahre 1874 fand in Graz ein weiterer Prozeß von Bedeutung statt. Gegen Dr. Hyppolit Tauschinsky und 31 Mitangeklagten: H. Wanke, M. Kappauf, K. Hochreiter, K. Schulz, M. Rubitschka, J. Losch, J. Würges, M. Aichelberg, F. Gabriel, K. Müller, R. Grohman, B. Schreckenthal, G. Kaucic, M. Beyer, St. Pauller, F. Scherübl, J. Tanko, J. Keinerth, J. Fabian, J. Frank, B. Mößmer, J. Schneider, F. Kielmeier, J. Prager, J. Zelinschek, K. Seidl, T. Bednaz, P. Lasser, A. Traunig, J. Moßhart, F. Maly standen wegen Religionsstörung und geheimen sozialdemokratischen Verbindungen vor Gericht. Der Prozeß endete mit der Verurteilung sämtlicher Angeklagten. H. Tauschinsky erhielt 4 Monate, die übrigen von einer Woche bis zu drei Monaten Kerker, beziehungsweise Arrest.

Der Gang des Prozesses läßt deutlich erkennen, wie die Behörden damals um ihren Staat angesichts der fortschreitenden Sozialdemokratisierung der Massen besorgt waren; förmliche Gespenster malte man auf die Wand, so gefährlich erschien ihnen diese Partei. Nun heute werden wohl die Staatsautoritäten in der Sozialdemokratie keine solche Gefährlichkeit erblicken, ist ja doch die Sozialdemokratie – soweit hat sie sich nämlich entwickelt – staatserhaltend, denn sie übertrifft in ihren Zukunftsidealen alle bisher existierenden Staats- und Wirtschaftsformen. (Dies stellte Krcal schon 1894! fest. Der Herausgeber)

Von der Mitte der siebziger Jahre bis 1878 nahm die Bewegung nun einen ruhigen aber ernsten Gang. Diejenigen welche bisher die Arbeiterbewegung als Sport betrachteten, fanden nun, daß die Beteiligung an derselben denn doch keine Spielerei mehr sei und zogen sich daher zurück.Um dieses Element war damals die Arbeiterbewegung allerdings geschwächt, doch hatte sie dadurch nichts verloren. Während dieser Zeitperiode war die „Gleichheit“[1] welche in Wr. Neustadt erschien, das Hauptorgan der Partei bis zum Oktober 1877. Neben der Gleichheit existierte seit dem Jahre 1876 in Reichenberg der von Josef Hanich herausgegebene „Arbeiterfreund“, welcher im Jahr 1879 in „Volksfreund“ umgewandelt wurde; ferner „Der Gewerkschaftler“, ein in Wien von Heinrich Gehrke und Genossen herausgegebenes Gewerkschaftsorgan.

Das Erbe der „Gleichheit“ trat dann der in Wien am 4. Oktober 1877 herausgegebene „Sozialist“ an; eigentlich war es eine Umwandlung des ersteren Blattes in das letztere, und ein schon lang gehegter Wunsch, das Zentralorgan nach Wien zu verlegen. Die 4000 Gulden Kaution zur wöchentlichen Herausgabe übertrugen die Herausgeber der „Gleichheit“ gleichfalls an den „Sozialist“. Auch dieses Blatt war das Zentralorgan der Partei, welches die meiste Zeit Ferdinand Leisner als Redakteur zeichnete.

Von der slawischen Arbeiterbewegung sind bis zu dieser Zeit nur spärliche Nachrichten zu verzeichnen. Doch jetzt kam wieder eine lebendigere Periode.

 

DAS JAHR 1878

Für die deutsche Sozialdemokratie begann im Jahre 1878 eine neue Aera. Die Regierung, durch die raschen Fortschritte dieser Partei geängstigt, glaubte, die Partei dadurch vernichten zu können, wenn sie den Ausnahmezustand über Deutschland verhängt, welchem fortan die Sozialdemokratie unterworfen werden sollte. Die Knebelung der sozialdemokratischen Presse, die Unterdrückungen der Vereine und sonstige Verfolgungen standen nunmehr in Deutschland auf der Tagesordnung. Die Ehrlichsten, die Besten wurden schikaniert und prozessiert: Hunderte aber mußten ihre Heimat verlassen, um im Auslande, zum größten Teile aber in Amerika, Zuflucht zu suchen. Das Führertum war jetzt in Deutschland buchstäblich die Partei; sie kroch aus Feigheit zu Kreuze und verleugnete das revolutionäre Prinzip, von deren Verfolgung die Regierung auch Abstand nahm. Welchen Zweck sollte deren Verfolgung auch haben? War ja doch jetzt die revolutionäre Idee als „Unsinn“ abgetan und der „große“ Bebel und Liebknecht als friedliebende Sozialdemokraten als zu „Recht bestehend“ anerkannt. Soweit hat sich Bismark mit seiner Politik nicht geirrt, er hat das, was er wollte, erreicht: Die Kapitulation des Führertums und deren Abdankung von den der herrschenden Klasse gefährlichen Ideen.

Bis zu dieser ereignisvollen Zeit hielt das österreichische Proletariat mit dem deutschen wie Pech und Schwefel zusammen. Alles, was von Deutschland kam, wurde als bare Münze akzeptiert; die österreichische Partei stand unter dem völligen Einflüsse des Bebel, Liebknecht und Grillenberger.

Und in demselben Maße, als jetzt die Partei in Deutschland in punkto Taktik dem Bankrott zuschritt, im selben Maße machte die österreichische Partei Fortschritte nach – rückwärts!

Dies dauerte aber nicht lange.

Man wird sich wohl fragen, wieso die österreichische Arbeiterbewegung von der deutschen in solchem Maße beeinflußt werden konnte. Allein die deutschen Parteipäpste imponierten einmal, so daß deren Presse stets als die bevorzugte galt; die‘ österreichische Presse kam erst in zweiter Linie. Die unausgesetzt importierte „wissenschaftliche Sozialdemokratie“ ist geradezu bei den Österreichern in Fleisch und Blut übergegangen. Es kam jedoch die Zeit, wo sich alles zum Bessern änderte. Durch die Verhängung des Ausnahmezustands in Deutschland gingen die meisten Blätter ein, wodurch der Import der „wissenschaftlichen Sozialdemokratie“ nach Österreich eingestellt wurde.

Statt dieser suchte sich aber von da an die Sozialrevolutionäre Idee Bahn zu brechen.

Der aus Deutschland auf Grund des Ausnahmegesetzes hinausgetriebene und von den Parteipäpsten hinausgekraulte revolutionäre Kern ließ bald von sich allenthalben hören. Unter diesen befand sich auch Johann Most, der sich durch sein revolutionäres Vorgehen die „Ungnade“ im besonderen Grade auf beiden Seiten zuzog. Most befand sich um diese Zeit in London und gab unter den Auspizien des alten kommunistischen Arbeiterbildungsvereins die „Freiheit“ heraus. Mit scharfen dialektischen Waffen zog die „Freiheit“ gegen das deutsche, offizielle und verfocht mit lebendigen Worten den sozialrevolutionären Standpunkt, das nicht verfehlte, auf das österreichische Proletariat seine Wirkung auszuüben. Die „Freiheit“ fand in Österreich massenhafte Verbreitung, wodurch gleichsam neue, frische Tatkraft, ein gesunder Geist platzzugreifen begann. Aber die „Freiheit“ führte eine Sprache, wie man sie bisher in Österreich noch nicht hörte. Zwar gab es prinzipielle Unterschiede damals, noch nicht oder nur sehr wenig, dafür aber später umsomehr in der Taktik.

Die energischen und sonstigen aufgeweckten Geister schaarten sich allmählich um die Fahne der „Freiheit“ und bildeten den linken Flügel – die später entstandene radikale Partei; während der Rest der alten Partei unter Führung Bardof’s, Gehrke’s und Anderer der konservativen Sozialdemokratie, respektive Bebel und Liebknecht treu blieben. Sie bildeten die sogenannte gemäßigte Partei, als die erstgenannte gegen sie in Offensive trat.

Daß die Arbeiter in Massen der alten Fahne entsagten und sich der radikalen Strömung anschlossen, ist wohl begreiflich, denn durch die Tendenz der „Freiheit“ und anderer radikaler Schriften war es ihnen alsbald klar, daß die ganze sozialdemokratische Partei die Mache einzelner Führer sei und dieselbe von den letzteren als eine vorzügliche Futterkrippe betrachtet wurde. Bis dahin hatte sich jedoch in Österreich noch niemand gefunden, der sich offen im prinzipiellen Gegensätze zu der sozialdemokratischen Partei gestellt hatte. Aber der Gährungsprozeß stand im Vorbereiten, um einige Monate später zur offenen Spaltung der Partei zu führen.

 

ÜBERSICHT DER BEWEGUNG

In welcher Kraftverfassung die Arbeiterbewegung im Jahre 1878 stand, läßt uns der Stand der Presse einigermaßen ein Urteil bilden.

Es erscheinen in Mitte des Jahres 1878 in deutscher Sprache folgende Organe der Partei: Der „Sozialist“, wöchentlich (später zweimal in der Woche) in Wien; „Der Arbeiterfreund“ monatlich zweimal in Reichenberg; „Der Gewerkschaftler“ monatlich zweimal in Wien; „Sozialpolitische Rundschau“ in Reichenberg; „Vorwärts“, Organ der Buchdrucker, monatlich zweimal in Wien;„Fachzeitung der Metallarbeiter“, monatlich zweimal in Wien; „Fachzeitung der Schuhmacher“monatlich zweimal in Wien. In tschechischer Sprache: „Budouchost“ in Prag, monatlich zweimal; „Delnicke Listy“ in Prag, monatlich zweimal; „Organisace“, monatlich in Prag.

In Ungarn und zwar in Budapest: Die „Arbeiterwochenchronik“, wöchentlich und die „Volksstimme“ halbmonatlich.

Aus dem Vorstehenden läßt sich ersehen, daß die Arbeiterbewegung sich wieder neu zu beleben begann. Namentlich rührte sich gewaltig das tschechische Proletariat, welches durchweg von revolutionären Ideen beseelt war. Aber mit der Ausbreitung der Bewegung fühlte auch der denkende Teil der Parteimitglieder das Bedürfnis nach einer kräftigeren, geistigen Kost – nach einer gediegenen, dem Zeitgeiste entsprechenden Presse. Während nun einerseits von der Presse eine energischere Sprache gefordert wurde, befleißigte sich andererseits die Regierung das bischen Preßfreiheit noch auf das Minimum zu reduzieren. Unter solchen schwierigen Umständen kämpfte der „Sozialist“ bis ihn seine Kräfte verließen. Infolge mangels an Abonnenten mußte der „Sozialist“, ziemlich verschuldet, sein Weitererscheinen am 31. Juli 1879 einstellen. Am 9. August 1879 erfolgte die Gründung der „Freiheit“ in Wien, ebenso fällt in diese Zeit die Gründung der „Zukunft“ am 4. Oktober 1879 auf Beschluß der Mürzzuschlager Konferenz.

Die „Freiheit“ wurde jedoch bald von der Regierung unterdrückt, da sie in der Herausgabe zweier gleiche Tendenz verfolgender Blätter, die, weil 14 tägig, jede Woche abwechselnd erschienen sind, die Umgehung des Zeitungsstempels erblickte.

Am 5. Oktober 1879 erfolgte die Gründung des „Volksfreund“ in Reichenberg, welcher zum Zentralorgan der Partei gemacht wurde.

 

 

VERRÄTERISCHE MACHINATIONEN

Abermals wurde die sozialdemokratische Partei nicht wenig in Mißkredit gebracht, als es offenes Geheimnis war, daß bekannte Parteiführer verschiedene Verrätereien sich zu schulden kommen ließen.

Als Beispiel sollen hier nur zwei Fälle aufgeführt werden. In dem einen Falle war es der bekannte Dr. Hyppolit Tauschinsky (derselbe welcher im Jahre 1874 in Graz prozessiert wurde), ein damals einflußreicher Parteiführer. Anläßlich einer Verhaftung fand die Polizei auf seinem Schreibpulte einen schon kuvertierten, an den Führer der Konservativen und gewesenen Minister, Grafen Hohenwart, gerichteten Brief, der später bei der Verhandlung ans Tageslicht kam und aus dem hervorging, daß Tauschinsky dem Grafen Hohenwart nach gepflogenen Verhandlungen versicherte, daß derselbe auf die unter seiner Führerschaft stehende Arbeiterschaft rechnen könne. Tauschinsky wurde nach Verbüßung einer mehrmonatlichen Haftstrafe von den Arbeiter, die ihn als einen Verräter erklärten, fallen gelassen, worauf ihn seine Gönner bei einer bürgerlich-konservativen Zeitung als Redakteur anstellten.

In eine weitere Verrätergeschichte war der sozialdemokratische Führer Andreas Grosse verwickelt, wie aus dem Nachfolgenden zu ersehen ist.

Das liberale Ministerium (1879) fiel. Das Ministerium Taaffe trat die Herrschaft an.

Anläßlich des Regierungsantritts Taaffes veranstalteten die Deutschliberalen in den Sophiensälen im III. Bezirk eine Demonstration als eine Protestkundgebung.

Das Ministerium Taaffe suchte durch einen Coup den Anschlag der Deutschliberalen zu paralysieren. Diesem Zwecke dienlich zu machen schien dem Grafen Taaffe am geeignetsten die Arbeiterpartei zu sein, mittelst welcher sich noch am besten und wirksamsten eine Gegendemonstration machen ließe. Vorerst galt es also, sich der einflußreichsten Parteiführer zu versichern und dann mußte das Werk gelingen. Durch Vermittlung eines regierungsfreundlichen Abgeordneten und des Demokraten Kronawetter wurde mit dem „besten“ der Führer, Andreas Grosse, bezüglich einer sozialdemokratischen Protestversammlung unterhandelt.

Die unterhandelnden Abgeordneten versprachen im Aufträge der Regierung allen bei dieser Versammlung sprechenden Rednern die vollste Redefreiheit zu gewähren und außerdem die Deckung der Unkosten der Versammlung zu übernehmen. Selbstverständlich mußten dagegen die Redner die Verpflichtung übernehmen, gegen die „liberale Unterdrückungsherrschaft“ loszudonnern. Der Pakt war geschlossen und Andreas Grosse erhielt 500 fl.[2] als erste Rate zu „Vorauslagen“ zu erwähnten Zwecken und zur sonstigen „entsprechenden Verwendung“.

Am selben Tage (14. November 1879),da die Demonstration der Deutschliberalen in den Sophiensälen stattfand, tagte eine imposante Volksversammlung unter dem Vorsitze Grosses in Schwenders Kolosseum in Rudolfsheim. Die Tagesordnung lautete: Die Nationalitätenfrage, das Parlament und die politischen und wirtschaftlichen Forderungen des arbeitenden Volkes. Zur Behandlung dieser Tagesordnung und zur Begründung einer Resolution hatten Dunstätter, Marschall, Leitner, Zinner und Baudisch das Wort ergriffen, deren Ausführungen mit stürmischem Beifalle aufgenommen wurden.

Der erste Teil der einstimmig angenommenen Resolution, welcher sich gegen die liberale („verfassungstreue“) Partei richtete, bildete die von der Regierung gestellte Bedingung, auf Grund dessen der Kompromißakt geschlossen wurde. Er lautet:

„In Erwägung, daß das österreichische Volk nationale Hetzereien, von welcher Seite sie immer eingeleitet werden mögen, auf das entschiedenste verdammt, in dem einträchtigen, friedlichen Zusammenwirken aller Völker Österreichs die unabweisliche Vorbedingung der Arbeit Tür die höchsten Zwecke der Menschheit findet, protestiert die heute den 14. November 1879 in Schwender’s Kolosseum stattfindende Volksversammlung gegen die von der sogenannten verfassungstreuen Partei auf den Parteitagen zu Mödling, Brünn und Karlsbad gefaßten Resolutionen als eine Verhetzung der Nationalitäten.

Die Versammlung protestiert weiter gegen die Bezeichnung der sogenannten verfassungstreuen Partei als eine „liberale“ Partei,will alle ihre Handlungen gegenüber der arbeitenden Bevölkerung beweisen, daß ihr die Freiheit nur ein Schlagwort ist und nur als Maske dient, hinter der sich die ärgste politische und wirtschaftliche Korruption verbirgt“.

Der andere Teil bestand lediglich aus Programmpunkten der sozialdemokratischen Partei.

Nun, die Arbeiter durften einmal im Polizeistaate Österreich allerdings an diesem einzigen Tage auf Regierungsunkosten sprechen was sie wollten, das war freilich verlockend. Allein, war das auch ehrlich, daß eine Arbeiterpartei, die auf dem Boden des Klassenkampfes stand, einen solch offenkundigen Pakt mit der Regierung schließt und sich als Werkzeug gebrauchen läßt? Wir sagen mitnichten: Wir zweifeln nicht daran, wäre das nicht die Mache einzelner Führer gewesen, daß dies unterblieben wäre. Andreas Grosse als Generalmacher verteilte die Rollen und wußte alles Notwendige so zu arrangieren, daß nur so alles klappte.

Auch in der Provinz fanden ähnliche Versammlungen statt, welche meistens von dem sozialdemokratischen Agitator Dr. Koller-Reinthal adressiert wurden. Die geblendeten Arbeiter freuten sich, daß sie einmal der herrschenden Klasse offen die Wahrheiten ins Gesicht schleudern konnten, ohne zu ahnen, daß sie dabei einen Wunsch der Regierung prompt erfüllten. Der Staat kam nicht im geringsten hierdurch ins Wanken, das ist wohl selbstredend.

 

DIE SPALTUNG

Die Gefügigkeit der Parteiführer in dem im vorigen Kapitel besprochenen Falle ermutigte unseren Grafen Taaffe zu weiteren Schritten. Er nahm mit Besorgnis wahr, daß die Londoner „Freiheit“ immer größere Verbreitung fand, wodurch die Partei immer mehr unter deren Einfluß zu stehen kam. Dies schien der Regierung selbstverständlich im hohen Grade gefährlich, und so mußte daran gedacht werden, den ausländischen Einfluß, worunter sie die „Freiheit“ verstand, zu brechen. Die Regierung ließ also den Parteiführern (selbstverständlich alles „privat!“) sagen, wenn sie aufhörten die „Freiheit“ zu verbreiten, beließe man gerne den Arbeitern größere Bewegungsfreiheit und sie können ungeniert Propaganda für eine auf dem Boden des Gesetzes stehende Partei machen. Doch nur ein kleiner Teil erklärte sich mit dem Vorschläge einverstanden. Es waren dies die Sozialdemokraten, , Anhänger der deutschen Reichstagsfraktion, welche sich gegen die „Freiheit“ aussprachen. Der größere Teil war aber für die „Freiheit“. Die offene Spaltung der Partei war zur Tatsache geworden. Die Einen, welche sich gegen die „Freiheit“ erklärten, nannten sich die „Gemäßigten“ und befürworteten zu ihrer Kampfweise nur gesetzliche Mittel, die Anderen, welche für die „Freiheit“ eintraten, nannten sich die „Radikalen“, kämpfend mit allen Mitteln. Die ersteren hielten nach wie vor an dem Grundsätze fest: „Durch Bildung zur Freiheit“, die letzteren an dem Grundsätze: „Durch Freiheit zur Bildung“.

Die ersteren, die Gemäßigten, erstrebten also die Umgestaltung der bestehenden Gesellschaftsordnung auf friedlichem, gesetzlichem Wege, und zwar einzig und allein auf Grund des einmal erlangten, allgemeinen und direkten Wahlrechts, um die „politische Macht“ zu erobern. Daneben erstrebten sie gewisse wirtschaftliche und soziale Reformen.

Die letzteren, die Radikalen, vertraten den Standpunkt, daß die Beseitigung der bürgerlichen Gesellschaft und deren Ordnung nur durch Radikalmittel möglich sei, und zwar dadurch, daß das Volk unausgesetzt durch Wort und Schrift über die Unhaltbarkeit und Ungerechtigkeit der herrschenden Zustände aufgeklärt, mit den Ideen des Sozialismus vertraut gemacht und zu revolutionärem Handeln erzogen wird. Der Parlamentarismus wurde als anti- revolutionär und zur Verbesserung der Lage des arbeitenden Volkes ungeeignet erklärt.

Wie man sieht, gab es hier in der Tat tiefgreifende Differenzen, die die Spaltung der Partei zur Folge hatten. Wohl waren dies nur taktische Differenzen, allein der Weg der beiden Parteien mußte notwendigerweise auch zu verschiedenen Zielen führen.

Während der so verfochtene taktische Standpunkt der Gemäßigten zur sozialdemokratischen resp. staatssozialistischen Weltanschauung führte, mußte der Standpunkt der Radikalen mit logischer Konsequenz die anarchistische Weltanschauung zum Ausgangspunkte haben. Und doch gab es bis dahin noch keine theoretischen Gegensätze! Beide Parteien waren Anhänger des Marxistischen Kollektivismus und beide befürworteten eine kommunistische Gesellschaftsorganisation, basierend auf demokratischer Grundlage!

Es läßt sich nicht verkennen, daß beide Parteien im Anfänge und auch noch später ziemlich im Unklaren tappten. Hatten die Gemäßigten auf die politischen Forderungen naiver Weise fast ihre ganze Macht verlegt und gleich den deutschen Parlamentssozialisten all‘ ihr Heil davon erwartet, wie auch, daß sie auf einen ruhigen Übergang in die zukünftige Gesellschaft nicht oder nur sehr wenig zweifelten, so hatten die Radikalen dagegen wieder unterlassen, die Theorie in Einklang mit ihrem praktischen Vorgehen zu bringen. Hieraus ist ersichtlich, daß beide Richtungen damals noch nicht vermochten, die gegensätzlichen Weltanschauungen sich klar im Geiste vorzuführen.

 

DER AUFSCHWUNG DER RADIKALEN PARTEI

Im Jahre 1881 sehen wir die radikale Partei in Österreich im wackeren Vorwärtsschreiten begriffen; sie beherrschte bereits die Situation. Die gemäßigte Partei dagegen schmolz auf ein kleines Häuflein zusammen, welches seine Zusammenkünfte im politischen Vereine „Wahrheit“ pflegte. Nicht lange nach der Spaltung gründete noch diese Partei die „Wahrheit“ ihr geistiges Organ, welches gegen die radikale Strömung bis zum „letzten Atemzuge“ anzukämpfen suchte; freilich mit – Mißerfolg.

Die Begeisterung und Tatkraft für die revolutionäre Idee war nur in den Reihen der Radikalen zu finden. Die „Zukunft“, das nunmehrige Zentralorgan[3], führte eine vorzügliche populäre Sprache und fand in immer weiteren Kreisen Eingang. Es wurde organisiert, agitiert und wieder organisiert, wo es etwas zum Organisieren gab: Gewerkschaften, Gruppen, offen und geheim, wie es eben paßte, wurden ins Leben gerufen und entwickelten neue Tätigkeit.

Aber von da an begannen auch schon die Opfer zu fallen. So wurden im selben Jahre Leo Walecka wegen Hochverrat, begangen durch Einschmuggelung der „Freiheit“ zu vier Jahren verurteilt, dem bald darauf (im Jahre 1882) die Verurteilung Johann Richter’s wegen Hochverrat (Richter ließ 50.000 Flugschriften drucken, wurde jedoch durch den Drucker verraten) zu 12 Jahren folgte. Wegen Hochverrat und anderer politischer Delikte wurden zu Ende 1881 noch folgende Sozialisten verurteilt: Mangel zu zwei Jahren schweren Kerker, Dolezal zu drei Jahren, Zoula zu zehn Monaten und eine Anzahl Anderer zu kleineren Strafen. Außerdem befanden sich eine ganze Reihe in der Untersuchungshaft, darunter auch Josef Peukert, welcher nach seiner Untersuchungshaft die Redaktion der „Zukunft“ übernahm. Bis dahin zeichneten die „Zukunft“ als Herausgeber: Heinrich Hotze, Ignaz Formanek, August Koppen, Anton Christoph[4], Josef Hybes, als Redakteur Ignaz Formanek. Doch durch die Verfolgungen und sonstigen Umstände entstanden häufig in der Herausgeberschaft Lücken, die durch andere Vertrauenspersonen ausgefüllt werden mußten. Ein Jahr später sehen wir denn auch einen gänzlichen Wechsel der Herausgeberschaft, sowie auch der Redaktion.

Ebenso erging es der tschechischen Presse, deren sämtliche Vertreter auf radikalem Standpunkte standen.

Für die Regierung gab es keine Täuschung mehr, die radikale Partei gewann die Oberhand und verbreitete sich zum Schrecken der Vertreter des Geldsacks in raschem Tempo. Die Regierung zeigte ihre Macht, der Polizeiapparat ward in vollen Gang gesetzt, Verhaftungen und Prozessierungen unter den nichtigsten Vorwänden standen auf der Tagesordnung. Kein Tag verging, wo nicht die Tagespresse über neue Verhaftungen und Maßregelungen aller Art zu berichten gewußt hätte. Die Vernichtungssucht wurde zum leitenden Grundsätze der Verfolger nach mißliebigen Personen gemacht.

Die Konfiskationen der radikalen Presse machten sich die Staatsanwaltschaften zur Gewohnheit. Die Blätter hatten infolge dessen ein eigentümliches Aussehen; ganze Spalten blieben ungedruckt mit dem mehr als bekannten Worte: „Konfisziert“ versehen. Was anderes als Haß und Empörung auf Seiten des arbeitenden Volkes konnte ein solches Verfahren erzeugen?

Man wähnte sich im despotischen Zarenreiche Rußland und gleich den Revolutionären dieses Landes erwachte auch in Österreich die Idee des Terrorismus als Verzweiflungsmittel zum Zwecke.

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Es dürfte nicht ohne Interesse sein, dem Namen nach die leitenden Personen, resp. die Führer der beiden Parteien im Anfänge des Jahres 1883 kennen zu lernen. Als bekannte Personen der radikalen Partei sind die Folgenden zu nennen: Peukert, Motz, Führer, Schustacek, Rouget, Matzinger, Schafhauser, Pauler, Gams, Notzar, Gargula, Popp, Pokorny, Rismann, Leitner, Walecka, Kappauf, Adenau, Schiller, Schmidt, Treibenreif und Kompoß. Von der tschechisch-slawischen Richtung: Hybes, Pech, Mi(?)olanda, Pecka, Zoula, Stefek, Mily, Peirzilek, Stradal und Baudisch.

Von der gemäßigten Partei die Folgenden: Bardorf, Ha- nich, Leißner, Brettschneider, Gehrke, Zieh, Dorsch, Kaller-Reinthal, Kieswetter, Burian, Zacharias, Gans.

 

 

DER MERSTALLINGER PROZESS. VERFOLGUNGEN.

Während die Regierung die Verfolgungspeitsche über die Radikalen unermüdlich schwang, und die öffentliche Propaganda der Partei sich also immer schwieriger gestaltete, ging die Partei daran, sich geheim zu organisieren – hierdurch über die Gesetzlichkeit den Stab brechend; gleichzeitig reifte bei einzelnen die Idee, durch Gewalttaten die revolutionäre Sache um so wirksamer zu fördern. Angesichts der wütenden Reaktion war die Herbeischaffung von Agitationsgeldern die erste Vorbedingung. In den Köpfen eines Josef Engel und Franz Pfleger, Anhänger der radikalen Partei, wurde also der Entschluß gefaßt, einen „Raubdiebstahl“ auszuführen, um auf diese Art die materiellen Mittel, an denen es so sehr mangelte, zu beschaffen. Der Plan ward gefaßt, und zur Ausführung gebracht. Ein Schuhwarenfabrikant, über den sich, nebenbei bemerkt, die Gesellen stets beklagten, Namens Josef Merstallinger, wurde eines Tages von Engel und Pfleger chloroformiert und demselben einige hundert Gulden abgenommen.

Allein nach einigen Monaten kam die Polizei den Tätern auf die Spur und Engel und Pfleger wurden verhaftet. Da die Polizei gleich der Meinung/war (die österreichische Polizei ist nämlich in punkto Scharfsinn „unübertrefflich“), daß der Tat ein Beschluß der Partei zu Grunde liegt, verhaftete sie eine ganze Reihe Mitglieder derselben. Es waren deren nicht weniger als zweiunddreißig, die Tätigsten der Partei, inklusive Engel und Pfleger, welche wegen dieses Aktes prozessiert werden sollten. Drei davon – Sappe, Matzinger und J. Scheu – wurden jedoch nach kurzer Zeit auf freien Fuß gelassen, die übrigen nach siebenmonatiger Untersuchungshaft vor die Gerichtsschranken gestellt. Engel,Pfleger, Berndt, Peukert, Motz, Führer, Treibenreif, Schmied, zwei Frauen (Hotze und Heitzer) und neunzehn Andere (im Ganzen alle neunundzwanzig) wurden wegen Hochverrat und Raubattentat angeklagt und prozessiert. Der Prozeß dauerte vom 9. bis 22. März (1883) und endete mit der Verurteilung der Hauptangeklagten Engel und Pfleger zu 15, und des Mitschuldigen Berndt, zu zwei Jahren, während bei den übrige/i 26 Angeklagten die Freisprechung erfolgte.

Auf die Feststellung, daß das Attentat lediglich das Werk der Hauptangeklagten und nicht der Partei war, mußte die Freisprechung der Übrigen erfolgen; die Partei war hierdurch rehabilitiert.

Zu bemerken ist noch, daß von sämtlichen Angeklagten nur Josef Peukert zur Verteidigung das Wort ergriff, dessen Rede, die mehr als eine Stunde in Anspruch nahm, als vorzüglich zu bezeichnen ist.

Anläßlich dieses Prozesses ließ der Vorsitzende Graf Lamezah auch die bekannten Worte fallen, daß wohl der radikalen Partei Ernst beizumessen sei, wo hingegen er die Gemäßigten als „Wassersuppen-Sozialisten“nannte. Mit diesem Prozesse erreichte die Polizei gerade das Gegenteil von dem, was sie wollte. Sie glaubt hierdurch der Partei den Todesstoß zu versetzen, in Wirklichkeit schnellte dieselbe nach diesem Prozesse erst recht empor. Durch die umfassenden Berichte über den Prozeß machte die Tagespresse eine riesige Propaganda für die Partei. In Gegenden, wo bisher von Sozialismus keine Ahnung vorhanden war, wurden plötzlich die Menschen durch die täglichen Publikationen über die Affaire aufmerksam gemacht und allenthalben befaßte man sich jetzt mit der sozialistischen Idee.

Die Volksversammlungen, welche stattfanden, zählten jedesmal nach Tausenden, ein deutlicher Beweis, daß das Interesse für den Sozialismus im hohen Grade entfacht war. Kurz gesagt, der Merstallinger Prozeß konnte im Jahre 1883 als das beste Agitationsmittel der Partei betrachtet werden.

Aber die radikale Partei bildete jetzt eine Feste, die von zwei Seiten mit allen Mitteln bekämpft wurde. Auf der einen Seite stand die Regierung mit ihren Unterdrückungsmitteln, auf der anderen Seite die in- und ausländischen Sozialdemokraten mit den Mitteln der Verleumdung und Begeiferung. In dieser Beziehung, was Österreich anbetrifft, taten sich die folgenden unter dem Schutze der Regierung stehenden Sozialdemokraten besonders hervor: Bardorf, Dorsch, Schwarzinger, Gehrke (Wien), Hanich, Zacharias (Brünn) und Kaller-Rheinthal (Graz). Von den Deutschen Liebknecht, Bebel und Grillenberger.

Nach diesen Scharlatanen bestanden die Radikalen nur aus lauter Räubern und Dieben. Feig und erbärmlich, wie diese Leute einmal waren, war auch dementsprechend die sozialdemokratische Presse gehalten! Sie vermochte höchstens zu jammern oder die Radikalen zu verdächtigen zu einer energischen Verteidigung der Arbeitersache konnte sie sich jedoch nicht aufraffen.

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Im Frühjahr 1883 haben wir abermals eine unendliche Reihe von verhafteten, gemaßregelten und prozessierten Radikalen zu verzeichnen.

Als die hauptsächlichsten Fälle, soweit sie uns bekannt sind, seien die folgenden aufgeführt: Fischer (Prag), wegen Hochverrat zu 12 Jahren; Hinterstoißer zu drei Jahren; Rafael (Wien) 18, Gluschitz (Graz) 13, Mily und Petrzilek (Wien) zu je vier Monaten Kerker. Die zwei Letzteren gaben ein radikales, böhmisches Organ mit dem Titel: „Proletar“ (Proletariat) heraus, das jedoch nach Erscheinen einiger Nummern unterdrückt wurde, was zur Verurteilung der Genannten führte. In Brünn starb in dieser Zeit ein braver Kämpfer, Schallinger, im Landesgerichte, wo er sich in einer langwierigen Untersuchungshaft befand. Ungefähr um die gleiche Zeit starb im Kerker der zu drei Jahren verurteilte Dolezal. Fast in Hunderte zählten die gleichzeitig in Untersuchungshaft befindlichen Radikalen. Namentlich in Böhmen begann die Reaktion zu wüten. Das Zentralorgan der tschechisch-slavischen Richtung, „Delnicke Listy“ in Prag wurde, nachdem man die Herausgeber und Redakteure in den Kerker warf, unterdrückt, worauf man das Blatt nach Wien verlegte.

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Im Monate April 1883 proklamierten die Wiener Bäcker ihren Streik, der jedoch nach ungefähr 14 Tagen mit einer halben Niederlage endete; ebenso nahm der später inszenierte Streik der Schriftsetzer, nachdem ungefähr 80.000 fl. verschlungen worden waren, in gleicher Weise sein Ende. Indessen, die Wogen des Sozialismus schlugen immer höher, immer neue Überraschungen der Bourgeoisie bereitend. Bald da, bald dort, fanden Konflikte, einerseits zwischen Kapital und Arbeit, andererseits in der Folge mit den Polizeiorganen statt und beschäftigte so alle Bevölkerungskreise.

Unter den organisierten Schuhmachern begann sich ein besonderer Geist zu regen. Die Mitglieder der Wiener Schuhmachergewerkschaft befaßten sich nun mehr mit revolutionär-sozialistischen Ideen, verbreiteten die einschlägige Literatur und besprachen offen und geheim, wie es eben ging, dementsprechende Thematas. Die Polizei wurde auf dieses „ungesetzliche Treiben“ aufmerksam. Eines schönen Tages fand es die Polizei für ratsam, die Gewerkschaft aufzulösen und deren Vereinskasse zu konfiszieren. Hatte schon die Auflösung der Gewerkschaft Erbitterung und Haß unter den Schuhmachern erzeugt, so trat dies erst dann recht hervor, als die Polizei ungerechter Weise die Kassa mit Beschlag belegte. Der angehäufte Zündstoff kam zur Explosion. Die Mitglieder erblickten in der Konfiskation der Kasse widerrechtliche Aneignung und zogen in Hunderten vor das Vereinslokal, um die Wegnahme derselben zu verhindern. Die Polizei, verstärkt durch Succurs, griff zu den Waffen. Es entspann sich ein blutiger Straßenkarnpf auf beiden Seiten, an diesem Tage mit schweren Verwundungen endend.

Das unqualifizierbare Vorgehen der Polizei mußte natürlicherweise in Partei- und sonstigen rechtlich denkenden Kreisen berechtigten Unwillen erzeugen, und so waren denn von allen Seiten Arbeiter herbeigeströmt, um die Schuhmacher in ihrem Kampfe zu unterstützen. Die Polizei erschien nunmehr auch zu Pferde und da sie sich auch jetzt noch als schwach erwies, so mußte die Kavallerie auf dem Kampfplatze erscheinen. Die empörten Massen rissen in Ermangelung von Waffen das Straßenpflaster auf und schleuderten es gegen die Angreifer. Endlich trat Ruhe ein. Doch bei Anbruch der Finsternis jeden darauf folgenden Tages kam es immer wieder zu neuen Demonstrationen, bis die Polizei endlich die Kasse den Schuhmachern zurückerstattete und die Auflösung des Vereins zurückzog.

In nicht lange darauf folgender Zeit gab es neue Szenen. Die Staatsanwaltschaft, zweifellos noch dazu von „oben“ beeinflußt, fühlte sich verpflichtet, die Knebelung der Presse und der freien Meinungsäußerung überhaupt, noch besser zu handhaben, was vollends die Geister revolutionierte.

Man beschloß in Parteikreisen, einmal energischen Protest gegen all das zu erheben und zwar durch Veranstaltung einer großen Demonstration vor dem Hauptpolizeigebäude am Schottenring. Die Demonstration fand wirklich statt, wobei es abermals zu Blutvergießen und zahlreichen Verhaftungen und Verurteilungen kam. Auch da schritt das Militär ein. Die Hoffnung an der Möglichkeit einer wirksamen, öffentlichen Propaganda schwand infolge dessen in Parteikreisen immer mehr, bis daß in einer Versammlung von Vertrauenspersonen der Beschluß gefaßt wurde (Dezember 1883) die öffentlichen Versammlungen einzustellen und an deren Stelle geheime Propaganda zu pflegen. Die Bildung von geheimen Gruppen war übrigens schon früher in Angriff genommen worden und bildeten die Quellen der von Zeit zu Zeit nach vielen Tausenden zur Verbreitung gelangten Flugschriften. Selbstredend waren die Gruppen im Besitze einer eigenen, geheimen Presse. Bishin erklärten sich fast alle in Wien und der Provinz bestandenen Arbeitervereine und Gewerkschaften für die radikale Partei. Auch sämtliche Fachblätter, wie Schuhmacher, Metallarbeiter- und Schneider-Fachzeitung vertraten diesen Standpunkt. Es sollte aber eine Zeit kommen, wo die Gegensätze zwischen der Regierung und ihren Ausführungsorganen . und den Revolutionären andererseits den Kulminationspunkt erreichten. Die Ungerechtigkeiten hatten in dem Herzen des nach Freiheit ringenden Proletariats glühenden Haß erzeugt, es fühlte das Bedürfnis der Notwehr.Die Frucht der herrschenden Reaktion war das Erscheinen eines Kammeres und Stellmachers am Kampfplatze.

 

DIE ATTENTATE AUF DEN POLIZEI-KONZIPISTEN HLUBEK, DEN WECHSELSTUBEN-BESITZER EISERT UND DEN POLIZEI-DETEKTIV BLÖCH

Am 15. Dezember 1883, Nachts, fiel Hlubek, ein Polizeikonzipist in Floridsdorf, unter der tödlichen Kugel Kämmerers, als derselbe von einer Arbeiterversammlung, in welcher er als Regierungsvertreter fungierte, heimkehrte. In genannter Versammlung hielt Ferdinand Schaffhauser einen Vortrag über „Antikes und modernes Proletariat“.; nach Beendigung derselben begleitete Schaffhauser Hlubek eine kurze Strecke nach Hause, worauf beide auseinandergingen. Doch im selben Momente fiel der Schuß – – -. Schaffhauser und noch ein der radikalen Partei Angehöriger, Johann Ondra, wurden unter dem Verdachte des Meuchelmordes verhaftet, allein im Laufe der Untersuchung wurde gegen sie bloß die Anklage wegen Mitschuld am Morde erhoben, worüber die Verhandlung am 27. und 28. April 1884 vor dem Ausnahmegerichtshofe unter dem Vorsitze von L.G.R. von Holzin- ger durchgeführt wurde. Schaffhauser wurde bloß wegen des Verbrechens der Vorschubleistung zu zwei Jahren schwerem Kerker verurteilt, Ondra dagegen freigesprochen. Unter dieser Zeit ergab sich bereits, daß Anton Kämmerer, ein Revolutionär, ein erst 22 jähriger, junger Mann von ungewöhnlicher Energie, der Täter sei, welchem Schaffhauser bei der Tat Vorschub leistete. Von welchem Holze dieser Mann geschnitzt war, zeigen uns am besten die Momente seiner Inhaftnahme. Als die Polizei über genügend Anhaltspunkte, daß Kämmerer der Täter sei, verfügte, machte sie Anstalten, denselben zu verhaften. Die Polizei erfuhr, daß Kämmerer sich in einer Kaffeeschänke nächst der Lerchenfelder Linie (Wien) zwischen 3 und 4 Uhr Nachmittags stets aufhielt. Hier sollte die Verhaftung vor sich gehen. Drei Detektive wurden mit der Mission betraut, Kämmerer zu verhaften. Die Detektive postierten sich an der Gassentüre des Lokals links und rechts und warteten Kämmerer ab. Doch Kämmerer schien schon bereits von der ihm winkenden Gefahr eine Ahnung zu haben, denn, als er aus dem Lokale heraustrat und die Detektive sich anschickten, ihn festzunehmen, parierte er mit seinen kräftigen Armen links und rechts aus und streckte so seine Verfolger nieder, zog einen Revolver aus der Brusttasche und gab einen Schuß ab, der einen der Detektive leicht verwundete; hieraus suchte er sich zu flüchten. Die Detektive rafften sich auf und verfolgten Kämmerer, während sich Straßenpassanten immer mehr an der Verfolgung beteiligten. Ein Wachmann trat Kämmerer entgegen, dieser feuerte aber einen Schuß ab und streckte ihn, an der Stirn treffend, nieder. Endlich wurde Kämmerer eingeholt und von einer Menge umringt, die ihn zu Boden warf. Jetzt begann ein neuer verzweifelter Kampf, Kämmerer, der über große körperliche Stärke und Gewandtheit verfügte, wehrte sich gleich einem Löwen. Er schlug, hieb und schoß um sich und während ein Wachmann auf ihm kniete und ihn zu binden versuchte, gelang es ihm noch einen Schuß abzugeben, welcher den Wachmann in den Oberschenkel traf und schwer verletzte. Zehnmal versuchte Kämmerer sich zu erheben, wurde aber immer wieder von den ihn Umringenden niedergehalten. Selbst als er bereits gefesselt war mit dicken Stricken an Händen und Füssen, suchte er sich zu befreien.

Da Kämmerer Deserteur war, wurde er vor das kompetente Militärgericht gestellt und zum Tode durch den Strang verurteilt. Nicht lange darauf wurde Kämmerer justifiziert. – Kammerer wurde auch beschuldigt, im Vereine mit Stellmacher den Eisert’sehen Mord, den wir im Nachfolgenden gleichfalls skizzieren, begangen zu haben. Allein, erwiesen konnte es nicht werden.

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Am 10. Januar 1884 wurde das Attentat in der Eisert’schen Wechselstube begangen. Eisert, sowie seine beiden unmündigen Kinder wurden ermordet, worauf die Attentäter ungefähr 4000 fl. in Baren und Wertpapieren entwendeten.

Die Wertpapiere, welche die Täter behufs Veräußerung nach Pest sandten, führten dortselbst zu Verhaftungen mehrerer bekannter Revolutionäre: Jonas Fried, Albin Schefler und Hermann Prager, Redakteur des im selben Jahre gegründeten radikalen Organs „Der Radikale“. Nach mehrmonatiger Untersuchungshaft wurden die genannten prozessiert und wegen Mitschuld zu mehrjährigen Kerkerstrafen verurteilt.

Fünfzehn Tage später streckte der Schuß Hermann Stellmachers den Detektiv Bloch nieder. Auch beim Stellmacher ging ein verzweifelter Kampf voraus, ehe er verhaftet werden konnte. Dieses, sowie auch das Attentat auf Eisert, wurden Stellmacher zur Last gelegt. Er wurde zum Tode durch den Strang verurteilt und auch späten justifiziert. Zu bemerken ist, daß Stellmacher bis zum letzten Augenblicke die Begehung der Eisert’schen Tat in Abrede stellte.

Tatsächlich konnte Beiden der Mord von Eisert nicht bewiesen werden; sollten sie jedoch dieses Verbrechen begangen haben, so begingen sie eine Tat, von welcher die radikale Partei nichts wußte und solche auch nicht gebilligt hätte; dessen sind wir überzeugt.

Sowohl Stellmacher wie Kämmerer sind als Terroristen der extremsten Art zu betrachten – Produkte der vielgepriesenen Zivilisation des,neunzehnten Jahrhunderts!

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Nur ein Ton der Bitterkeit vermag sich unserer Brust zu entringen, wenn in solchen Fällen die Menschen und nicht die gesellschaftlichen Einrichtungen und Verhältnisse verurteilt werden. Doch, was waren die Ursachen, daß die Terroristen sich die zwei Polizeiorgane zum Opfer auserkoren? In dem Fabriksorte Floridsdorf standen die Arbeiter stets auf Seite des Sozialismus, ihre Beteiligung an der Arbeiterbewegung war deshalb außerordentlich rege. Die Polizeiorgane merkten dies und sie unterließen keine Gelegenheit, die Sozialisten zu verfolgen, eventuell den Gerichten zu überliefern.

In der Tat sind aus den Jahren 1882–1883 eine Unmasse von Verhaftungen und teilweisen Verurteilungen zu schweren Kerkerstrafen nachweisbar. Eine solche Verfolgungswut empörte die Gemüter und ließ selbst im Auslande (Schweiz[5]) in den Reihen der extremen Revolutionäre den Gedanken reifen, die Meistgehaßten der Polizei an diesem Orte zu vernichten. Dem Wunsche folgte die Tat. Obgleich wir nun keine Ursache haben, uns an jene Seite zu stellen, wo ein Unrecht ist, das gerächt zu werden verdient, so können wir doch nicht unterlassen, zu erklären, daß wir, was die Tat Eisert anbetrifft, namentlich die Hinmordung der Kinder, nicht gut heißen können.

Wir wissen wohl, daß hunderte und tausende von Menschen der Arbeiterklasse angehörend, täglich langsam getötet werden, wenn auch auf andere Art; daß Kinder im zarten Alter zu Grunde gehen, weil es an dem zum Leben Nötigen mangelt; und daß die Leibesfrucht der Arbeiterfrauen durch überanstrengende Arbeit sehr häufig vorzeitig getötet wird; alles das wissen wir. Allein die Tat war schon deshalb verwerflich, weil sie nicht zweckentsprechend war! Durch sie wurde für die sozialistische resp. anarchistische Idee nicht Propaganda – und diesen Zweck sollte die Tat eigentlich haben – gemacht, sondern steigerte in den indifferenten Massen gegen diese Idee noch mehr das Vorurteil.

Indessen, wenn Kämmerer und Stellmacher wirklich die Täter waren – sie haben die Tat gebüßt, und das mutig! Sie waren sich der Tragweite ihrer Handlungsweise bewußt und das mag immerhin etwas heißen.

 

DIE VERHÄNGUNG DES AUSNAHMEZUSTANDES

Die Taten Kammerer’s und Stellmacher’s ließen die Regierung bestimmen, statt die Ursachen zu beseitigen, die Anwendung ihrer Gewalt nunmehr gegen die geistigen Träger der Arbeiterbewegung auf das Höchste anzuspannen; diese machte die Regierung für die Taten verantwortlich. Statt größerer Bewegungsfreiheit erhielten jetzt die Arbeiter – Kerker und Ausweisdekrete Das Gesetz, die Ausnahmeverordnung, welche ehedem zur Niederhaltung der Ultramontanen und Tschechen geschaffen wurde, erhielt plötzlich Geltung.

Auf Grund derselben – 30. Januar 1884 – wurde über Wien, Wiener Neustadt und Korneuburg eine Art Belagerungszustand verhängt, unter dem die Polizei das Recht erhielt, ohne Begründung Zeitungen zu verbieten, Personen aus dem Geltungsgebiete des Ausnahmezustandes auszuweisen, Vereine und Versammlungen zu untersagen, Briefe zu öffnen u.s.w. Eine weitere Ministerialverordnung hob die Wirksamkeit der Geschworenengerichte in Strafsachen auf, welche anarchistischen, auf gewaltsamen Umsturz der bestehenden Staats- und Gesellschaftsordnung gerichtete Bestrebungen zu Grunde lagen.

Das Sturmsignal zu einer Massenverfolgung nach „berüchtigten“ Revolutionären und Sozialisten ward gegeben! Verhaftungen auf Verhaftungen folgten, und ehe einige Tage vergingen, waren die tätigsten Pioniere der Arbeiterbewegung etwa 500 an der Zahl, aus dem Geltungsgebiete verwiesen.

Es ist nicht nötig, zu sagen, wie empfindlich die Betreffenden davon getroffen wurden. Man denke, die meisten waren Familienväter, die jetzt Weib und Kind in Elend und Not zurücklassen mußten, in unbekannte Gegenden verschlagen wurden, um von Ort zu Ort nach einem neuen Erwerb zu haschen.

Doch die Polizei und Gendarmerie folgte den „untreuen Untertanen“ überall auf dem Fuße, half ihnen aus der Arbeit, wenn sie eine hatten und verbitterte ihnen durch fortwährende Schikanen vollends das Leben. Die Familien mußten darben.

Viele wurden hierdurch veranlaßt, im Auslande (Schweiz, Frankreich, England und Amerika[6]) ihre Zuflucht zu suchen. Aber damit begnügte sich die Regierung noch lange nicht. Sie unterdrückte die „Zukunft“ und „Delnické Listy“, löste unliebsame Vereine auf und verfolgte so jede sozialistische Regung bis in die verborgensten Winkel. Die Regierung hatte ihre Rache.

 

NEUE PROZESSE. – KRITISCHE BETRACHTUNGEN.

Während in Wien.an der Vernichtung des revolutionären Sozialismus mit allem Nachdruck hingearbeitet wurde, fanden um dieselbe Zeit in, Klagenfurt, Graz, Prag, Wien und anderen Orten[7] Hochverratsprozesse gegen Sozialisten statt. In Klagenfurt war es der Prozeß gegen Zeleznikar und Genossen (Anfang Januar 1884) wegen Hochverrat, der zur Verurteilung Zeleznikar’s führte; derselbe erhielt 12 Jahre schweren Kerker, während seine zwei Genossen freigesprochen wurden.

Im selben Monate wurde in Graz Podboy und Pronegg wegen gleichem Delikt prozessiert und verurteilt. Bemerkenswert ist, daß Pronegg, nachdem gegen ihn das Urteil gefällt worden war, eine ganze Reihe in Freiheit befindlicher Genossen denunzierte. Durch die Härte des gefällten Urteiles stieg plötzlich diesem Menschen das traurige Los in vollem Umfange vor seine ehedem „große Seele“; erst jetzt wurde ihm das Leben teuer und um es zu retten, schien ihm gut, selbst in den Morast menschlicher Verwerflichkeit hinabzusteigen. Gleich einem Schiffbrüchigen, den die brandenden Wogen des entfesselten Meeres jeden Augenblick zu verschlingen drohen, sich auf den ersten besten Gegenstand klammernd, um nicht unterzugehen, so suchte auch Pronegg seinem Schicksale zu entgehen. Und doch half es nicht, die Nemesis ereilte ihn. Aber dafür mußten durch die erbärmliche Handlungsweise eine Anzahl seiner‘ Genossen auf Jahre die Freiheit einbüßen und leiden.

Die Denunziation des Pronegg ging dahin, daß Michael Kappauf und Genossen geheime Sitzungen abhielten, in welcher die Waffenfrage und sonstige, auf den gewaltsamen Umsturz der bestehenden Gesellschaft bezughabende Angelegenheiten erörtert wurden und anläßlich einer bevorstehenden Reise des Kaisers nach Graz, den Hofzug mittelst Dynamit in die Luft zu sprengen, beschlossen worden war.

Auf dieses hin wurden verhaftet: Michael und Gustav Kappauf, Johann Kreiner, Franz Kleiner, Franz Kabelka, Anton Schrank, Rudolf und Alois Hartei, Philipp Sleik, Josef Schneider, Michael Ledinegg, Josef Scheucher, Mathias Streit, Franz Rockenbauer, Franz Stremitzer, Michael Kowatsch, Johann Huber, Karl Hubmeyer, Anton Riedl, Alexander Kehl, Ferdinand Gabriel, Franz Lindner, Nikolaus Podboy (derselbe, welcher bereits zu 12 Jahren abgeurteilt worden ist).

Der Prozeß dauerte vom 11. bis 25. Juni 1884 und endete mit folgenden Verurteilungen: M. Kappauf zu 3 ½ Jahren, Kreiner zu 2 1/2 Jahren, Lindner (verschärft) mit 3 Jahren, Schrank zu 2 1/2 Jahren, Schneider zu 2 Jahren, Huber zu 18 Monaten, R. Hartei zu 15 Monaten, Rockenbauer zu 18 Monaten, Sleik zu 13 Monaten, Ledi- negg zu 13 Monaten (Streit wegen eines geringen Vergehens zu 48 Stunden Arrest). Freigesprochen wurden: Gabriel, Kehl, Hubmeyer, Kleiner, Kabelka, A. Hartei, Scheucher, Stremitzer, Kowatsch, Streit, G. Kappauf, Riedl. Sämtliche Angeklagten hatten eine viermonatige Untersuchungshaft durchzumachen. In Wien wurde Rouget (wegen Haltung einer geheimen Presse) zu acht Monaten verurteilt (Anfang Januar 1884), Ende November fand vor dem Wiener Ausnahmegericht der Hochverratsprozeß gegen Brady, Buchmann, Hübner und Genossen statt.

Diesem Prozesse lag die Ausforschung der Geheimpresse zu Grunde, deren Preßerzeugnisse (Flugschriften etc.) die Angeklagten zur Verbreitung brachten.

Die rastlose Tätigkeit der Geheimpolizei und die Anwerbung von Spitzeln brachte es zu Wege, daß die Geheimdruckerei in Lerchenfeld, Kirchstättengasse, die Wohnung und Keller (in diesem befand sich die Druckerei) Buchmanns und Frau entdeckt wurde. Dies führte zur Verhaftung Buchmanns, seiner Frau, Brady (dieser befand sich in der kritischen Zeit in München, von wo er ausgeliefert wurde), Hübner, Horaklik, Bleicher, Herlicka, Schreiblechner, Springer, Chalupa und Andere.[8] Brady wurde zu 12 Jahren, Hübner zu 12 Jahren, Buchmann zu 10 Jahren, Horaklik, Bleicher, Herlicka und Springer zu 8 Jahren, Schreiblechner und Frau Buchmann zu 3 Jahren und die übrigen zu 3 bis 5 Jahren Kerkers verurteilt. Die Gesamtsumme der Strafen der 18 verurteilten Angeklagten betrug Einhundert und fünf Jahre.

Mehrere der Verurteilten, darunter Schreiblechner und Bleicher, sind bereits der moderigen Kerkerluft erlegen.

Im Jahre 1885 am 19. Januar wurden in Prag Anton Behr, Redakteur der sozialistischen Zeitschrift „Der Radicale“, Josef Schiller und Fr. König je zu acht Monaten Kerker verurteilt.

Am 28. Januar wurde B. Kratochwill in Nürschau wegen Hochverrats verhaftet und nach mehrmonatiger Untersuchungshaft in Prag zu fünf Jahren schweren Kerkers verurteilt.

In Wien wurde im März Thielmann wegen Verbrechen des Hochverrats von dem Ausnahmegerichte zu fünf Jahren schweren Kerker verurteilt.

In Prag wurden wegen Geheimbündelei verurteilt: Hulik zu 15, Schwarz zu 13 und Reisek zu fünf Monaten Kerker. Im Juli: Hirt, Redakteur, und Gattermann, Herausgeber des „Der Radicale“; ersterer zu vier, letzterer zu einem Monat Kerker. Ferner: Karl Hladky, Ferber, Rad- wornik, Viborny, Emil Warkup, Josef Wachta, Josef Bat- tunek, P. Zinge, B. Gihlar, Em. Schicki, K. Hara, J. Brezina, V.-Vosnik, Hedbavny, F. Benda, Martinek, Fr. Kansky, K. Prochaska, Tarha, J. Vopat, Johann Schip, Wagner, Josef Zikan und J. Matouschek zu drei Wochen bis 9 Monaten Kerker, beziehungsweise Arrest, verurteilt.

In Olmütz wurde wegen Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung Franz Kraus zu 2 Jahren, Chr. Kraus zu 15, Warbinek zu 13 und F. Karger zu 8 Monaten schweren Kerkers verurteilt.

In Wiener Neustadt wurden wegen Verbrechen des Hochverrats verurteilt: Partsch zu 10, Hartmann zu 5, Schaden und Wegerer zu 4 und Pronetz zu 3 Jahren schweren Kerker.

Am 13. Oktober wurden in Prag abermals wegen Geheimbündelei verurteilt: Mlejnik zu 4, Strecha zu 3, Cenek zu 5 und Hafta zu 1 Monat Kerker, Budinsky zu sechs Wochen Arrest.

In Bruck wurden am 10. November wegen Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung verurteilt: Franz Korwin und Mathias Bergwein, ersterer zu 2, letzterer zu 3 Monaten Kerker.

In Iglau wurde wegen gleichen Delikts Horak zu 8 Monaten Kerker verurteilt.

Am 19. November 1885 fand in Prag der Hochverratsprozeß gegen Paces, Cerny und Rampas statt. Delikt: Entdeckung einer Geheimpresse auf welcher revolutionäre Druckschriften erzeugt wurden. Verurteilt wurde: Paces zu 16, Cerny zu 15 und Rampas zu 10 Jahren schweren Kerkers.

In Leoben wurde am 25. November Groißl wegen Hochverrat zu 5 Jahren Kerker verurteilt.

Am 3. Dezember wurde Fr. Holmann von dem Wiener Ausnahmegericht wegen Verbrechen des Hochverrats zu 3 Jahren verurteilt.

Im Monat Dezember wurden in Prag wegen Geheimbündelei verurteilt: Mudra, Horejschy, Josef Leyak, P. Velser, W. Wesely, Spyra, Josef Tansa, W. Jungmann, W. Schlaie, Josef Buzik, Aug. Loos, A. Horejschy, Cink, Kiedrowitz, Fr. Majrich, Josef Folda zu 14 Tagen bis vier Monaten Kerker, beziehungsweise Arrest.

In Trebitsch waren 39 Arbeiter in Untersuchungshaft; davon wurden verurteilt: J. Pokorny und Josef Pertl zu 9, F. Hutar zu 8, E. Privoza zu 6 Monaten Kerker, Maresch, K. Dlouhy, J. Urbanec, M. Vaschata, J. Tesak, Kotzba, Mejzlick, Cermak und Prokesch je zu einer Woche Pazourek zu 5 Tagen Arrest.

Im Jahre 1884 wurde- Johann Rismann in St. Pölten wegen Ruhestörung der öffentlichen Ordnung zu 6 Monaten Kerker verurteilt.

In diesem Jahre arbeitete die Partei fast ausschließlich, was speziell Wien anbetraf, geheim, respektive mit Umgehung der Gesetzlichkeit. Sämtliche Blätter mit Ausnahme eines, die auf dem Boden des Klassenkampfes standen, sind zum Teil unterdrückt, teils haben sie freiwillig ihr Erscheinen eingestellt. Der im‘ Herbst 1883 zu Reichenberg gegründete „Radikale“ war das einzige Organ der radikalen Partei, welches vornehmlich in das Geltungsgebiet der Ausnahmeverordnung eingeschmuggelt wurde und daselbst Verbreitung fand. Es dauerte nicht lange und auch dieses Blatt wurde, nachdem Herausgeber und Redakteur (König, Behr und Josef Schiller) hinter Schloß und Riegel gebracht, von den Regierungsorganen unterdrückt.

In Brünn bestand der „Volksfreund“, das Hauptorgan der Gemäßigten, und die „Wahrheit“ in Wien[9]. Diese Partei biieb von der Verfolgung ausgeschlossen; sie konnte, namentlich was Brünn anbetrifft, ungeniert für ihre Ideen Propaganda machen. Die Regierung fand keinerlei Ursache, sie in ihrem Umgang zu hemmen, und mit gutem Grund. Sie wußte, daß ein Hanich, ein Bardorf und Andere längst den Standpunkt der „revolutionären Reaktionäre“, Bebel und Liebknecht, einnahmen, deren Existenz, beziehungsweise die ihrer Partei, der Regierung nur wünschenswert sein konnte. Hatten sie ja im Vereine mit der Regierung an der Vernichtung der radikalen Partei getreulich mitgewirkt! – Die radikale Partei bildete den Amboß, auf den von allen reaktionären Seiten gehämmert wurde.

In Böhmen bestand zwar kein Ausnahmezustand, dafür wurde umso besser die zaristische Knute über die Häupter der Revolutionäre geschwungen. Die Haltung erlaubter sozialistischer Zeitschriften war Grund genug, Anklagen wegen Geheimbündelei zu konstruieren. Und wenn es zu keiner Verurteilung führte – die mehrmonatige Untersuchungshaft konnte Niemand mehr ungeschehen machen. Oft wurden Leute davon betroffen, die kaum eine Ahnung vom Sozialismus hatten, doch sie lasen sozialistische Blätter und das genügte. Aber darauf war es eben abgesehen, man wollte zumindestens auf diese Weise die Sozialisten und die es werden, wollten „kirre“ machen.

Über die Sozialisten-Frequenz im Prager Landesgericht wird man sich einen Begriff machen können, wenn man erfährt, daß vom 1. September 1884 bis 31. August 1885 über 100 Sozialisten daselbst in Haft waren.

Es wird interessieren, zu erfahren, wie und warum man eine Anklage in Böhmen wegen Hochverrats erhob. Hier sind zum Beispiel die Hauptstelien aus der Anklageschrift gegen den Herausgeber, Redakteur und Expeditor des „Radikale“ wiedergegeben. Es heißt darin wörtlich:

Die in Reichenberg erscheinende periodische Druckschrift „Der Radicale“ betitelt sich „Sozialdemokratisches Organ der Arbeiter Nordböhmens“. Nach dem Titel „Der Radicale“ kann man nur schließen, daß das Blatt Organ der radikalen, sozialdemokratischen Arbeiterpartei sei. Dieser Schluß findet seine Richtigkeit auch dadurch begründet, daß sein Motto lautet: „Aug um Aug, Zahn um Zahn“.

Daß man aber unter dieser radikalen, sozialdemokratischen Partei nur den sozialistischen, revolutionären, anarchistischen Geheimbund zu verstehen hat, ergibt sich einerseits schon aus den in den Verzeichnissen und Inseraten dieses Blattes gebrauchten revolutionären Devisen, andererseits aus dem Umstande, daß das k. k. Kreisgericht in Reichenberg, bzw. das k. k. Oberlandesgericht in Böhmen, in dem Inhalte des Blattes wiederholt den Tatbestand von Delikten gegen die öffentliche Ruhe und Ordnung wahrgenommen hat und daß dieses Blatt mit dem anarchistischen Blatte „Freiheit“ von den „Genossen“, Mitglieder des Geheimbundes, selbst auf gleiche Linie gestellt wird.

Diese Zeitschrift „Der Radikale“ bringt regelmäßig systematisch geordnete Notizen und Abhandlungen, Nachrichten, welche Anhaltspunkte zur weiteren Organisierung und geheimen Agitation bieten und darauf absehen, sowie Nachrichten über Gegenmittel gegen die Verfolgung des Geheimbundes; ferner registriert das Blatt Beiträge zur Unterstützung der Zeitschrift sowie jene zur Unterstützung der Familien der Inhaftierten und bringt Ausweise über die Verteilung der eingegangenen Beträge letzterer Art.

Die Rubrik der Ausweise über die Unterstützungsbeiträge letzterer Art ist wohl überschrieben „Für Familien der Inhaftierten“, allein abgesehen davon, daß es nur Familien inhaftierter Geheimbündler sind, welche die Empfänge auch Tür Inhaftierte selbst verwenden, findet man beim aufmerksamen Lesen solcher Ausweise öfters auch Beiträge für Inhaftierte selbst eingetragen und weiter konnte man in dem Blatte auch Danksagungen der Inhaftierten für ihnen selbst geleistete Unterstützungen lesen. Die Zeitschrift „Der Radicale“ annonziert auch gleichartige verwandte periodische und nichtperiodische Druckschriften des In- und Auslandes, welche dann bei Sozialisten regelmäßig gefunden wurden.

Daraus wird gefolgert, daß die Druckschrift „Der Radicale“ eines der Kommunikationsmittel, eine Korrespondenzkarte des sozial-revolutionären Geheimbundes sei. Derselbe erscheint als ein besonderes Mittel zur Fortsetzung, Erhaltung und Kräftigung des Geheimbundes.

Daraus wird aber weiters geschlossen, das Diejenigen welche als Redakteure, Administratoren, Expeditoren des Blattes fungieren, nicht nur Mitglieder, sondern eminent Vorsteher des anarchistischen Geheimbundes seien, welche die Organisation, Agitation leiten, Sammlungen für Zwecke des Geheimbundes unterhalten, Gelder und sozialistische Druckschriften verteilen, mit Mitgliedern korrespondieren. Bis zu ihrer Verhaftung waren Josef Behr Redakteur, Franz König Administrator,‘ Josef Schiller Expeditor des Blattes. Schon aus diesem Grunde erscheinen sie also als Mitglieder und Vorsteher des Sozialrevolutionären Geheimbundes u.s.w.

Dieser Auszug dürfte genügen. Kommentar ist hier überflüssig.

Dieser Zustand der Dinge hatte zu Ende des Jahres 1885 eine kleine Wendung genommen, und zwar insofern, als die Regierung in der Handhabung der „russischen Gewohnheit“ ein wenig nachgab. Sie sah, daß trotz alledem eine geheime Organisation der Revolutionäre besteht, welche sich immer mehr mit entschiedeneren Mitteln zur Förderung der Arbeitersache befaßte, die bei längerer Dauer feste Wurzeln fassen mußte und dies schien der Regierung umso gefährlicher. So sagte sich die Regierung: besser eine offene, kontrollierbare Arbeiterbewegung, als eine geheime, unterirdisch wühlende, vor der „unser Leben keinen Augenblick sicher sei“. Alles rief nach Reformen, um den Geist der Rebellion zu bannen, und die Regierung war dem nicht abgeneigt. Schnell wurden Gesetze gemacht, wonach in Österreich eine ganze Reihe von Arbeiter-Schutzbestimmungen eingeführt wurden mit welchem sich die rebellierenden Arbeiter befassen sollten. Die Fachvereine konnten sich auch wieder langsam entwickeln. Die Bewegung begann sich von den Schlägen zu erholen.

Allein die geheim arbeitenden Organisationen mußten um jeden Preis vernichtet werden. Die Polizei warb daher Spitzel, Kreaturen aus organisierten Kreisen, um teures Geld, welche sich in das Vertrauen ehrlicher Sozialisten zu setzen wußten. Die allzugroße Vertrauensduselei hatte denn auch zur Folge, daß zahlreiche Revolutionäre der Polizei ans Messer geliefert und geheime Gruppen aufgelöst wurden. Die geheime Organisation wurde immer lockerer und die öffentliche Propaganda lag brach darnieder.

Der Mangel an einer fähigen Presse wurde daher täglich fühlbarer. Umsomehr waren die Revolutionären im Lande und darüber hinaus erfreut, als einer von den Vielen, auf Grund des Ausnahmezustandes Hinausgemaßregelter, Johann Rismann, die Initiative ergriff und mit einer Anzahl Genossen in Marburg (Steiermark) am 15. Juli 1885 ein radikales Organ „Die Arbeit“ plötzlich erscheinen ließ; Rismann war Redakteur. Da das Blatt eine frische revolutionäre Sprache führte, so fand es überall lebhaften Anklang. In Wien und Umgebung bildeten sich „literarische Klubs“, welche die „Arbeit“ meistens als „Leinwandballen“ einschmuggelten und rege Tätigkeit in der Verbreitung derselben entwickelten. Die „Arbeit“ errang sich trotz Konfiskationen und sonstigen Schikanen die Lebensfähigkeit.

Den Grazer Genossen entsprechend, verlegte man später das Blatt nach Graz, wo es bis zur Einstellung des Weitererscheines (16. April 1886) verblieb. Die Ursache daß das Erscheinen der „Arbeit“ eingestellt wurde,hatte darin seinen Grund, indem die Regierung mit einem Entwurf eines Sozialisten-Gesetzes vor das Parlament trat. Danach wäre jede Agitation für den Sozialismus strafbar erklärt worden und hätte in erster Linie die Maßregelung der diesbezüglichen Presse zur Folge. Es lohnt sich aus dem schwungvollen Abschiedsartikel der letzten Nummer der „Arbeit“ folgende interessante Stelle wiederzugeben. Sie lautet:

„...Neben der nichtssagenden Sozialreform ist das sogenannte „Sozialisten-Gesetz“, welches an Ton und Schärfe mittelalterlicher Maßregel gleicht und von dem sich unsere Gegner das Meiste versprechen. Die Regierung hat bereits vor einigen Monaten dem Abgeordnetenhause ein Sozialistengesetz nach dem reichs- deutschen Muster vorgelegt und wird, nachdem dasselbe von dem zur Beratung eingesetztem Ausschuß mit Ausnahme einiger stilistischer Änderungen vollinhaltlich angenommen, in einigen Tagen im Abgeordnetenhause zur Beratung und was wohl Niemand bezweifelt, zur Annahme gelangen. Da nach den Bestimmungen des in Rede stehenden Gesetzes eine zweimalige Konfiskation eines sozialistischen Blattes die Unterdrückung desselben anordnet, so ist ein Weiterbestand der sozialistischen Presse unmöglich gemacht. Indem eine wahrheitsgetreue Besprechung, Kritik und ungeschminkte Darstellung der heutigen Zustände unter der Herrschaft des Sozialistengesetzes ohne Konfiskation undenkbar ist; wir aber durchaus nicht gewillt sind, uns eines Verrats an unserer Sache schuldig zu machen und ebensowenig uns die moderne „Tugend“ – der Heuchelei aneignen wollen; da wir ferner nicht erst gleich einem Deliquenten die „Armesünderfrist“ über uns ergehen lassen wollen, so haben wir uns nach reiflicher Überlegung aus Zweckmäßigkeitsgründen entschlossen, schon heute, wo bereits die schwarzen gewitterschwangeren Wolken der Reaktion über uns schweben, von dem Schauplatze der Öffentlichkeit abzutreten, indem wir das Weitererscheinen der „Arbeit“ mit dieser Nummer einstellen. Wenn unsere Gegner glauben, daß durch solche Maßregeln dem Fortschreiten und Umsichgreifen der Idee Einhalt getan sei, so irren sie sich gewaltig. Die sozialistische Literatur und insbesonders „Die Arbeit“, welche bei einer Auflage von mehreren Tausend Exemplaren erschien, und um die sich ein Leserkreis von mindestens 30000 Personen schaarte, indem bei den heutigen Lohnverhältnissen oft 5–6 Arbeiter ein Blatt abonnierten, war ein Bote der Aufklärung, welcher bei ungestümen Wetter das Land durchzog und nach allen Seiten den Fruchtbringenden Samen ausstreute; nachdem ein Teil ihrer Aufgabe erfüllt, tritt sie mit Ruhe und Ernst von dem entzogenen Boden zurück, in der angenehmen Hoffnung, daß ihre Lehren, welche die Freiheit und Gerechtigkeit als ihren Zielpunkt ausersehen, in nicht allzufernem Zeiträume ihrer Endgültigkeit zuführen wird.

Das war wohl ein bedauerlicher aber stolzer Abschied.

Wieder war die Partei ohne Organ; wieder mußte sie sich auf die Privatagitation beschränken, die keinerlei Bedeutung erlangen konnte. Ein Teil der geheim organisierten Revolutionäre wurde zu alledem immer extremer, wodurch sie sich schließlich in Taten verrannten, die sich nicht mehr mit einer gesunden Anschauung vereinbaren ließen. Doch darüber später.

Im Jahre 1886 wurde der äußerst tätige Revolutionär Göpfhart mit zwei anderen Genossen, Kiefer und Egger, vor dem Ausnahme-Gerichtshofe für anarchistische Verbrechen in Klagenfurt wegen Verbrechen des Hochverrats, Verbrechen und Vergehen der Störung der öffentlichen Ruhe, Göpfhart zu 10, Egger und Kiefer zu je 3 Jahren schweren Kerker verurteilt.

In Wien wurden wegen demselben Delikt Kittier zu 6 und einigen Monate später Eichinger zu 3, Hajek zu 5 Jahren schweren, Goldschmid und Bednar zu 6 und Markowitsch zu 8 Monaten Kerker verurteilt.

Im Dezember 1886 fand der Prozeß gegen Steidel, Ondri- cek und Schwarz wegen Falschmünzerei zu anarchistischen Zwecken – wie die Anklage sagte – statt. Verurteilt wurde: Steidel zu 5, Ondricek und Schwarz zu je 3 Jahren schweren Kerkers.

Mehrere von den Verurteilten waren die Opfer ihrer allzugroßen Vertrauensduselei. Sie hatten sich bei Aktionen, die im Falle der Entdeckung nach dem Strafgesetze viele Jahre Kerker versprachen, „Genossen“ anvertraut, die sie aber nur oberflächlich kannten und sowohl sie selbst wie diese, soweit sie keine Schufte waren, die Tragweite ihrer Handlungsweise kaum ermaßen. Hiermit sind insbesondere die Letztangeführten gemeint.

Durch die fortwährenden Verhaftungen, Verurteilungen oder Ausweisungen der revolutionären Elemente wurde man sich schließlich klar, daß das sozialistisch gesinnte Element in Österreich noch nicht jene Festigkeit, Konsequenz und Widerstandskraft, wie die notwendige Geistesschärfe erlangt hat, das zu einer erfolgreichen systematischen Geheimtätigkeit erforderlich sei. Der Boden war jung, die junge, vielversprechende Pflanze wurde frühzeitig dem Sturme ausgesetzt und dadurch entwurzelt. Ein Glück, daß es noch Revolutionäre gab, welche die Situation richtig erfaßten und an der öffentlichen Propaganda festhielten. Die Partei war wohl stark aufgerieben, allein noch gab es Männer,unter deren Einfluß die bedeutendsten Gewerkschaften standen. Die dominierende Partei am Kampfplatze . war, namentlich was die „Hochburg“ Wien anbetraf, trotz alledem die radikale.

Indessen, es ist am Platze das Wesen der radikalen Partei ins Auge zu fassen.

Es ist unbestrittene Tatsache, daß mit Beginn der Tätigkeit Josef Peukert’s in Österreich die radikale Partei einen entschiedeneren Charakter annahm, wie auch, daß die Bewegung einen raschen Aufschwung gewann, vermöge der damals vorzüglichen Schreibweise der „Zukunft“ welche unter dem völligen Einflüsse Peukert’s stand; die Partei war denn auch im eminenten Maße von dessen Geist durchzogen. Peukert galt als das geistige Haupt der Bewegung, besonders im Jahre 1883 nach dem Merstallinger Prozeß dessen Person also mit der Bewegung eng verbunden war und wir sie in den Bereich unserer kritischen Betrachtungen ziehen müssen.

Wenn wir heute die radikale Partei, wie sie im Jahre 1883 bestand, näherer Betrachtung unterziehen, so stoßen wir auf eine Reihe Unklarheiten in der Auffassung der sozialistischen Ziele und Wege, wie nicht minder auf Inkonsequenzen, die uns geradezu unerklärlich erscheinen.

Der Anlauf, den die radikale Partei zu jener Zeit nahm, war ein vielversprechender, zu dem die Person Peukert’s nicht wenig beitrug.

Denn Peukert war es, der die beiden Schlagworte: „Durch Bildung zur Freiheit“ oder „Durch Freiheit zur Bildung“ zur eingehenden Diskussion durch Wort und Schrift brachte und sich auf die Seite, mit ihm die Partei, der letzteren Anschauung stellte. Diese Tatsache, so sollte man meinen, mußte zumindestens im Wesentlichen die Lossagung der radikalen Partei von den sozialdemokratischen Ideen, nach der logischen Schlußfolgerung bedeuten. Konform dieser Anschauung erklärte Peukert auch anläßlich des Merstallinger Prozesses auf befragen des Präsidenten, ob er die Anschauung Most’s teile, „er sei nicht Zentralist sondern Föderalist“[10], womit nach unseren Begriffen zu verstehen war, daß er anarchistischen Ideen huldige.

Aber Peukert war es endlich auch, der die Propaganda der Tat zur Geltung brachte.

Das alles waren gewiß Motive, die zu. der Annahme berechtigten, daß die Partei sich in der Richtung der Anarchie zu bewegte. In Vertrauenskreisen erklärte Peukert wiederholt, Gegner des Autoritätsprinzips zu sein, im Gespräch vom Anarchismus. Und doch nannte sich die Partei die sozialdemokratische, wie uns der Titel der „Zukunft“ als Zentralorgan der „sozialdemokratischen Partei Österreichs“ am besten beweist. Wo blieb da die Konsequenz? Kurz nach dem Merstallinger Prozesse fand in Dreher’s Bierhalle zu Wien eine von vielen Tausenden von Zuhörern besuchte Volksversammlung, in welcher Peukert als Hauptredner die Ziele der radikalen Partei erläuterte, statt. Die Quintessenz seiner Ausführungen war: „Die Beseitigung des Grundübels allen Elends, die privatkapitalistische Produktionsweise durch die gemeinschaftliche genossenschaftliche zu ersetzen“. Dieselbe Idee, der Kommunismus, wie ihn die Sozialdemokraten auch nicht anders meinten.

Wo blieb da der Anarchismus? Statt Kommunismus uns Anarchie als den idealen Gesellschaftszustand in erster Linie zu lehren, wie es einmal der eingenommene Standpunkt erforderte, suchte man die Massen für den Terrorismus zu erziehen. Wer die Überzeugung gewann, daß die Gewalt die Geburtshelferin einer Neugestaltung der menschlichen Gesellschaft im Sinne des Sozialismus sei, fühlte sich als Anarchist; vollends derjenige, der kein Mittel, ob praktisch oder nicht praktisch, zur Erreichung des Zieles mit Hintansetzung seines Lebens anwendete, Schließlich galt in Österreich der Terrorismus als Anarchismus, unter welcher Bezeichnung er fast ganz zusammenbrach. Die ideale Anarchie war aber der großen Masse – ein spanisches Dorf.

So war es denn möglich, daß von den höchsten Stützen des Staates bis herab zum sozialdemokratischen Führertume Triumphe gefeiert wurden: „Der Anarchismus ist überwältigt; – der Anarchismus ist tot; es gibt keinen Anarchisten mehr in Österreich!“

Das war der Siegeston aller Feinde. Der Umstand also, daß die anarchistisch-kommunistischen Lehren so gut wie gar nicht propagiert worden waren, teils weil es an dem‘ nötigen Wissen mangelte, teils weil man die Gewaltstaktik als oberstes Prinzip betrachten zu müssen glaubte, dem jede andere Tätigkeit untergeordnet wurde, hatte mithin zur Folge, daß die Bewegung bei voller Entfesselung der Reaktion nur Niederlagen zu erleiden hatte; die energischen Elemente wurden kampfunfähig gemacht, indem man sie von Land zu Land trieb; ein Teil verfiel abgespannt dem Nichtstun, ein anderer Teil begann am „Anarchismus“ zu zweifeln und der Rest war zu ohnmächtig, noch etwas zu leisten.

Die schließliche Begeisterung für Revolution und nicht Ideale, da doch das Eine das Andere bedingte, hatte zwar die Partei zu raschen Fortschritten in punkto Ausbreitung gebracht, aber es war ein Bau auf sandigem Boden. Hätte man nicht nur immer die Geister für Gewalt animiert und mehr die Gehirne im Sinne der idealen Anarchie revolutioniert – es wäre nicht möglich gewesen, daß nach einer solchen ereignisvollen Zeitperiode, wo hunderte von Parteiangehörigen völlig verbluten mußten, die Sozialdemokratie Oberhand gewann und auf Kosten der gefallenen Opfer förmliche Orgien zuguterletzt leierte und noch heute, wu wir dies niederschreiben, feiert!

Erst in diesem Jahre – 1886 – als die Bewegung sich allmählich erholte, lernten die fähigeren Träger derselben, den Terrorismus von der idealen Anarchie zu unterscheiden; erst da gab es Sozialisten, die den Anarchismus begriffen und, wo es möglich war, propagierten; sie blieben jedoch marxistische Kollektivisten nach wie vor, da sie durch die Länge der Jahre zu sehr im Banne der marxistischen Lehren gehalten worden waren, ohne im Stande zu sein, sich die Irrtümer zu erklären.

 

DAS ERSTE AUFTAUCHEN DR. ADLERS. „DIE MITTELPARTEI“.

Nachdem aus der verfolgten und aufgeriebenen radikalen Partei ein gesunder Kern sich herauszuschälen begann und die Partei im allmählichen Aufwärtssteigen begriffen war, war jetzt die Regierung darauf bedacht, eine veränderte Position gegenüber der Arbeiterbewegung einzunehmen. Es galt ihr weniger mit roher Gewalt, als mit anderen schlaueren Mitteln, den gefährlichen Charakter der radikalen Bewegung zu töten; sie fand es für gut, auf eine Weile „Toleranz“ zu üben. Die Bewegung völlig auszurotten ging nicht, das sah die Regierung ein und hätte auch keine guten Früchte getragen. Es stand bei ihr also fest, eine Arbeiterbewegung müsse bestehen; und das war klar: womit sollten sich die Arbeiter im gegenteiligen Falle auch beschäftigen? Aber diese mußte so beschaffen sein, daß sie sich voll und ganz auf dem Boden des Gesetzes bewegt und zu jeder Zeit kontrollierbar ist. Mit welchen Dingen sie sich dann zu beschäftigen haben wird, dafür sorgt schon sie, die Regierung. So sann Graf Taaffe nach einem entsprechenden Mittel, so lange – bis er es fand: „Die Fusion der gemäßigten und radikalen Partei in eine Mittelpartei – das wäre nicht schlecht“. Diese Idee sollte zur Ausführung kommen. Nun galt es also eine Person aus der Arbeiterpartei zu finden, welche auf beiden Saiten der Partei Vertrauen genoß und gedachte Fusion Zustande bringt. Diese Person wurde in dem ehemaligen Radikalen, Leo Walecka gefunden und – zur Audienz des Grafen Taaffe beschieden. Der Plan wurde Walecka unterbreitet mit der Versicherung, falls man in die Gründung einer Mittelpartei mit einem vermittelndem Programme einwilligt, die Regierung eine solche in der Entwicklung nicht hemmen wird; selbstverständlich müßte sie jeder Ungesetzlichkeit entsagen.

Allein Walecka – so war Seine Erklärung den Vertrauenspersonen gegenüber – erklärte sich von jeder Tätigkeit zurückzuziehen und will somit damit nichts zu tun haben. Ob seine Erklärung auf Wahrheit beruhte,ist allerdings fraglich, denn der Umstand, daß Walecka sich in Kreisen bewegte, die nichts weniger als Freunde der radikalen Partei zu betrachten waren, läßt uns daran sehr zweifeln. Indessen, die Führer der Gemäßigten griffen die Idee auf und suchten Annäherung an die Radikalen. Walecka, der auf beiden Seiten, wie schon gesagt, ziemliches Vertrauen genoß, trug das seine dazu bei, daß eine gemeinschaftliche Vertrauensversammlung stattfand, um die Idee, eine Mittelpartei zu gründen, zur Sprache zu bringen. Diese Versammlung, in welcher wir zum ersten Male Dr. Viktor Adler kennen zu lernen die Gelegenheit hatten (ohne zu ahnen, welcher „Messias“ den Arbeitern in ihm entsteht), fand zu Ende des Jahres 1886 in Maul’s Restauration in der Josefstadt statt, wo fast 8 Stunden die Frage erörtert wurde. Mit Aufgebot aller Kräfte suchte Dr. Adler die Versöhnung herbeizuführen zu dem gedachten Zwecke, um eine Mittelpartei Zustande zu bringen; er spielte den „Mittelparteimann“. „Ich gebe nicht Euch und diesen auch nicht Recht, Ihr müßt ein Bischen nachgeben und Ihr, Radikale, auch und wir werden eine geeinigte Partei haben.“ Das war der Sinn seiner Reden. (In ihm ist ein tüchtiger Handelsmann verloren gegangen, schade!) Allein nach einer heftig geführten Diskussion, wobei die Radikalen die gräßliche Idee verwarfen, ging die Versammlung resultatlos auseinander.

Aber „Mr.“ Adler wollte nicht immer deutsch-nationaler Parteiführer sein – dieser Partei hatte er nämlich bis dahin angehört, zu dessen intimen Freunden der Abgeordnete Pernerstorfer und Andere zählten – sondern es einmal versuchen sozialdemokratischer „Heerschauer“ à la Bebel oder Liebknecht zu werden. Seine Vermögensverhältnisse hatten es ihm gestattet, selbst auf dem Boden der Arbeiterbewegung seine Kapriolen zu treiben. Die sozialdemokratischen Führer – das war eigentlich zur Hälfte die Partei – ungefähr ein halbes Dutzend, hatte er bald auf seiner Seite; für Geld ist bekanntlich viel, sehr viel zu haben – auch sozialdemokratische Führer, und so ward auch Dr. Adler bald ihr lieb‘ Kind, sie die Führer, seine Freunde. Mit den Radikalen war bis dahin nichts zu machen, also ging Dr. Adler mit seinen Ergebenen daran, ein Arbeiterblatt zu gründen.

Am 11. Dezember 1886 erschien unter dem Titel „Gleichheit“, „sozialdemokratische Wochenschrift“, die Probenummer mit den Hauptprogrammpunkten, „offene Organisation als politische Partei; Kampf für politische Freiheit, für das Recht auf freie, unbeschränkte Meinungsäußerung etc.“ Wie man sieht entsprach da Dr. Adler mit Programm und Blatt der Sozialdemokratie vollkommen, nach diesem sollte die österreichische Arbeiterpartei organisiert werden.

Doch Adler war ein schlauer, berechnender Politiker, wie keiner seiner Vorgänger, die nach Ansehen und Ruhm geizten. Er wußte von seinem Standpunkte die Situation zu erfassen, er sah, wenn das Blatt sich in die Massen Eingang verschaffen soll, müsse man sich einer kräftigeren und interessanteren Sprache bedienen. Freilich, die Anarchisten konnten dessenungeachtet bei Wahrung der Ehrlichkeit nicht reinfallen, da ihnen ja das Programm genug besagte. Immerhin, Adler setzte sich mit den fähigsten Elementen der Sozialdemokratie aller Länder in Verbindung, welche für hohe Honorare – Adler konnte das tun! – gut geschriebene Situationsberichte für die „Gleichheit“ schrieben; natürlich wurde wohlweislich alles vermieden, was geeignet war, in radikalen Kreisen Anstoß zu erregen. Das Blatt gestaltete sich in Folge dessen interessant und nachdem kein anderes, besseres Organ in dieser Zeit existierte, so las man eben dieses, obgleich radikalerseits die Eskamoteurpolitik durchschaut wurde.

Die Radikalen selbst konnten ein entsprechendes Blatt nicht gründen, weil sie wußten, daß es die Regierung einfach unterdrückt hätte. Die Situation der Radikalen gestaltete sich immer schlimmer, da die Adleriten mit ihrem Organe denselben den Wind zusehends aus den Segeln nahmen. Die Einen fanden, daß ja die‘ früheren Blätter auch nicht besser schrieben und schlossen sich den Adleriten an; die Andern, wissend, daß diese „Mittelpartei“ nicht der Verfolgung ausgesetzt sei – schloß sich aus Furcht an. So blieb den radikalen Vertrauenspersonen Julius Popp, Rudolf Pokorny, August Krcal, Josef Tikal, Anton Kreutzer, Josef Temke und Anderen nichts anderes übrig, als den Adleriten auf ihren eigenen Boden zu folgen. Diese besaßen den politischen Verein „Wahrheit“, wo sie ihre Diskussionen regelmäßig abhielten und an denen jetzt auch die Radikalen teilnahmen.

Allein die Verhältnisse und schwache Menschen sollten vollends Rache nehmen an der Partei der Radikalen.

 

 

 

129 JAHRE. – FEINDE RINGSUMHER.

Wie schon an einer anderen Stelle gesagt, verrannte sich schließlich ein allerdings kleiner Teil Radikaler in extreme Taten, die sich nicht mehr mit gesundem Verstände nach dem Stand der Dinge vereinbaren ließen und den Anarchismus in Österreich im hohen Grade mißkreditierten.

Wir meinen hier die Penzinger Brandlegeraffäre bloß als das eine Resultat ihrer Taten. Eine Anzahl von Leuten bildete in den westlichen Vororten Wiens einige Gruppen, die fast ausschließlich der „Propaganda der Tat“ huldigten. Ohne die Verhältnisse zu beachten, faßten diese Leute den Plan, mittels Brandstoffen die Holzlagerstätten in Penzing, um, wie die Sage herumging, „Wien in ein Feuermeer zu verwandeln“, in Brand zu setzen. Welchen Zweck diese Art Propaganda der Tat haben sollte, das zu beantworten, sind wir nicht im Stande; genug, die Vorbereitungen zur Ausführung dieser Tat wurden getroffen, allein in dem Augenblicke, als der Zündapparat in Wirksamkeit treten sollte, wurde der Plan entdeckt und die Ausführung vereitelt. Deshalb wurde eine ganze Anzahl der Arrangeure verhaftet und im Frühjahr 1887 prozessiert. Folgende Hauptpersonen saßen auf der Anklagebank: Hospodsky, Schustacek, Kra- tochwil, Schwechla, Kaspari, Rischawy, Stieber, Buellacher, Wawousek, Boucek, Friedmann, St. Müller und Kopetzky. Eine der Hauptpersonen, Namens Koci, entzog sich rechtzeitig der Verhaftung und flüchtete nach Amerika; ebenso befand sich Schustacek in der Schweiz, von wo aus er jedoch ausgeliefert wurde.

Der Prozeß führte zur Verurteilung sämtlicher Angeklagten. Kratochwil wurde zu 20, Schwechla zu 15, Kaspari zu 16 und die Übrigen von 5 bis 12 Jahren schweren Kerker verurteilt. Die Gesamtsumme der Strafen sämtlicher Verurteilten betrug 129 Jahre.

Schustacek, Hospodsky und Friedmann wurden auf Grund eines anderen Delikts verurteilt. Diese‘ hatten den Versuch gemacht, einer sehr vermögenden verwitweten Frau in Mariahilf einen Besuch abzustatten, um ihre reiche Kasse in „Augenschein“ zu nehmen. Zu diesem Zwecke bildeten sie eine „Polizeikommission“. Schustacek stellte in glänzender Uniform den Kommissar, Hospodsky und Friedmann die Detektive dar. Diese Kommission entdeckte, daß obengenannte Frau in ihrer Kasse falsches Geld aufbewahrt habe, welches zu „konfiszieren“ sie, beglaubigt mit einem polizeilich gesiegelten Befehl, den „Auftrag“ hatten. Und beinah wäre dieses Stückchen gelungen, denn schon hatte die Frau ihre Kasse geöffnet und das darin enthaltene Geld vom „Kommissar“ untersuchen lassen, als die Tochter im Nebenzimmer, bemerkte, daß der eine Detektiv falschen Bart trage, worauf sie um Hilfe schrie und die „Kommission“ flüchten mußte. Erst bei Inhaftnahme der Beteiligten an der Brandaffäre, einige Monate später, wurden die Betreffenden denunziert, verhaftet und dann prozessiert.

Dieser Prozeß gestaltete sich zu einem der traurigsten, die jemals vorgekommen. Nur mit Ausnahme einiger der Angeklagten spielten sämtliche die denkbar jämmerlichsten Rollen. Diese Unglückseligen, die erst jetzt die volle Tragweite ihrer Handlungen begriffen, sahen, daß es sieh um Sein oder Nichtsein handelt, suchten einer auf den anderen die Schuld zu wälzen, jeder wollte der Verführte sein. Von den Wenigen, welche ihre Handlungen männlich verantworteten und die wir auch respektieren, war Kaspari[11], Hospodsky und Friedmann.

Dieser Prozeß sollte nun fortan allen Gegnern bei Bekämpfung der Radikalen Partei als die schärfste Waffe dienen. „Das ist das Werk der Radikalen. Seht hin auf die Jammergestalten, wie sie sich verantworten – Verbrecher züchtet Ihr in Eurer Mitte“! u.s.w. So und viel schlimmer ging es durch die bürgerliche und sozialdemokratische Presse. Mit allen den Gegnern zu Gebote stehenden Mitteln suchten sie diese Taten den Radikalen an die Rockschöße zu hängen. Und neuerdings, die Regierung, die Presse, die Sozialdemokratie, kurz alle Feinde ringsumher führten den Vernichtungskrieg gegen die Radikalen.

Wer sich zur radikalen Partei offen bekannte, wurde gemaßregelt. Ja die organisierten Arbeiter Wiens wurden nachgerade vor die Alternative gestellt. Entweder bei der Adlerpartei Anschluß zu suchen, dann war man geborgen, oder sich erbarmungslosen Verfolgungen auszusetzen. Jede Regung der Radikalen suchte man zu unterdrücken. Am 2. Juni 1887 erschien in Villach wieder „Die Arbeit“ unter der Redaktion und Herausgeberschaft Tikal’s und Rismann’s. Doch kaum daß das Blatt drei Nummern, von denen zwei konfisziert wurden, erlebte, wurde das Weitererscheinen behördlich untersagt. Hierauf verlegte man das Blatt nach Linz. Doch hier erlebte das Blatt nicht einmal eine Nummer: Denn ehe es zum Drucke kam, wurde auf Geheiß der Staatsanwaltschaft der Satz zerstört. Nun ging man mit dem Blatte nach Wien. Hier erschien „Die Arbeit“ am 27.Oktober 1887 unter der Redaktion Hauser’s, während Tikal für Wien und Rismann für Graz als Herausgeber zeichneten. Allein auch hier erlebte das Blatt kaum fünf Nummern und wurde unterdrückt. Zu bemerken ist, daß „Die Arbeit“ bei ihrem neuerlichen Erscheinen in Villach sich das Organ der Sozialisten Österreichs nannte. Damit haben die Herausgeber die prinzipiellen Grenzen zwischen Sozialdemokratie und Sozialismus endgültig gezogen. Am 6.Oktober 1887 erschien unter der Redaktion Krcals das sozialpolitische Fachorgan „Die Bäcker-Zeitung“ als eines der ersten Fachblätter, welche in der neuen Periode gegründet wurden. Das Blatt hatte radikale Tendenz. Die Gründung dieses Blattes, wie angeblich auch andere begangene Hochverratsverbrechen u.s.w. hatten zur Folge, daß Krcal, der sich eines bedeutenden Vertrauens in der radikalen Partei erfreute, wovon die Polizei recht gut unterrichtet war, mit mehreren anderen Genossen verhaftet und fast fünf Monate in Untersuchungshaft gehalten wurde. Dies und .anderes war die Praxis, die Partei, indem man die verläßlichsten und festesten Stützen unmöglich zu machen suchte, zu schwächen.

Ende März 1888 fand vor dem Wiener Ausnahmegerichte der Prozeß gegen August Scharf wegen 54 „Dynamitbomben“ statt. Wie der Angeklagte in seiner Verantwortung sagte waren die bei ihm vorgefundenen Kugeln Lampenbeschwerer seiner eigenen Erfindung. Allein der Staatsanwalt, wie die Sachverständigen behaupteten, daß es regelrechte Bomben waren, die nur mit Dynamit gefüllt zu werden brauchten, um wirkungsvoll zu sein.

August Scharf wurde trotz alledem wegen Geheimbündelei zu vier Jahren schweren Kerker verurteilt. Nach kaum zwei Jahren Haft wanderte Scharf durch den Kerker auf den Friedhof, dorthin, wo so mancher Braver seinen Platz fand.

 

RENEGATEN. „DER PARTEITAG“.

Wenn wir die moderne Arbeiterbewegung aller Länder aufmerksam verfolgen und hierbei einen Blick auf die Vergangenheit werfen, so wird uns ein Merkmal nicht entgehen, das sich stets dem Fortschritte wie ein Bleigewicht anhängte, ein Hindernis, welches das nach Freiheit strebende Proletariat um viele Jahrzehnte in seinem Kampfe zurückließ.

Dieses Merkmal offenbarte sich bis auf den heutigen Tag in der Charakterbeschaffenheit der hervorragendsten Träger der Arbeiterbewegung, auf deren Geistes- und Willenskraft, Ehrlichkeit, Mut und Ausdauer es ankam, daß sich die Bewegung rasch oder langsam gesund entwickelte – oder unter Umständen gar auf Jahre zurückgeworfen wurde. Die Erfahrung hat leider gelehrt, daß die aufgezählten Eigenschaften nicht Jedermanns Sache seien und wir dies auch nicht zum geringen Teile unter jenen Männern vermissen, die den Beruf in sich fühlten und heute noch fühlen, das Proletariat aus seinen Sklavenbanden zu befreien. Wir stoßen vielmehr bei unserer Umschau in der Vergangenheit, wie auch in der Gegenwart, häufig auf die konträren Eigenschaften von den gesagten, auf Männer, welche die Bewegung mehr oder, weniger beeinflußten, denen es wohl an geistiger Befähigung nicht mangelte, im Anfänge ihrer Betätigung auch nicht an Mut und Ehrlichkeit, aber später, als die Verantwortlichkeit heranzutreten nahte, als es galt zu zeigen, von welchem Holze man wirklich geschnitzt ist, werden wir gewahr, daß weder Ehrlichkeit noch Mut, weder Uneigennützigkeit noch Ausdauer seinen Platz behauptete. Statt dessen jedoch wird zum waltenden Prinzipe Rücksicht auf eigenen Wohlstand, Hang nach Eitelkeit und Herrschsucht, das andere, falls noch etwas übrig, zur Förderung des Wohlstandes des hungernden und ringenden Proletariats; wieviel dieses dabei profitiert läßt sich leicht denken.

Und so sehen wir in Deutschland einstige Revolutionäre, z.B. Bebel, Liebknecht und andere im Fracke wohlhabend, die früher vorwärts, heute jedoch nach rückwärts marschieren. In Belgien war es Cäsar de Paepe, der im Anfänge seiner sozialistischen Laufbahn in der internationalen Arbeiter-Assoziation an der Seite Karl Marx, Friedrich Engels und Bakunin’s kämpfte, dann an die Seite des Letzteren sich stellte und Anarchist wurde, der so manche Gedankenperle in seinem Tatendrange, im Forschen nach Wahrheit zurückließ – auch dieser, Rücksicht übend auf seine Existenz, erfaßt vom Autoritätswahn, verwarf die einmal erkannte Wahrheit und stellte sich in Dienste der Sozialdemokratie. In Frankreich war Paul Brousse Freund und Kampfgenosse Bakunin’s und Kropotkin’s, der mit ganzer Leidenschaft für die höchsten Ideale ehrlich eintrat – doch nach wenigen Jahren stellte sich die Schwäche ein, das praktische Leben wird bei ihm Bedürfnis und zum Teufel geht die Überzeugung und Ausdauer, der Geiz nach Ansehen und Ruhm kommt zur Geltung.Heute sitzt Paul, Brousse im Pariser Gemeinderat als bourgeois-radikaler Abgeordneter, als reicher Spießer. Italien hatte eigen Andreas Costa,, der einst hochroter Revolutionär und Parteigänger Bakunin’s war, heute aus denselben angeführten Rücksichten rot-, blau- und gelbgemischter Republikaner wurde und gegenwärtig zum Teile als populärer Staatsmann gepriesen wird.

So könnte man alle modernen Länder aufzählen, und überall wird man diese Art Charaktermenschen antreffen. Die Massen, welche gewohnt sind zu ihren Führern vertrauensvoll empor zu blicken, denen die Worte, von diesen gesprochen, als heilig wahr schienen, werden plötzlich auf den Kopf gestellt und sie enttäuscht; gleich darauf wird ihnen aber eingetrichtert, „man müsse sich nach den Verhältnissen richten, der Gang der Entwicklung erfordert es so, wir können die Geschichte nicht überspringen“ u.s.w. Hiermit, das ist der Zweck, ihre erbärmliche Schwäche, ihre Unehrlichkeit, das Kleinliche ihrer Seele, verdeckend.

Das sind nicht die Titanen im Kulturkämpfe, das sind Karrikaturen; das sind nur Zwerge, die solcherart die Weltgeschichte zieren. Und das sind die Geister, denen jenes Merkmal anhaftet, durch das die Arbeiterbewegung in ihrem gesunden Laufe gehemmt wird!

Nur solche Männer vermochten und werden es vermögen, die Kulturentwicklung zu beschleunigen, sie nach der Richtung der wirklichen Freiheit zu lenken, denen ein Zurückbeben vor feindlichen Scharen fremd ist, denen die Willenskraft, Ehrlichkeit und Ausdauer in der Verfechtung einer einmal erfaßten Wahrheit bis zum letzten Atemzuge eigen ist. Das sind die Titanen der weltgeschichtlichen Entwicklung wie wir sie uns vor,stellen und diesen nur zollen wir unsere vollste Hochachtung. Aber ist im Obigen die Sprache von Karrikaturen und Zwergen, so kann in der österreichischen Arbeiterbewegung – die ein besonderes Lied von dieser Art Geister singen kann – nur von Schatten, Dunst, die Rede sein; Leute, die einem Cäsar De Paepe oder Bebel noch weit an Geist und Charakter nachstehen.

Im Nachstehenden werden wir uns hiervon überzeugen.

Also die Wiener Radikalen, wie schon bemerkt, folgten den Adleriten auf ihren eigenen Boden, um mit diesen über Sozialismus und Anarchismus zu diskutieren; selbstverständlich mit der Absicht, dort den konsequent sozialistischen Standpunkt zu wahren, was auch im Anfänge geschah. Allein, die Ehrlichen unter den Radikalen sollten bald erfahren, daß hinter ihrem Rücken mehrere ihrer „Besten“ mit Dr. Adler parteiverräterische Pakte abzuschließen begannen. Mit geradezu magnetischer Gewalt (klingende Münzen und Aussichten auf fette Parteikrippen) zog Dr. Adler die „Braven“ Julius Popp, Rudolf Pokorny, Josef Tobola, Josef Hybes (Prosnitz) u.A. an sich, er war jetzt der König, vor dessen Geldsack sich diese nun beugten und das Prinzip, ihre Überzeugung, zum Teufel jagten.

Indessen, es waren noch Radikale am Platze, deren Gegnerschaft von Bedeutung war und deren Überzeugung um irdische Güter nicht zu erkaufen waren, darunter Krcal in Wien, Rismann in Graz.

Da die Regierung ein hohes Interesse daran hatte, daß einerseits die radikale Partei durch Entziehung der tätigsten Elemente vernichtet ward, damit andererseits die „Mittelpartei“ gedeihe, so war es das Beste, Krcal[12] nach erlangter Freiheit, wie Polizeipräsident Kraus auf eine Interpellation Kronawetter’s im Abgeordnetenhause antwortete, „von seinem Tätigkeitsgebiete, da dessen Agitation keine ruhige Auffassung bezeugte, zu entfernen“; er wurde aus ‚ganz Niederösterreieh ausgewiesen. Das Feld war jetzt zum größten Teile geräumt, Adler mit seiner Suite hatten die Oberhand. Wie ein regelrechter General sandte jetzt Adler die Renegaten an die Arbeit, als die Vertrauenspersonen der radikalen Partei bekannt, in die Provinz. In allen größeren Städten der Provinz wurden Volksversammlungen abgehalten, in welchen Pokorny (Popp verrichtete seine Arbeit in Wien) Hybes, Hauser und Andere als Referenten auftraten ‘ und im Sinne Adler’s Reden hielten. Johann Rismann suchte nach Kräften gegen das Treiben dieser Leute anzukännpfen, allein „viele Hunde sind des Hasen Tod“; er mußte weichen. Über anderweitige gewandte Redner und Agitatoren verfügte die Partei nicht mehr. Der sozialdemokratischen Propaganda wurden keinerlei Schwierigkeiten von Bedeutung gemacht, Niemand wurde gemaßregelt oder sonstigen Schikanen ausgesetzt.

Die Bewegung gewann täglich an Ausbreitung, aber in demselben Maße verlor . sie auch an revolutionärem Gehalt. Das Wahlrecht als „Recht“ und andere Palliativen wurden wieder leierkastenmäßig auf Kosten der revolutionären Idee von den Rednerbühnen den Massen vordemonstriert und statt selbstständig denkende Sozialisten zu erziehen, suchte man willige Schafe und käufliche Subjekte um sich zu sammeln.

Nachdem allenthalben das Feld so ziemlich bearbeitet wurde, konnte Adler daran denken, einen Parteitag einzuberufen, um, wie es hieß, die langersehnte „Einigung der österreichischen Arbeiterpartei zu konstatieren“.

Es ist nicht ohne Interesse, zu wissen, wie die Parteigenossen des Reiches bearbeitet wurden. In zahlreichen Briefen wurde ein manifestähnliches Vertrauensschreiben an bekannte Genossen, die die Partei am „Parteitage“ machen sollten, versendet und für den Parteitag animiert. Da dieses „Rundschreiben“ für sich selbst spricht, so lassen wir es hier folgen.

Es.lautet:

Abschrift vom Original-Briefe.

(Werther) Genosse!

Nach Jahren bitteren Streites und jede ernste und erfolgreiche Organisation lähmenden Zwistigkeiten macht sich allüberall, wo es Sozialdemokraten gibt, das Bedürfnis nach einer Einigung kund. Die alten Streitpunkte sind meistens während der jahrelangen Diskussionen entweder verschwunden, indem man über die Sache einig geworden und nur über Worte weiter gekämpft wird; oder sie sind rein theoretischer Natur, betreffen die Art der Organisation einer künftigen sozialistischen Gesellschaft, eine Frage, die an uns zunächst noch nicht zur Lösung herantritt und darum mit Unrecht heute die Partei in Fraktionen gespaltet hat. Schließlich sind es eine Reihe ganz persönlicher ‚Reibereien, die bis heute den bereits beigelegten Kampfe der Meinungen in anderer Weise fortsetzen lassen.

Es wird aber überall gefühlt, daß es Zeit ist, die Waffen – statt selbstvernichtend nach innen – endlich voll und ganz nach außen gegen die Feinde der Arbeiterklasse und ihren Emanzipationbestrebungen zu richten.

Von vielen Seiten, auch von den Wiener Genossen, in deren Namen wir sprechen, wird es für notwendig gehalten, daß eine Zusammenkunft von Genossen aus ganz Österreich stattfinde, die, beauftragt von ihren Freunden, berechtigt sind, in ihrem Namen zu sprechen. Dieser Parteitag soll noch im Verlaufe dieses Jahres stattfinden, die prinzipielle Einigung der sozialdemokratischen Partei besiegeln und die einheitliche Organisation derselben ermöglichen-.

Wir sagen ausdrücklich „besiegeln“; ein solcher Parteitag kann die Einigung nicht vollziehen, sondern nur konstatieren. Wir erachten aber eben die Situation für reif dazu, daß diese Konstatierung erfolge.

Die Wiener Genossen sind nun mit den Brünner Genossen, den Deutschen und den Slaven dahin übereingekommen, daß sie euch gemeinschaftlich einen Parteitag noch für das Jahr 1888 zu Weihnachten Vorschlägen. Weiter wurde vereinbart, daß dieser Parteitag der österreichischen Sozialdemokratie nicht ein „geheimer Kongreß“ sein solle, sondern daß er in ähnlicher Weise, wie der slavische Parteitag in Brünn von Weihnachten 1887 persönlich auf Namen geladene Genossen (auf Grund der §2 des V.G.) vereinigen solle; die Gründe dieses Vorgehens sind wohl klar genug. Kein geheimer Kongreß ist ohne jene Folgen geblieben, die, von persönlichen Opfern ganz abgesehen, auch das, was er eigentlich leisten sollte, wieder vernichteten. Zudem haben wir absolut gar keinen Grund, unsere Pläne und Absichten, am allerwenigsten unsere Überzeugung irgendwie zu verbergen.

Wir wollen nicht nur, daß die Verhandlungen des Parteitages unter den Augen, unter der Kontrolle der Genossen vor sich gehen, wir wollen auch, daß sie agitatorisch auf die Masse wirken. Die Öffentlichkeit der Verhandlungen bietet uns den Vorteil, daß wir für einzelne Genossen einen gesetzlichen Boden schaffen, auf den sie sich im Verkehre mit den Behörden berufen können. Den Polizeispitzeln wird viele Mühe erspart und jeder Denunziation die Spitze abgebrochen.

Das sind also jene Punkte, über welche wir mit den Brünner Genossen, insbesondere mit den Herausgebern und Redakteuren der Blätter: „Volksfreund“, „Arbeiterstimme“, „Rovnost“ und „Hlas Lidu“ uns geeinigt haben. Nunmehr wollen wir eine Reihe von Vorschlägen machen, die von den Wiener Genossen zunächst allein ausgehen. Sie betreffen die Tagesordnung des Parteitages.

Bezüglich der Tagesordnung haben wir vorläufig folgende Ansicht:

1. In einer prinzipiellen Erklärung soll kurz die Tatsache der Einigung der Partei auf dem Boden der Sozialdemokratie festgestellt werden. In dieser Resolution soll das Prinzip und das Ziel der Partei in allgemeinen Zügen ausgesprochen sein.

Wir werden seinerzeit bezüglich des Textes einen Antrag stellen und ihn vorher den Genossen mitteilen.

Hierauf soll zu einer Reihe von Fragen der Parteiorganisation, der Taktik und der augenblicklich das Interesse der österreichischen Arbeiter berührenden Fragen Stellung genommen werden.

Solche Punkte sind: Stellung der Partei zur 1. Konfiskation der politischen Rechte und zu den Ausnahmegesetzen.

2. Parteipresse.

3. Unterstützungswesen und Agitationsfonds.

4. Arbeiterschutzgesetzgebung und sogenannte Sozialreform.

5. Gewerkvereine und Streiks.

6. Die Arbeiterkammern.

7. Die Volksschule.

Wir meinen nämlich, daß so fest und unverrückbar unsere Partei ihr Ziel im Auge behalten muß und wird, so notwendig es ist, um den Verhältnissen jeder Zeit in Bezug auf die Art und Taktik des Kampfes Rechnung zu tragen.

Wir wollen daher nur die Parteiprinzipien in der Form eines Programmes ausgesprochen sehen, die Stellung der Partei zu den Tagesfragen aber in der weniger starren Form von Resolutionen aussprechen. Bezüglich der Organisation und deren Details, welche sich allerdings der öffentlichen Besprechung entziehen, werden wir Vorschläge machen, und damit versuchen, der strammen Einheitlichkeit wirksam zu sein, ohne die Glieder ihrer Selbstständigkeit in Entwicklung und Aktion zu berauben.

Wir werden noch wiederholt Gelegenheit nehmen, unsere Vorschläge im Einzelnen mitzuteilen. Für heute fragen wir Sie nur:

Sind sie mit Zeit und Ort der Einberufung des Parteitages einverstanden?

Wollen Sie sich seinerzeit durch Unterzeichnung der Einladung an der Einberufung mitbeteiligen?

Diese Einladung soll später abgefaßt und in den Parteiblättern veröffentlicht werden. Haben Sie besondere Vorschläge wegen des Ortes zu machen? Leider kann wegen des Ausnahmezustandes, da wir so manchen Ausgewiesenen zu sehen hoffen, Wien nicht gewählt werden. Wegen der leichteren Verbindung müßte es aber ein Ort Niederösterreichs oder Mährens sein. Wir wollen für die Auswahl besonders die Polizeiverhältnisse entscheidend machen. Wollen sie also mit vertrauenswürdigen Genossen über alle diese Punkte sprechen und uns binnen 14 Tagen unter einer der ihnen bekannten Adressen antworten.

Noch fügen wir hinzu, daß sowohl der tschechisch-slavische Parteitag in Brünn, als die Genossen in Graz sich energisch für die Abhaltung des Parteitages ausgesprochen haben.

So hoffen wir denn, daß wir mit Umsicht und Energie ein Unternehmen werden zu Stande bringen, daß unsere Partei wieder aktionsfähig macht und den Emanzipierungskampf der Arbeiterklasse Österreichs um ein Stück fördert.

Mit sozialdemokratischem Gruße

Ferd. L. m.p. Rud. P. m. p.

Alois G. m.p. Dr. V. A. m.p.

In der ersten Novemberwoche des Jahres 1888 erschien in den sozialdemokratischen Blättern ein Aufruf, in welchem „offiziell“ von den Redaktionen zu einem Parteitage der österreichischen Sozialdemokratie eingeladen wurde.

Am 30. Dezember desselben Jahres kamen in Hainfeld die Geladenen zu einem Parteitage zusammen. Von ISO geladenen Genossen kamen 84 – einige Doktoren und sonstige Kapazitäten – zusammen, um das „würdig-ernste“ Komödienspiel mit Interesse – man wußte, warum – weiter zu verfolgen.

Die Tagesordnung lautete folgendermaßen: 1. Prinzipienerklärung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Österreich, 2. die politischen Rechte, 3. Arbeiterschutzgesetzgebung und Sozialreform, 4. die Presse, 5. Unterstützungswesen, 6. die gewerkschaftliche Organisation, 7. die Arbeiterkammern, 8. die Volksschule. Die Verteilung der Rollen durch die Macher dieses „Parteitages“ war – wir müssen es gestehen – schlau zu nennen. Popp, als einer der Vertrauenswürdigsten der Radikalen früher, noch immer jedoch einflußreich, da die Massen blindes Vertrauen zu ihm hatten, wurde als Vorsitzender erwählt; Pokorny, gleichfalls einer der bekanntesten Vertrauensmänner der Radikalen, wurde zum Referenten bestellt. Hybes dagegen war die leitende Persönlichkeit der Tschechen. Dr. Adler mit seinem Generalstabe: Karl Kautsky, Auer u.A., blieb im Hintergründe und ließ seine Werkzeuge das Spiel beginnen, den Kampf mit etwaigen Widerspenstigen ausfechten.

So sehen wir Diejenigen, welche im Jahre 1883 schon im Herzen der radikalen Bewegung standen, also längst das Reaktionäre der sozialdemokratischen Staatlerei erkannt hatten, und nichts unterließen, die Sozialdemokratie zu bekämpfen – wir sehen sie jetzt hier stehen, als die eifrigsten Verfechter der sozialdemokratischen Ideen! Die ganze Entschuldigung dieser Leute für ihren Gesinnungswechsel bestand in den stereotypen Worten: man müsse sich nach den Verhältnissen richten u.s.w. eine bequeme Entschuldigung, zu welcher in der Regel und zu allen Zeiten Scharlatane, Volksbetrüger und Menschen aus Fleisch ohne Muskeln Zuflucht nahmen.

Eine eingehende Kritik dieser Sorte Menschen ist da nicht nötig, der Leser vermag sich selbst leicht einen Kommentar dazu machen. Wir wollen auch davon absehen, das Phrasengedresche, welches auf diesem Parteitage verübt wurde, wiederzugeben. Die Schlagworte von der „geschichtlichen und historischen Aufgabe des Proletariats“, „Klassenbewußtsein“, „geschichtlich notwendige Entwicklung“ u.s.w. flogen nur so herum.

Indessen, ganz so glatt sollte diese Mache denn doch nicht ablaufen. Es waren auch Einige anwesend,die ihrer Überzeugung treu blieben, darunter der von den Grazer Radikalen delegierte Johann Rismann. Nachdem einige Redner wärmstens für die sozialdemokratische Prinzipienerklärung eintraten, ergriff Rismann das Wort und sprach vom anarchistischen Standpunkte gegen dieselbe. Und seine Rede war gerade keine der schlechtesten; er hatte diesen Leuten so manchen Brocken Wahrheit zum Knacken gegeben und Manches ihrer irrigen Anschauungen bewiesen. Freilich, dieses Menschenmaterial zu überzeugen, hätte ein Demosthenes auch nicht vermocht. Aber immerhin hatte das Auftreten Rismann’s den Generalstab veranlaßt, einen ihrer Besten, K. Kautsky, in’s Vordertreffen zu schicken. Dieser wurde zum Generalredner erwählt, um Rismann kurzer Hand abzumurksen. Und was schwafelte dieses großes Licht der „wissenschaftlichen Sozialdemokratie“?

„Das Wahlrecht ist das wichtigste, das mächtigste, das erfolgreichste aller politischen Rechte“. – „So oft eine Wahl stattfindet auf Grund des direkten, allgemeinen Wahlrechtes, werden die Massen in eine gewisse Aufregung geraten, es wird selbst der Indifferenteste manchmal geneigt sein, eine Wahlrede anzuhören, er wird darüber nachdenken, und so werden wir nach und nach mit den Massen in Berührung treten“. – „Aber nicht bloß das Wählen allein ist von agitatorischem Werte, auch die parlamentarische Tätigkeit ist von hoher Bedeutung. Wie anders wäre es erst, wenn wir Sozialdemokraten im Parlamente hätten! Wie würden sie für unsere Prinzipien Propaganda machen!“ Das und Anderes waren die Weisheiten, welche Kautsky hier offenbarte.

Die hungernden Massen werden ob einer Wählerversammlung in Aufregung geraten! (wer lacht da?), wo in Ländern, in denen sich die Massen dieser vielbesungenen „Rechte“ erfreuen, mit einer Wahlversammlung kein Hund vor den Ofen gelockt wird. Die Erfahrungen, welche wir hingegen machen konnten, z.B. in England und Amerika, sind, daß der denkbar ärgste Schacher mit Stimmen getrieben wird, daß die im Elend schmachtenden Massen ihre Stimmen verkaufen, ja, daß es selbst die Führer der Sozialdemokratie sind, welche die sozialdemokratischen Massen mit „Wahlrecht als Agitationsmittel“ köderten und ködern und diese dann durch allerlei Winkelzüge an Bourgeoisparteien ausliefern. Das allerdings ist sozialdemokratische Propaganda – aber zum Nutzen der Leithammel. Und erst die Propaganda im Parlamente! Nun, Deutschlands sozialdemokratische Reichstags-Fraktion ist uns genug abschreckendes Beispiel, als daß wir uns hierüber auslassen sollten. Wir sehen deutlich genug, wohin es treibt – nicht in die Richtung der Freiheit, sondern der Unfreiheit, einer verbesserten Knechtschaft.

„Aber Wahlrecht ist ein Recht, und deshalb fordern wir es!“ so rufen weiter die Sozialdemokraten. Ein Recht? Wo ist das begründet? Das ist ein vernunftswidriges, knechtisches Recht! Hat die Natur einen Teil Menschen bestimmt, daß sie die Interessen des anderen Teiles vertreten soll? – daß es ewig Lenker und Lenkende, ewig Befehlende und Gehorchende geben müsse? Hat nicht vielmehr die Mutter Natur jedem menschlichen Individuum das Selbstbestimmungsrecht verliehen, auf daß es sich selbst lenken soll und demgemäß als Verstandeswesen handelt?

Das also nennt Ihr „Recht“, damit ein Anderer Eure Interessen vertritt? Dokumentiert Ihr damit nicht Eure Geistesarmut, indem Ihr Euch Euer natürlichen Rechte begebt, weil Ihr Euch nicht für fähig haltet, Eure Interessen selbst zu vertreten, Euren Wünschen selbst Ausdruck zu verleihen? Und Ihr wollt Euch „klassenbewußte“ Menschen nennen? Schafsköpfe seid Ihr!

Wie nicht anders zu erwarten, wurde die Prinzipienerklärung in der vorgelegten Fassung angenommen – drei Stimmen dagegen und Einer enthielt sich der Abstimmung. Nach diesem konstatierten Resultat verließ Rismann den Parteitag; ein weiteres Verbleiben schien ihm – und dies mit Recht – zwecklos.

Nach dreitägiger Verhandlung verkündeten Adler-Kautsky mit ihren treuen Knappen die Einigkeit der österreichischen Arbeiterbewegung.Die Mache war glänzend gelungen. Doch es verlohnt sich, die Prinzipienerklärung selbst hier wiederzugeben, um Dasjenige bloßzulegen, worin wir das Unfreiheitliche dieser Bestrebungen erblicken.

Sie lautet:

„Die sozialdemokratische Arbeiterpartei in Österreich erstrebt für das gesamte Volk, ohne Unterschied der Nation, dftr Rasse und des Geschlechtes, die Befreiung aus den Fesseln der ökonomischen Abhängigkeit, die Beseitigung der politischen Rechtlosigkeit und die Erhebung aus der geistigen Verkümmerung. Die Ursache dieses unwürdigen Zustandes ist nicht in einzelnen politischen Einrichtungen zu suchen, sondern in der das Wesen des ganzen Gesellschaftszustandes bedingenden und beherrschenden Tatsache, daß die Arbeitsmittel in den Händen einzelner Besitzer monopolisiert sind. Der Besitzer der Arbeitskraft, die Arbeiterklasse, wird dadurch zum Sklaven der Besitzer der Arbeitsmittel, der Kapitalistenklasse, deren politische und ökonomische Herrschaft im heutigen Staate Ausdruck findet. Der Einzelbesitz an Produktionsmitteln, wie er also politisch den Klassenstaat bedeutet, bedeutet ökonomisch steigende Massenarmut und wachsende Verelendung immer breiterer Volksschichten. Durch die technische Entwicklung, das kolossale Anwachsen der Produktionskräfte erweist sich diese Form des Besitzes nicht nur als überflüssig, sondern wird auch tatsächlich diese Form für die überwiegende Mehrheit des Volkes beseitigt, während gleichzeitig für die Form des gemeinsamen Besitzes die notwendigen geistigen und materiellen Vorbedingungen geschaffen werden. Der Übergang der Arbeitsmittel in den gemeinschaftlichen Besitz der Gesamtheit des arbeitenden Volkes bedeutet also nicht nur die Befreiung der Arbeiterklasse, sondern auch die Erfüllung einer geschichtlich notwendigen Entwicklung. (Dieses unterschreiben wir recht gerne. Anm. d. Verf.) Der Träger dieser Entwicklung kann nur das klassenbewußte und als politische Partei organisierte Proletariat sein. Das Proletariat politisch zu organisieren, es mit dem Bewußtsein seiner Lage und seiner Aufgabe zu erfüllen, es geistig und physisch kampffähig zu machen und zu erhalten, ist daher das eigentliche Programm der sozialdemokratischen Partei in Österreich, zu dessen Durchführung sie sich aller zweckdienlichen und dem natürlichen Rechtsbewußtsein des Volkes entsprechenden Mittel bedienen wird. Übrigens wird und muß sich die Partei in ihrer Taktik auch jeweilig nach den Verhältnissen, insbesondere nach dem Verhalten der Gegner zu richten haben. (In diesem Absätze sind diejenigen Gedanken ausgedrückt, die wir entschieden verneinen. Anm. d. V.) Es werden jedoch folgende allgemeinen Grundsätze aufgestellt: 1. Die sozialdemokratische Arbeiterpartei in Österreich ist eine internationale Partei; sie verurteilt die Vorrechte der Nationen ebenso, wie die der Geburt, des Besitzes und der Abstammung und erklärt, daß der Kampf gegen die Ausbeutung international sein muß, wie die Ausbeutung selbst. 2. Zur Verbreitung der sozialistischen Ideen wird sie alle Mittel der Öffentlichkeit: Presse, Vereine, Versammlungen, voll ausnützen und für die Beseitigung aller Fesseln der freien Meinungsäußerung (Ausnahmegesetze, Preß-, Vereins- und Versammlungsgesetze) eintreten. 3. Ohne sich über den Wert des Parlamentarismus, einer Form der modernen Klassenherrschaft, irgendwie zu täuschen, wird sie das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht für alle Vertretungskörper mit Diätenbezug anstreben, als eines der wichtigsten Mittel der Agitation und Organisation. (Haben bereits hierüber unsere Meinung gesagt. Anm. d. V.) 4. Soll noch innerhalb des Rahmens der heutigen Wirtschaftsordnung das Sinken der Lebenshaltung der Arbeiterklasse, ihre wachsende Verelendung einigermaßen gehemmt werden, so muß eine lückenlose, ehrliche Arbeiterschutzgesetzgebung (weitestgehende Beschränkung der Arbeitszeit, Aufhebung der Kinderarbeit u.s.f.), deren Durchführung unter der Mitkontrolle der Arbeiterschaft, sowie die unbehinderte Organisation der Arbeiter . in Fachvereinen, somit volle Koalitionsfreiheit, angestrebt werden. 5. Im Interesse der Zukunft der Arbeiterklasse ist der obligatorische, unentgeltliche und konfessionslose Unterricht in den Volks- und Fortbildungsschulen, sowie unentgeltliche Zugänglichkeit sämtlicher höheren Lehranstalten unbedingt erforderlich; die notwendige Vorbedingung dazu ist die Trennung der Kirche vom Staate und die Erklärung der Religion als Privatsache. (Der Schlußsatz will uns durchaus nicht einleuchten. Anm. d. V.) 6. Die Ursache der beständigen Kriegsgefahr ist das stehende Heer, dessen stets wachsende Last das Volk seinen Kulturaufgaben entfremdet. Es ist daher für den Ersatz des stehenden Heeres durch die allgemeine Volksbewaffnung einzutreten. 7. Die sozialdemokratische Arbeiterpartei wird gegenüber allen wichtigen politischen und ökonomischen Fragen Stellung nehmen, das Klasseninteresse des Proletariats jederzeit vertreten und aller Verdunkelung und Verhüllung der Klassengegensätze, sowie die Ausnützung der Arbeiter zu Gunsten von herrschenden Parteien entgegenwirken.“

Wie man sieht, ist das Programm revolutionär; nur ist es in politische Hintergedanken verklausuliert, und das erscheint uns – abgesehen von weitergehenden Prinzipien – eben als reaktionär. Politisch organisieren ist soviel (wenn man einmal das allgemeine Wahlrecht hat; wenn das wird, kommt es hierbei der Sozialdemokratie auf Jahrzehnte oder Jahrhunderte nicht an), alswie die Massen für den Stimmkasten erziehen. Es sollte also im Programme besser heißen: „Das Proletariat für den Stimmkasten erziehen, um es mit dem Bewußtsein seiner Lage und seiner Aufgabe zu erfüllen, es geistig und physisch kampffähig zu machen und zu erhalten, ist daher das eigentliche Programm der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs u.s.w.“ Das würde wenigstens klarer klingen.

Analysieren wir den Satz und besehen wir uns den Gehalt des Kernes, so ergibt sich Folgendes: Wenn die Massen im Sinne der Wahlpolitik erzogen werden, so ist damit dokumentiert, daß sie gleichzeitig geistig und physisch kampffähig sind und ihre Aufgabe erfüllen.

Wir antworten: Wenn die Massen im Sinne der Wahlpolitik erzogen werden, so sind sie nicht selbstdenkend und klassenbewußt, auf daß sie fähig sind, ihre Aufgabe zu lösen, die Sklavenbanden zu sprengen und die Freiheit für sich zu reklamieren, sondern sie werden eine, jedes selbstständigen Gedankens bare Hammelherde darstellen, auf deren Köpfen sich eine politische – sagen wir sozialdemokratische Führermacht – bilden wird, die nach belieben die Massen lenken kann. Das nennen wir Autoritätsbestrebungen, die zur Volksherrschaft führen – zum sozialdemokratischen Staatswesen. Und für eine solche Freiheit bedanken wir uns bestens; es wäre schade, auch nur einen Schritt hierfür zu unternehmen. Damit es aber „zieht“, sind diese Schlaumeier um kräftige Schlagwörter durchaus nicht verlegen. Und so stoßen wir bei jedem zweiten Satze auf:„Erziehung des Klassenbewußtseins“, „die Massen geistig und physisch kampffähig zu machen“ u.s.w. Durch Stimmkasten und zum Zwecke eines neuen Staates? – Oh, Ihr Spiegelberge, Ihr Konfusionsräte![13]

Würdig zur Seite den politischen Anschauungen steht die Flunkerei dieser Leute von dem Verhalten nach den Verhältnissen und Gegnern. Zu dieser Argumentation nahmen stets schwache Menschen, deren Wille vielleicht vorhanden war, das Fleisch jedoch versagte, Zuflucht. Menschen, die so argumentieren, insofern sie ehrlich sind, verfügen nicht über das entsprechende Quantum geistiger und moralischer Kraft, um auch nur für eine Zeit den Verhältnissen Trotz bieten zu können, Verhältnissen, die von keiner überirdischen Macht erzeugt, sondern wieder nur das Werk von Menschen selbst sind. Wenn es also Menschen waren und sind, welche die unerträglichen Verhältnisse erzeugen, so sind auch Menschen im Stande, sie wieder zu ändern. Freilich, Geister, die schon bei nahendem Donnergerolle ängstlich die Flucht ergreifen, weil um ihr Leben besorgt, werden dies nie vermögen.

Übrigens war es durchaus nicht notwendig, daß diejenigen Radikalen, welche sich an die Verhältnisse anpassen zu müssen glaubten, bei nur halbwegs konsequentem Verharren von einem Extrem in das andere sich zu stürzen; wir meinen das Extrem des vorherrschenden Terrorismus einerseits und das Extrem des demokratischen Staats-Sozialismus andererseits. Hatte man statt dieser Clownsprünge die antiautoritärterroristische Bewegung in vernunftsgemäß-freiheitliche Bahnen zu lenken gesucht, wir würden sicherlich heute um Jahrzehnte voraus sein.

Doch diese Leute, wie Popp, Pokorny[14], Hybes, Kreutzer und eine Anzahl Anderer, vom Parteitage nach Wien zurückgekehrt, hatten sofort eine Parteiversammlung einberufen, um sich als Zentralleitung der Partei einzusetzen. Hybes und Genossen bewerkstelligten dies unter den Tschecho-Slaven. Von da an breiteten diese Leute ihre „beschützenden Flügel“ über die Arbeiterbewegung in Österreich aus, um sie – zu korrumpieren. Sie haben auch zum bedeutenden Teile das von ihnen erstrebte Ziel erreicht – ihr persönliches Wohl gehörig geschützt.

 

1889–1892.

Anfang Februar 1889 fand in Prag vor einem Ausnahmegerichte ein Hochverratsprozeß statt, der fünf Tage dauerte. Nach der Behauptung des Staatsanwalts sollen die Angeklagten die anarchistischen Blätter „Pomsta“ und „Revoluce“ („Rache“ und „Revolution“) in größeren Quantitäten verbreitet haben. Das wäre also ein Vergehen gegen § 24 des Preßgesetzes und involviert verbotene Kolportage. Die Hauptangeklagten wurden jedoch des Hochverrätsverbrechens für schuldig erkannt und wie folgt verurteilt: Josef Ullrich und Franz Michalek zu je drei Jahren schweren Kerkers, Josef Gabriel und Johann Bartisch wegen Unterlassung der Anzeige hochverräterischer Umtriebe zu je 15 Monaten schweren Kerkers. Am 5. April 1889 begann der Streik der Wiener Tramwaykutscher, welcher solche Dimensionen annahm, daß Fußtruppen und Kavallerie zur Herstellung der „Ruhe und Ordnung“ beordert werden mußten. Die Forderungen drehten sich um die Verkürzung der Arbeitszeit von 18 auf 12 Stunden und geregelte Dienstverhältnisse. Nach einem längeren hartnäckigen Kampfe wurde der Streik schließlich mit halber Niederlage beendet, der aber dem Dr. Adler und Bretschneider als Herausgeber und Redakteur der „Gleichheit“ einen „Anarchistenprozeß“ eintrug.

Dr. Adler hatte anläßlich des Kavallerie-Aufmarsches zur Unterstützung der Streikenden angeblich diese in der „Gleichheit“ aufgereizt, weshalb er des Anarchismus geziehen und vor’s Gericht zitiert wurde. Der Prozeß fand am 27. Januar vor dem Wiener Ausnahmegericht statt und endete mit der Verurteilung beider Angeklagten. Adler erhielt 4 Monate leichten Kerkers und Bretschneider 50 Gulden Geldstrafe. Bei diesem Prozesse zeigte Adler, was er ist. „Wir bewegen uns genau auf demselben Boden wie die deutsche Sozialdemokratie“, war eine seiner Erklärungen. Den Anarchismus hatte er dagegen völlig in Bann getan, „weil ihm die Ziele nicht angenehm sind und weil er ganz andere Vorstellungen von dem Ziele habe als die Anarchisten u.s.w.“ Dies wollen wir ihm recht gerne glauben. Ein Staatssozialist kann doch nicht zugleich Anarchist sein – das ist für uns sonnenklar.

Zu bemerken ist noch, daß die „Gleichheit“ dieserhalb verboten wurde. Da sich jedoch herausstellte, daß Adler friedliebender Bürger und kein Anarchist sei, so wurde ihm behördlicherseits sogleich wohlwollend bewilligt, die „Gleichheit“ unter einem anderen Titel – der fortab „Arbeiterzeitung“ lautete – herauszugeben. Es kam natürlich Adler ganz gelegen, daß nachdem die radikalen Blätter meist sofort nach ihrem Erscheinen verboten worden waren, seinem Blatt dieses Schicksal auch einmal passierte, schon um gewisse Anspielungen und etwa noch vorhandenes Mißtrauen bei einigen Arbeitern aus dem Wege zu räumen. Daß wir hier klar urteilen, beweist der Umstand, daß Adler, wie uns versichert wird, frühzeitig von dem Verbote in Kenntnis gesetzt wurde, so daß er die nötigen Anstalten treffen konnte, die Herausgabe eines „neuen“ Blattes an die Stelle des „Unterdrückten“ schleunigst zu bewerkstelligen.

Treffend über die ferneren Ereignisse schrieb Rismann im Berliner „Sozialist“, weshalb wir uns die Arbeit, hierüber nochmals zu schreiben, ersparen können, und lassen Rismann sprechen:

Mit der „Arbeiterzeitung“, einem Wochenblatte, an dem nebenbei bemerkt, „nur“ zehn Redakteure beschäftigt waren und sind, machte Adler noch sein „Geschäftchen“. Er verkaufte das Blatt nämlich an die Partei für 10000 fl., behielt sich aber das Eigentumsrecht vor bis zur Tilgung der Schuld; zur Deckung der Schuld sollte die Hälfte des Reingewinns verwandt werden. Berücksichtigt man nun die Anzahl der Futterkrippen, so wird es Jedem einleuchten, daß Herr Adler nicht nur nichts verlor, sondern, daß er tatsächlich auch weiterhin Besitzer des Blattes geblieben ist.

Nach dem Hainfelder Parteitage, vornehmlich in Folge der daselbst gefaßten Beschlüsse und der dort festgestellten Taktik, begann auch in Österreich, genau so wie in Deutschland, die Bewegung mit ihren Arbeiterschutzbestrebungen sich immer harmloser zu gestalten, wozu noch die Agitation für das famose allgemeine Wahlrecht das Ihrige beitrug. Bald war in Österreich die Arbeiterbewegung der Tummelplatz für allerhand Abenteurer; zahlreiche schiffbrüchige Personen aus Bourgeoiskreisen fanden schnell Unterkunft, sie wurden teils als geeichte Agitatoren in’s Land geschickt, teils wurden ihnen Stellen als Redakteure und Expedienten an meist eigens zu diesem Zwecke wie Pilze aus der Erde emporschießenden Parteiblättern geschaffen. Strebertum und Geschäftssozialismus waren in höchste Blüte geschossen.

Natürlich stand die Sozialdemokratie in ihrer Agitation mit der klerikal-feudalen Regierung auf keinem schlechten Fuße, denn sie wetteiferten Beide.sich in Arbeiterschutz und Arbeiterfreundlichkeit gegenseitig zu überbieten. Die Regierung führte – allenthalben die Ideale der Sozialdemokratie – allerhand Arbeiterschutzgesetze ein, so z.B. den elfstündigen Normalarbeitstag, Schutz der Frauen und Kinderarbeit, Fabriksinspektorate, obligatorische Sterbekassen u.s.w. Bei jeder sich darbietenden Gelegenheit, bei größeren Ausständen und bei Unruhen versuchte man kräftig abzuwiegeln und die Arbeiter auf den „gesetzlichen Weg“ zu verweisen; alles nur, um die friedfertige, gesetzliche und – staatsstützende Tendenz der Sozialdemokratie zu bekunden und dadurch eine Aufhebung des Ausnahmezustandes zu bewirken. Ferner ging man daran, sich im Frühjahr 1891 an den Wahlen zum Reichstag zu beteiligen; unter den Zählkandidaten, auf die insgesamt einige hundert Stimmen entfielen, befand sich auch Hr. Rud. Hanser. Bei der. Stichwahl unterstützte man sogar bürgerliche Demokraten und einen Deutsch-Nationalen. Später äußerte sich Hr. Adler bezüglich der Wahlen, daß durch die Beteiligung der Sozialdemokratie an denselben unbedingt der Ausnahmezustand fallen müsse, da sich die Arbeiter dabei auf den „gesetzlichen Boden“ gestellt hätten.

Und so geschah es. Die Regierung hatte endlich Einsehen und gewährte diesen eminenten Stützen der Staatsordnung mehr Bewegungsfreiheit. Im Juni 1890 wurde der Ausnahmezustand aufgehoben; die Anarchisten wurden jedoch von dessen Segnungen ausgeschlossen, indem die Ausweisungen für sie aufrecht erhalten blieben. Dieser Umstand ist eigentlich recht charakteristisch für das Verhältnis zwischen Regierung und Sozialdemokratie einerseits und zwischen diesen Beiden und dem Anarchismus andererseits. Daß dies auf Vereinbarung mit Herrn Adler zurückzuführen sei, weil derselbe von der Rückkehr der Anarchisten eine erhebliche Schwächung seines Einflusses befürchtete, das wurde zwar verschiedentlich lautbar, aber wir bezweifeln es, denn, wie bereits gesagt, Herr Adler ist ein – ehrenhafter Arbeiterführer. Ein gutes Einvernehmen der Sozialdemokratie mit der Regierung besteht indes immerhin. Darauf deutet jenes Lob, welches der Ministerpräsident Graf Taaffe den Sozialdemokraten im Parlament ausstellte. Unter Anderem sagte er da: Er stehe nicht an, zu erklären, daß sich die Sozialdemokratie in Österreich vollständig öffentlich organisiert und auf gesetzlichem Boden bewegt habe, daß somit von dieser Seite keine Gefahr zu befürchten sei. Falls aber die Anarchisten ebenfalls zurückkehren dürften, würden diese sich zweifellos wieder des Einflusses bemächtigen und der Arbeiterbewegung einen anarchistischen Charakter verleihen.

Wie sich in Deutschland die sozialdemokratischen „Führer“ der berüchtigten „eisernen Maske“ bedienten, so erreichte man in Österreich genau dasselbe durch „vertrauliche Mitteilungen“, d.h. durch geheime Verdächtigungen.

Herr Rud. Hanser war zu jener Zeit von den „Wiener Genossen“ wegen mehrerer Vergehen, hauptsächlich finanzieller Natur, für unwürdig erklärt worden einen Ehrenposten in der Partei zu bekleiden. Da hierdurch seine Position unmöglich geworden war, ließ er sich die nötigen Reisekosten einhändigen und ging nach London, wo er sich eine Zeit lang seinen Lebensunterhalt als Setzer und Türsteher in einem sozialdemokratischen Klub verdiente. Als er nach einigen Monaten nach Wien zurückkehrte und als man ihn dort in der Adler’schen „Arbeiterzeitung“ nicht mehr haben wollte, da gründete er die „Volkspresse“, welche im Sinne des Hainfelder Programmes und konform der „Arbeiterzeitung“ geschrieben war.

Kurze Zeit nach diesem trat der zweite Parteitag in Wien zusammen. Derselbe war etwas stärker besucht, als der Hainfelder, jedoch waren die Beschlüsse und Verhandlungen ganz unbedeutend. Es wurden alle Maßnahmen der sogenannten Wiener Parteileitung gut geheißen und derselben weiter Vollmachten erteilt. Außer von Seiten der tschechisch-nationalen Sozialdemokraten, deren Organ „nase Obrana“ in Prag erscheint, regte sich keine Opposition. Herr Rud. Hanser beantragt, die Partei möge sich an den Wahlen zu allen Vertretungskörpern, wie Reichstag, Landtag etc. beteiligen (!); ein Antrag, der selbst einem Adler, für die Öffentlichkeit wenigstens, zu verwaschen war, weshalb dieser befürwortete, daß die Beteiligung nur dort geschehen solle, wo eine Kandidatur ohne Kompromisse mit den bürgerlichen Parteien möglich sei.

Wohl begannen sich in der Provinz allenthalben oppositionelle Stimmen bemerkbar zu machen, doch stand ihnen kein Blatt zur Verfügung; die „Volkspresse“ des Herrn Rud. Hanser machte damals noch keine Opposition. Freilich war den eigentlichen „Parteileitern“ Hanser mit seiner „Volkspresse“, welche dem Adler’sehen Geschäftsunternehmen, der „Arbeiterzeitung“ erhebliche Konkurrenz machte, schon längst ein Dorn im Auge. Als sie sich jetzt im Vollbesitze einer absoluten Herrschaft fühlten, konnten sie endlich daran gehen, den seit Monaten gehegten geheimen Lieblingsplan zu realisieren und Hanser auszuschließen. Die „Wiener Genossen“ begründeten den Ausschluß damit, daß Hanser sich Handlungen habe zu Schulden kommen lassen, welche mit der Stellung eines sozialdemokratischen Redakteurs nicht vereinbar wären; so beschuldigten sie ihn in den von ihnen herausgegebenen Flugschriften des Diebstahls, der Lüge, der Feigheit, Trunkenheit etc. welche Vergehen er schon seit Jahren auf dem Gewissen habe und stets wiederholt hätte. Bezeichnend ist es jedenfalls daß diese würdigen „Arbeiterführer“ seit Jahren von dem unsauberen Treiben eines Mannes wußten, aber solche zweifelhafte Personen ungestört an der Spitze der Arbeiterbewegung ließen, so lange sie ihnen zur Erringung ihrer eigenen Herrschaft dienlich waren, und daß sie dieselben erst dann abschüttelten, wenn sie begannen, ihnen unbequem zu werden. Von Rücksicht auf die Arbeitersache selbst ist also keine Spur, nur der eigene persönliche Vorteil ist für diese Personen maßgebend. Jetzt waren plötzlich Herr Hanser[15] und die „Volkspresse“, da es ihnen selbst an den Kragen ging, „oppositionell“, sie stellten sich als Märtyrer ihrer Überzeugung hin. Derselbe Mann, der Jahre lang Herrn Adler getreulich mitgeholfen hatte, jede Opposition zu bekämpfen, der an den Ausschließungen verschiedener Genossen z.B. von Gollen, Rubin u.A., teilgenommen, der die Anarchisten mit Kot beworfen hatte, war mit einem Male selbst „oppositionell“, warf der Parteileitung, an der er nicht mehr Teil hatte, Diktatur, Größenwahn, Herrschsucht vor und bezeichnete dieselbe als aus Männern bestehend, die keine andere Meinung neben ^ich duldeten, die aus Neid und Besorgnis jede Intelligenz in der Partei unterdrückten, die Parteigelder verschwendeten und eine Günstlingswirtschaft führten.

Angesichts all dieser Anschuldigungen drängt sich uns auch bei Herrn Hanser, wie vorher bei seinen Widersachern, die Frage auf: Warum hat Herr Rud, Hanser, der von diesem Allen seit Jahren wußte, so lange geschwiegen und nicht längst gesprochen? Wir müssen Herrn Hanser das Recht absprechen, sich als gekränkte Unschuld und als Opfer seiner Überzeugung hinzustellen! Er hat bei all‘ den von ihm‘ behaupteten Schandtaten der Parteileitung getreulich mitgeholfen.

Jetzt klammert Herr Hanser sich an die deutsche Opposition; früher hat er sie, als er selber noch an der Futterkrippe der Partei stand, in seiner „Volkspresse“ totgeschwiegen. Auf dem Hallenser Parteitage war er in Gesellschaft von Adler als Delegierter. Vielleicht erinnert Herr Hanser sich noch des Berichts, den er in der „Volkspresse“ darüber brachte?

Noch Eins wollen wir zur Kennzeichnung Hanser’s anführen: das ist seine Verherrlichung Adler’s in der Maifestschrift vom Jahre 1890. Er schreibt dort wörtlich: „Sein umfangreiches Wissen sowohl, wie seine guten Vermögensverhältnisse (!) machten Adler bald der damals noch entzweiten Arbeiterbewegung sehr nützlich. Zuvor von vielen Seiten in Arbeiterkreisen erst mit Argwohn überschüttet, bewies er doch durch sein zähes Mitarbeiten, durch sein ungescheutes, offenes‘ Auftreten, daß er, obwohl ein Sprößling der „oberen Zehntausend“, Geist und Herz der Sache der Enterbten und Entrechteten zuwandte.…“

Wir wollen nun im Nachstehenden die bedeutendsten Vertreter der österreichischen Sozialdemokratie einer näheren Betrachtung unterziehen.

Zunächst haben wir es mit Dr. Viktor Adler zu tun, als den Regisseur dieser Partei. Adler verfügt über ein nicht unbedeutendes Wissen, freilich einseitig, und ist ein vorzüglicher Journalist. Seine rednerischen Fähigkeiten sind hingegen von keiner besonderen Bedeutung; dagegen ist von Bedeutung die – Länge seiner Reden, und man könnte ihn füglich den „Meilenredner“ nennen. Daß sein Hauptbestreben darin besteht, als sozialdemokratischer Abgeordneter in’s Parlament zu gelangen, ist einfach dahin zu erklären, indem er als Vollblutbourgeois erzogen wurde. In seiner Partei- und Privatstellung gilt er indessen als wohltätig – namentlich gegen all diejenigen, welche ihm Heeresfolge leisten. Im Sonstigen darf man Adler das Zeugnis eines schlauen Politikers ausstellen.

In weiterer Linie kommt Karl Höger in Betracht. Dieser ist der Prototyp eines revolutionären – Sozialdemokraten. Er ist ein fähiger Schriftsteller und ein Redner von Begabung. Er dürfte als der beste Redner dieser Partei gelten. Josef Hanich ist ein ziemlich begabter Journalist und Redner, Sozialdemokrat Liebknecht’schen Coleurs, und wird allenfalls als solcher auch sterben. Jakob Reumann ist ein guter Redner. Er hat aber auf dem politischen Gebiete eine ziemlich wechselvolle Laufbahn hinter sich, die ihn nicht auszeichnet. In den Achtzigerjahren war er terroristischer Anarchist, darauf entwickelte er sich zum – Antisemitismus und später wurde er Soialdemokrat. Der Mann ist wohl entwicklungsfähig? Julius Popp, die rechte Hand Adlers, ist weder ein bemerkenswerter Schriftsteller noch Redner. Er war ehedem radikaler Sozialist, genoß in der radikalen Partei bedeutendes Vertrauen, jedoch mißbrauchte er dasselbe, indem er sich Adler und Genossen in die Arme warf und somit wider seiner besseren Überzeugung Sozialdemokrat wurde. Dr. Ellenbogen, ein noch jung in der Partei stehender Mann, sucht Dr. Adler den Rang abzulaufen. Er verfügt über einige Fähigkeiten, doch von besonderen Leistungen dieses Mannes ist uns nichts bekannt. Kissewetter ist eine geistige Mittelgröße, genießt jedoch zweifelhaften Ruf. Bretschneider, Leisner, Brod und Kralik sind intelligente Leute und – brave Sozialdemokraten. Anton Losert ist noch ein Neuling in der Partei, gut befähigt und auch ein selbst ständiger Charakter, doch bis jetzt ist seine Bildung einseitig und ist daher seine Entwicklung abzuwarten. Veiguni ist ein ziemlich gjuter Redner, entbehrt jedoch eines tieferen Wissens und war stets ein treuer Nachläufer der Wiener Parteiführer. Was seine Ehrlichkeit gegenüber der Arbeiterbewegung anbetrifft, so lassen diese seine überaus intimen Beziehungen zu der liberalen Partei, namentlich zu der Linzer „Tagespost“ – er ist auch Privatreporter dieses Blattes – in einem sehr zweifelhaften Lichte erscheinen. Soweit wir ihn kennen, ist er der Prototyp eines Jesuiten. Josef Hybes ist ein ziemlich fähiger Journalist und verfügt auch über nicht unbedeutendes Wissen. Er stand früher in der radikalen Partei, war Redakteur der „Zukunft“ und Intimus Peukert’s. So lange diese Partei in der Majorität war, ist er der eifrigste Vertreter derselben gewesen; als aber die Verhältnisse anders geworden und die sozialdemokratische Partei obenauf kam, wurde er der beste – Sozialdemokrat. Er gehört aber zu allen Denjenigen, welche den Mantel nach dem Winde hängen.

Die Agitatoren zweiten und letzten Ranges erscheinen uns, da ihr Geist nach der Schablone des im Vorstehenden skizzierten Führertums gebildet ist und allen Anordnungen dieser treu und willig Folge leisten, nicht genug wichtig, um uns des Näheren mit ihnen zu befassen.

Bei allen den hier gezeichneten Sozialdemokraten, mit Ausnahme eines oder zwei, stoßen wir auf eine auffallende politische Unklarheit. So zollen sie dem Anarchismus als Zukunftsideal die vollste Anerkennung, halten ihn als durchführbar und betrachten ihn sogar als die vollkommenste Menschlichkeit. Suchen jedoch die Redner des Anarchismus in diesem Sinne aufklärend zu wirken, so erklärt man sie zu Narren oder – agents provocateurs!

Wissend, daß Anarchie die Staatlerei und Demokratie verneint, bildet trotzdem ihre ganze Aufkärungs- und Organisationsarbeit das gerade Gegenteil; ihre ganze Betätigung steht also im grellsten Widerspruche mit den Zukunfts-Anschauungen. Jedoch, statt daß sie nun Praxis und Taktik in Einklang mit der Theorie zu bringen suchten, bekämpfen sie diese und arbeiten dem Staatssozialismus in die Hände! Wo bleibt da die Logik?

Es ist hier nur das Folgende möglich: Entweder besteht das Gros des sozialdemokratischen Führertums aus Konfusionsköpfen – in diesem Falle wollen wir ihnen gerne verzeihen und ihre Ehrlichkeit durchaus nicht bezweifeln; oder sie sind zielbewußt und klar, und dann sind sie entschieden unehrlich. Ein Drittes gibt es hier nicht. Wären sie ehrlich und klar, so müßten sie auf Grund ihres praktischen und taktischen Vorgehens den demokratischen Staatssozialismus als Zukunftsideal auf ihr Banner schreiben und Anarchismus als Theorie entschieden bekämpfen. In dem Augenblicke aber, wo dem Anarchismus Berechtigung zuerkannt wird, gebietet es die logische Konsequenz, daß in diesem Sinne die Bildung und Aufklärung der Massen von statten geht. Und das ist nicht der Fall.

Daß, angesichts der herrschenden Korruption, angesichts der tonangebenden Konfusionsköpfe und sonstige Michel, die zielklaren, konsequent denkenden Sozialisten Österreichs dies nicht länger mitansehen konnten, ist begreiflich. Der bis dahin schlummernde, revolutionäre Geist erwachte endlich, um der reaktionären Strömung ein kräftiges Halt entgegenzurufen. Und so traten, zum neuen frischen Ringen entschlossen, eine Anzahl wackerer Sozialisten zu einer Konferenz im Monat Juni (1892) in Wien zusammen, um sich als eine antiautoritäre Partei zu organisieren.„Die Partei der unabhängigen Sozialisten“. Diesem folgte ein kräftiges Manifest und am 28. August 1892 erschien die erste Nummer der „Zukunft“ mit dem fähigen Genossen D.S. Friedländer als Redakteur; Herausgeber Cajetan Valenci (Wien), Johann Rismann (Graz) und Lax (Klagenfurt).

Allein die Staatsanwaltschaft ließ es an Konfiskationen nicht fehlen um dem neuen Kämpfer den Garaus zu machen. So wurden die ersten sechs erscheinenden Nummern, mit Ausnahme einer einzigen, sämtlich konfisziert. Mit der Konfiskation der Nummer sechs, in welcher sich anläßlich der gesetzlich justifizierten Anarchisten (Im November 1887) zu Chicago warme Nachrufe befanden, erfolgte die Verhaftung der Genossen Valenci und Friedländer. Gegen ersteren wurde jedoch die Untersuchung eingestellt, letzterer aber vor einer geheim geführten Verhandlung prozessiert und wegen „Ruhestörung der öffentlichen Ordnung“ zu 18 Monaten schweren Kerker verurteilt und aus ganz Niederösterreich für immer ausgewiesen. Zum ersten Male hat sich in Österreich ein Anarchist und das zwar in diesem Falle D. S. Friedländer, vor dem Gericht als überzeugter Anarchist bekannt.

Friedländer zählt zu den seltenen Individualitäten, welche rückhaltlos ihrer einmal gewonnenen Überzeugung Ausdruck geben unter Hintansetzung ihres eigenen persönlichen Wohles. Das flößt uns vor diesem Manne die größte Achtung ein, und wir wollen hoffen, daß Friedländer seine Laufbahn trotz Einkerkerung noch nicht beendet und dem kämpfenden Proletariat seine Kräfte auch später, nach Verbüßung seiner Strafe, widmet.

Ein Opfer ist gefallen, mögen hundert andere an seinem platze erstehen.

Vorwärts, vorwärts ohne Rast!

Gilt es nicht dem heil’gen Streite,

Gilt es nicht der Wahrheit Ringen,

Gilt es nicht der Freiheit Sieg?!

Sklavenketten müssen fallen

Um der Menschheit Ruh‘ und Fried‘.

Wir haben uns der Mühe unterzogen, die Gesamtstrafen der stattgefundenen Verurteilungen und die Zeit der Untersuchungshaft seit dem Jahre 1867–1892 soviel und genau wie möglich zu ermitteln. Selbstverständlich meinen wir hier ausschließlich nur die aus dem Klassenkampfe resultierenden Verurteilungen; also wegen sozialistischen Vergehen und sonstiger in diesem Sinne vorgekommenen Störungen der öffentlichen „Ruhe und Ordnung“ .

Die Gesamtzahl der Jahre der Verurteilten beträgt 574. Die Haftzeit der in Untersuchung Befindlichen betrug 132 Jahre. Gesamtsumme 606 Jahre. Wieviel Bitterkeit und Schmerz, wieviel vergossene Tränen knüpfen sich nicht an diese schrecklichen Zahlen? – Wieviel Existenzen, blühende Leben, mußten nicht zu Grunde gehen! – Wir schweigen lieber davon.

Die heutige unabhängige, beziehungsweise antiautoritäre sozialistische Partei Österreichs hat einen wesentlich anderen Charakter als‘ die radikale oder anarchistische Arbeiterpartei der Achtzigerjahre.

Während die letztere Partei in der Praxis auf dem Boden des Terrorismus stand und auf diesen das Schwergewicht legte, in ihren Zielen jedoch mit wenigen Ausnahmen sozialdemokratischen Anschauungen huldigte, gestaltet sich der Standpunkt der ersteren Partei fast umgekehrt. Die antiautoritären Sozialisten von heute sind vor allem anderen keine Demokraten. In ihren Zielen sind sie Kommunisten und befürworten frei nach Neigung der Individuen und Berücksichtigung der Charaktereigenschaften sich bildende Organisationen zum Zwecke produktiver Betätigung. Sie verwerfen jedes Repräsentativsystem, also auch Demokratie und jedweden Zwang und proklamieren die Freiheit der Arbeitsleistung wie die Freiheit des Genußrechtes.

Und indem sie in einem kommunistischen Gemeinwesen jede Autorität und Herrschaft verneinen, sind sie Anarchisten. Die Massen über diese Ziele aufzuklären ist die vornehmste Aufgabe der antiautoritären Sozialisten.

Die Mittel, welcher sich diese Partei zur Erreichung ihrer bedient, sind die zweckdienlichen und der Gerechtigkeit entsprechenden. In erster Linie ist es die Presse, die einschlägige Literatur und das gesprochene Wort. Bei ihren Agitationen und Organisationen sind die Sozialisten bestrebt, die ideale Begeisterung zu entfachen; aus dieser soll sich ein impulsives und andauerndes Ringen für die Freiheit ergeben. Weiß die Menschheit, wie sie mit der Zukunft und der unvergleichlich schönen Gegenwart daran ist, so wird sie selbst wissen, was sie zu tun habe.

Die vormalige radikale Partei hat man mit Unrecht die anarchistische genannt, denn sie war das nicht, sie war im eminenten Maße terroristisch. Hierin darf man auch die Erklärung suchen, daß man sich einen Anarchisten bis dahin folgendermaßen vorstellte: in der einen Tasche Revolver, in der anderen Bomben, im Leibgürtel ein halbes Dutzend giftspendender Dolche, zerrissenes Gewand und struppiges Haar, eine Räuberhauptmann-Physiognomie!

Aber nicht allein der gewöhnliche Spießbürger stellt sich so einen Anarchisten vor; Leute, die täglich und stündlich den in Unwissenheit schmachtenden Massen beteuern, sie von ihren Sklavenbanden befreien zu wollen, geben von einem Anarchisten keine andere Darstellung. Freilich haben wir es da entweder mit ehrlosen Menschen oder mit unklaren Köpfen zu tun, allein die unwissenden Massen werden doch in so hohem Grade beeinflußt, daß sie dann ihre Waffen gegen die Sozialisten ziehen. Da es uns in diesem Büchlein jedoch an dem nötigen Raume fehlt, uns mit den sozialistischen und anarchistischen Ideen näher zu befassen, so empfehlen wir dem Leser „Die Zukunft“ und „Sozialist“, Parteiorgane der antiautoritären Sozialisten Österreichs und Deutschlands, ferner die im Auslande erscheinende Presse dieser Richtung, wie die einschlägige Literatur, zum eingehendsten Studium. Daraus werden sie die Überzeugung schöpfen, daß die bedeutendsten Soziologen der Gegenwart diese Weltanschauung vertreten. Es ist das die Philosophie einer nahenden Zeit!

Und so mögen die Revolutionäre aller zivilisierten Länder aus der Vergangenheit und der Gegenwart Lehre und Schlüsse ziehen, auf daß die Arbeiterbewegung gedeihe, an Kraft und Macht gewinne und ihre weltgeschichtliche Mission erfülle. Noch gilt es einen mächtigen Feind zu überwinden – das Kapital. Allein auch dieser Kampf wird einmal mit dem Siege des Proletariats den endenden Abschluß finden, und dann wollen wir die Idee der Freiheit, welche heute in allen Ländern und Weltteilen die darbende und ringende Menschheit beseelt, frohen Mutes verkünden und zur Wirklichkeit werden lassen. Und wer vermag sich dann noch, der nicht völlig dem Stumpfsinn verfallen ist, dessen Herz sich nach gerechten Gesellschaftszuständen sehnt, diesem alle gebildeten Völker in Atem haltenden Kulturkämpfe zu entziehen? Wer wollte nicht die Knechtschaft mit der Freiheit vertauschen?

Es ist wohl wahr, noch gilt es den Unverstand der Massen zu brechen, der noch immer als die mächtigste Stütze der herrschenden Klasse zu betrachten ist. Doch die Strahlen des Lichtes durchdringen bereits das Geistesdunkel immer stärker, immer erfolgreicher, der Tag beginnt hell zu werden, die Geister, welche bis dahin in Fesseln geschlagen, regen sich, die Fesseln, die Ketten rasseln, immer heftiger – und drohend erhebt langsam der getretene Riese Sozialismus das Haupt, alles was ihm hindert, abseits schleudernd – er will die Bahn frei.

Arbeiter, agitiert, organisiert, kämpfet, opfert! – es gilt eine vielverheißende Zukunft zu erobern, seid, stark, seid ausdauernd – werdet Menschen!

 

1893 – 1894.

Wenige über das Wesen des Anarchismus klardenkende Männer waren es, die um die Mitte des Jahres 1892 den bisher der österreichischen Arbeiterschaft ziemlich unbekannten Lehren des Anarchismus Eingang verschafften und dessen philosophische Grundsätze erläuterten.

Welch schwierige Arbeit bot sich nicht diesen Agitatoren, all‘ die schrecklichen Vorurteile, all‘ die schauderhaften Märchengeschichten über den Ideengang des Anarchismus zu zerstören, welche seit Jahren ungehindert, sowohl von der „volksbeglückenden Sozialdemokratie“ als von den Vertretern der bürgerlichen Gesellschaftsschichten, verbreitet waren. Allmählich wurde durch unermüdliche Agitation teilweise der Star des Indiffentismus gestochen, die angeheftete, durch demagogische Drillarbeit erzeugte Voreingenommenheit, begann unter einem Bruchteil der österreichischen Arbeiter, denen klares Denken, objektive Beurteilung und richtiger Einblick in die an die Oberfläche sich drängenden Theorien eines herrschaftslosen Gesellschaftszustandes nicht abhanden gekommen war, langsam zu weichen und bald hatte auch in Österreich der so arg verpönte Anarchismus feste Wurzel geschlagen. Mit doppeltem Eifer wurde nun allseitig das Agitationswerk begonnen, auf Grund dessen auch in kurzer Zeit manch‘ bedeutender Fortschritt in Bezug der anarchistischen Ideenverbreitung aufzuweisen war. Auf dem Gebiete der Presse wurde ebenfalls mit unermüdlichem Eifer und großer Aufopferung gearbeitet, so daß die durch Verurteilung Friedländer ‚s eingerissene Lücke, im nächsten Moment wieder ausgefüllt war. Genosse Matzinger zeichnete an Stelle Friedländer’s als verantwortlicher Redakteur der „Zukunft“, hob durch seine gediegene Schreibweise das Ansehen des Blattes, sowie auch Herr Krcal von Graz aus dasselbe durch literarische Arbeiten unterstützte. Johann Rismann entfaltete auf rethorischem Gebiete, speziell in Graz, eine rastlose Tätigkeit und trug zur Entwicklung und Klärung der Parteiverhältnisse Bedeutendes bei. Mitte August 1893 trat ein für die anarchistische Bewegung wichtiger Moment insofern ein, als die bis dahin in Salzburg erschienene, auf sozialdemokratischer Basis stehende „Allgemeine Zeitung“ nach links schwenkte und den anarchistischen Grundsätzen huldigte. Durch diesen neuen Kämpfer eröffnete sich auch auf geistigem Gebiete ein weiterer Wirkungskreis. In Wien erschien ebenfalls ein in tschechischer Sprache geschriebenes Organ „Volne Listy“. Ist das slavische Naturell an und für sich schon zu etwas radikalerem Vorgehen geneigt, so war es nun um so leichter mit Erfolg in die Kreise der tschechischen Arbeiter einzudringen.

Mit dem Augenblick jedoch, als auch in Österreich der vielgeschmähte, weil nicht verstandene Anarchismus festen Boden faßte und dessen Grundsätze eine sichtliche Ausbreitung gewannen, glaubte man auch behördlicherseits Veranlassung zu haben, mit der größtmöglichen Polizeiwillkür dieser Bewegung hinderlich in den Weg zu treten und den Vernichtungskampf zu beginnen. Die Führerclique der „freiheitlichen“ Sozialdemokratie sollte sich in diesem Abmurksen der sogenannten „Unabhängigen“ resp. theoretischen Anarchisten, bald als treue Begleiterin der bürgerlichen Reaktionsparteien entpuppen.

Benützen erstere alle möglichen Gelegenheiten durch infame Verdrehungen der anarchistischen Lehre, durch niedrige jeder Intelligenz hohnsprechende Verdächtigungen und Verleumdungen gemeinster Sorte den Anarchisten etwas am Zeuge zu flicken, suchen letztere wiederum durch brutale Verfolgungen und außerordentliche Maßregeln diese vielgefürchtete „Hydra des Anarchismus“ zu vernichten.

Ein-, Zeitpunkt periodischer Verfolgungen schmachvollster Art sollte mit dem Beginne des Jahres 1893 der sich erst im Anfangsstadium befindenden anarchistischen Bewegung in Österreich bevorstehen. In gedrängter, den Raum der Broschüre erfordernden Kürze, sind nun im Nachstehenden die Prozessierungen unserer Genossen wiedergegeben.

Anfangs Juni 1893 wurde in Graz Augustin Krcal und Johann Rismann wegen Herausgabe dieser Broschüre „Zur Geschichte der Arbeiterbewegung Österreichs 1867–1892“ verhaftet. Im Monat August wurde auch Genosse Barth auf Requirierung der Grazer Staatsanwaltschaft, wegen Beteiligung an den Herstellungsarbeiten in Wien verhaftet und dem Grazer Landesgericht eingeliefert. Nach bereits 6 monatiger Untersuchungshaft fand diese Affäre am 2. Dezember 1893 durch einen sensationellen Hochverratsprozeß, der mit dem Freispruch sämtlicher Angeklagten endete, ihren Abschluß. (Es wird auch im Anfang von diesem Prozeß erwähnt.)

Am 22. und 23. September 1893 wurden in Wien 14 Genossen verhaftet, nachher wieder zwei davon in Freiheit gesetzt. Die Hauptpersonen der Verhafteten waren die Tischlergehilfen Stefan Hanek und Franz Haspel, welche im V. Bezirke, Siebenbrunnengasse 65, eine gemeinschaftliche Wohnung inne hatten, wo eine Druckerpresse mit Satz zu einer Flugschrift: „An die österreichischen Volksmassen“, mehrere fertige Flugschriften, ein Revolver, Sprengstoffe und wie es hieß unfertige Bomben und ein Drahtnetz zum Tragen der Bomben eingenäht im inneren des Rockes Haspel’s, von der Polizei gefunden wurden, den Angeklagten schob man auch eine im vorigen Jahre erschienene Flugschrift: „An die Arbeiter im Soldatenrock“ in die Schuhe, obwohl deutlich zu erkennen war, daß diese Flugschrift vom Auslande stamme. Der Verhaftung entzogen sich durch rasche Flucht der Redakteur der „Volne Listy“ Josef Nestoupil, Simon Radi und der verantwortliche Redakteur der „Zukunft“ Josef Tuma. Der Verhaftung soll., wie behauptet wurde, ein Verrat zu Grunde liegen. Am 19. Februar 1894 fand hierauf der Prozeß wieder die am 23. September Inhaftierten statt. Gegen Haspel, Hanel und 12 Genossen: Martin Nikula, Mathias Fleischhaus, Otto Kretschmann, Josef Sehnal, Mathias Nettka, Johann Hiala, Karl Katzl, Michael Wellner, Johann Wopateck, Wenzel Plachy und Franz Modrasceck war die Anklage wegen Hochverrat, Verbrechen gegen das Sprengstoffgesetz u.s.w. erhoben worden. Die Verhandlungen endeten mit der Verurteilung von 8 Angeklagten und zwar: Franz Haspel zu 10 Jahren schweren Kerker und Stefan Hanel zu 8 Jahren schweren Kerker mit Ausweisung aus Niederösterreich, Martin Nikula zu 4 Jahren, Franz Modrasceck zu 2 Jahren, Otto Kretschmann zu 4 Jahren, Michael Wellner, Johann Wopateck und Wenzel Plachy zu je 3 Jahren schweren Kerker verurteilt. Gesamtsumme der Strafen mit Einrechnung der 5 monatigen Untersuchungshaft über 38 1/2 Jahre schweren Kerker. Die meisten der Verurteilten sind Familienväter, wodurch deren Kinder großem Elend preisgegeben sind. Die Angeklagten bekannten sich als Anarchisten, aus deren weiteren Aussagen ging jedoch hervor, daß sie mit den Theorien resp. wissenschaftlichen Grundsätzen des Anarchismus sehr wenig vertraut waren, Staatsanwalt und Präsident führten zur Belastung der Angeklagten die gewöhnlichen Schauerromane vor den Geschworenen während der Verhandlung auf.

Die Verteidigung hatten 7 Advokaten in Wien übernommen. Am 23.Januar 1894 wurden in Wien die Genossen Stransky, Wenzel Strachal und Franz Dauffeck (damals verantwortlicher Redakteur der „Volne Listy“) unter Beschuldigung des Hochverrats verhaftet, nach mehrwöchentlicher Untersuchungshaft wieder freigelassen, jedoch von Wien ausgewiesen. Zur Inszenierung eines Prozesses fehlte den weisen „Staatsrettern“ das Beweismaterial.

Im Monat Februar wurde in Salzburg Genosse Franz Egger als verantwortlicher Redakteur wegen Zeitungsartikeln zu zwei Monaten strengen Arrest verurteilt.

Im Monat April wurde in Kärnten Genosse Simon Wucherer verhaftet, dem Landesgerichte in Klagenfurt eingeliefert und nach dreimonatiger Untersuchungshaft vom dortigen Schwurgericht zu 3 Monaten strengem Arrest wegen Vergehen nach § 302 und 305 verurteilt. Später bekam derselbe noch wegen Ehrenbeleidigung der Beamten des k.k. Landesgericht’s eine Arreststrafe von 6 Wochen zudiktiert.

Am 24. April wurde Genosse Egger in Salzburg neuerdings verhaftet und mit Ketten belegt dem Landesgericht in Klagenfurt eingeliefert. Egger war der Mitschuld Wucherer‘ s angeklagt, mußte jedoch bei obgenannter Hauptverhandlung, nachdem er 2 Monate in Untersuchung gesessen, freigesprochen werden.

Am 7. Mai wurde S.D. Friedländer[16] in Graz wegen öffentlicher Gewalttätigkeit, begangen am l.Mai 1894 durch Widersetzlichkeit bei der ohne Grund vorgenommenen Arretierung zu 9 Monaten schweren Kerker verurteilt. Ein Verdikt härtester Klassenjustiz.

Am 29. Mai wurde in Wien Genosse Valenzi, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur der „Zukunft“ vom Schwurgericht wegen einer Reihe in der „Zukunft“ veröffentlichten Artikeln zu 6 Monaten strengen Arrest verurteilt und von Wien ausgewiesen.

Mit diesem finden die Zitate der Prozessierungen unserer Genossen ihren Abschluß, obwohl bereits neue Einkerkerungen im Anzuge sind.

Ein Jahr – welch kurze Spanne Zeit! Und wie viel Kinder wurden nicht in diesem Zeitraum ihres Vaters, ihres Ernährers beraubt? – Wie viel Familienleben wurden nicht gestört, wie viel Existenzen vernichtet – welch‘ eine Anzahl von Menschen wurden nicht auf lange Jahre hinaus ihrer natürlichen Freiheit beraubt? – Und all dies, nur weil sich diese in den Kerker Geworfenen das Recht herausnahmen: Kritik, abfälliges Urteil, Unwillen Uber das Heutige auf den Grundsätzen der Klassenbevormundung aufgebaute Gesellschaftssystem, offen an den Tag zu legen.

Durch brutale Verfolgungen, grausame Maßregeln glaubten jetzt die „Herren“ Staatsanwälte in Österreich den korrupten, kapitalistischen Gesellschaftsbau zu retten!

Welch‘ Ironie, – welche Torheit! – Weg über niedrige, willkürliche Gewalttaten der herrschenden Klassen und ihrer Repräsentanten, schreitet vorwärts das edle Prinzip der Volksbefreiung – das Ideal der Anarchie! Verfolgungen, Einkerkerungen, all‘ diese Maßregeln konnten aber nicht jenen Zweck erreichen, der demselben zu Grunde lag, nämlich die Vernichtung der Anarchisten. Nun reckt sich der gewaltige Riese Anarchismus von neuem in den österreichischen Massen. Eine Anzahl dem Föderalismus entsprechende Organisationen sind in diese Richtung bereits aufzuweisen, obwohl auf dem Gebiete der Presse mit großem Willen und Ausdauer gekämpft werden muß.[17] Trotz aller gegen dieselbe geführten Schläge, gewinnt der anarchistische Gedanke immer mehr an Ausdehnung, faßt derselbe in den verschiedensten Landesteilen festen Boden. Während die Sozialdemokratie tüchtig die „Wahlrechtstrommel“ rührt und zur politischen Vertrottelung der Massen eine rege Agitation entwickeln, entfalten die revolutionären Sozialisten resp. Anarchisten auf dem Boden des proletarischen Klassenkampfes eine wirksame Tätigkeit, die schon ein bedeutendes Häuflein von Anhängern gewonnen hat.

Inmitten des furchtbaren Elends, inmitten der krassen Klassengegensätze, wurde der Kampf mit allen herrschenden Gewalten aufgenommen, wohl wissend, daß unsere von idealem Zug begleiteten Anstrengungen nicht vergebens sind. Der Grundsatz, die Sache der Enterbten und Leidenden zu vertreten, ist auch der Ansporn, unsere Tatkraft in dieser Richtung nicht erlahmen zu lassen.

Die Erde, persönliche Rechte und das Vertrauen auf die Zukunft der Menschheit wiederzugeben, verkörpern sich in all‘ unseren Bestrebungen. Darum rufen wir auch mit Danton dem kämpfenden Proletariat Österreichs entgegen: Jeder Revolutionär soll an Stelle des Herzens eine Sturmglocke im Leibe haben! Setzt dieselbe in Bewegung, damit ihre Donnerschläge weit ins Land hinauserschallen, damit sie dem schlafenden Volke verkünde, daß die Zeit des ruhigen Dahindenkens vorüber sei.

Vorwärts,schon dämmert das Morgenrot.

Uns aber werden weder die Reaktionsgelüste der herrschenden Klasse, noch die niedrigen, ekelerregenden Angriffe der sozialdemokratischen Führerclique in dem Streben nach dem höchsten Freiheitsideal der Menschheit aufhalten können. Auf dem Boden des Klassenkampfes arbeiten wir weiter, bis hinweg über alle Hindernisse, triumphieren wird – die wahre Menschenliebe, die wirkliche Freiheit, die Anarchie!

Möge auch das österreichische Proletariat zur richtigen Klassenerkenntnis kommen, damit die Arbeiterbewegung ihren proletarischen Charakter wieder erhalte, und um desto eher wird sich lösen das Problem einer freiheitlichen Gese11schaftseinrichtung , einer glücklichen Zukunft.

 

ANHANG.

 

Neues Leben blüht aus den Ruinen! Schon vor mehr als einem Jahr war es bestimmt, diese Broschüre der Öffentlichkeit zu übergeben. An den „freiheitlichen“ Preßzuständen Österreichs ist jedoch das Vorhaben des Verfassers gescheitert. Die Repräsentanten der herrschenden Gewalt streckten ihre berüchtigten, reaktionären Fittiche über diese dem arbeitenden Volke gewidmete Schrift aus und unterdrückten das bereits zum Erscheinen fertiggestellte Unternehmen.

Der Inhalt wurde als staatsgefährlich und hochverräterisch bezeichnet, denn nur zu tief begründet und in zu offener Weise waren die Vorgänge innerhalb der österreichischen Arbeiterbewegung geschildert. August Krcal als Herausgeber, Johann Rismann als Verfasser des Vorwort‘ s und Ferdinand Barth als Schriftsetzer bei der Korrektur beschäftigt, wurden in Untersuchungshaft gezogen und nachdem sie bereits sechs Monate im Kerker gesessen, die Anklage auf Hochverrat erhoben.

Es soll nicht unsere Aufgabe sein, hier die ganzen Einzelheiten über den Verlauf des Prozesses, der vor dem Grazer Schwurgericht stattfand, niederzuschreiben, sondern bloß einige wichtige Momente aus dem Schlußakte der Verhandlungen, soweit wir von denselben unterrichtet sind, klar legen[18]. Die Angeklagten bekannten sich als theoretische Anarchisten und legten in längeren Auseinandersetzungen die wissenschaftlichen Grundsätze und Theorien des Anarchismus nieder. Mit einer geradezu erstaunlichen Raffiniertheit versuchte der Staatsanwalt in seinen Ausführungen, die ihn auf den Gebieten des Anarchismus in Bezug dessen Kenntnis als geistiges Kind erscheinen ließen,die außerordentliche Gefährlichkeit der Angeklagten, besonders Riesmann’s, den Geschworenen aufdrängen. Aus allen Weltgegenden wurde Belastungsmaterial, das weder mit den Angeklagten noch mit der Broschüre in Zusammenhang stand aufgesucht, um das „berühmte“ – SCHULDIG heraufzubeschwören. Alle Attentate vergangener und jüngster Zeit, alle „terroristischen Verbrechen“ wurden ins Feld gezogen, um den Anarchismus als furchtbares, schreckenerregendes Gespenst vor den Aügen der Geschworenen darstellen zu können.

Staatsanwalt und Präsident reichten sich in der Belastung der Angeklagten brüderlich die Hände. Fast hätte man annehmen können – Krcal, Rismann und Barth befinden sich wegen der Vorgänge in Barcelona, Madrid v. 1893 auf der Anklagebank und nicht wegen einer die österreichische Arbeiterbewegung behandelnden Broschüre. Doch – das schwere Geschütz des Herrn Staatsanwalts konnte das objektive Urteil der Geschworenen in den ihnen vorgelegten Schuldfragen nicht erschüttern. Durch die entlastenden, lehrreichen Ausführungen des Verteidigers Dr. Frischauer aus Wien, sowie denjenigen der Angeklagten, selbst von der Schuldlosigkeit überzeugt, verkündeten die Geschworenen nach beinahe zweistündiger Beratung den auf nichtschuldig lautenden Wahrspruch. Der Gerichtshof fällte hierauf ein freisprechendes Urteil. Am 2. Dezember 1893 um 1/2 12h Nachts verließen Aug. Krcal, Johann Rismann nach 6 monatiger und Ferd. Barth nach 4 monatiger Untersuchungshaft den Gerichtssaal von ihren Freunden aufs herzlichste begrüßt.

Den Freigesprochenen war somit das „Glück“ beschieden, die „Wohltaten der österreichischen Freiheit“ weiter zu genießen.

Auf wie lange?

Am 2. Dezember 1893 wankte Aug. Krcal als gebrochener Mann aus dem Gerichtsgebäude, am 15. August 1894 erlag derselbe seinen schweren Leiden – ein Opfer der österreichischen Klassenjustiz[19].

Mit ihm schied zugleich der Autor dieser Broschüre aus dem Leben. Die österreichische Arbeiterbewegung, speziell anarchistischer Richtung, verlor jedoch einen ehrlichen, unerschrockenen Kämpfer, einen konsequenten, prinzipientreuen Genossen, dessen agitatorische Tätigkeit und uneigennütziges Wirken selbst in Kreisen seiner politischen Gegner Anerkennung fand.

Wir empfehlen daher diese Broschüre – den proletarischen Massen als eine Denkschrift an das Wirken eines Mannes, dessen edler Charakter weit über die österreichischen Grenzen bekannt war, eine Erinnerung an einen Kämpfer, der sein Leben den Interessen des arbeitenden Volkes widmete, und ein Opfer seiner unermüdlichen Schaffenskraft wurde.

 

PROZESSIERUNGEN.

Am 7. Dezember 1892 wurde Josef Rubin wegen Vergehen gegen die öffentliche Ruhe und Ordnung, begangen in einem Vortrag in Wien nach einmonatiger Untersuchungshaft zu 3 Monaten strengen Arrest verurteilt.

Anfangs März 1893 wurde in Graz Ferd Barth verhaftet wegen Einberufung einer Komunefeier (Gedenktag 1871) und nach 11 tägiger Untersuchungshaft zu einem Monat schweren Kerker verurteilt und von Graz ausgewiesen, Genosse Barth wurde überdies bei Ablegung einer 13 tägigen Waffenübung zu 3 Wochen strengen Arrest von der Militärbehörde verurteilt, weil er am 1. Mai Abends in Uniform seine Genossen besuchte und dadurch des Kaisers Rock geschändet haben soll.

Wegen öffentlicher Gewalttätigkeit, begangen durch Vereitelung einer Amtshandlung bei Eingreifen der Sicherheitswache mit blankem Säbel auf die über die Schmelz heimziehenden „unabhängigen Sozialisten“ am l.Mai 1893 wurden in Wien folgende Genossen verurteilt: Führer, Tomeczeck und Dlabal zu 6 Monaten, Kal in zu 8 Monaten und Wybral zu 1 Jahr schweren Kerker, Kozack zu 6 wöchentlichen und Veczeck zu einmonatigem strengen Arrest. Summa der Strafen 3 Jahre 2 Monate schweren Kerker und 10 Wochen strengen Arrest.

Am 30. Mai wurde in Wien Genosse Matzinger als verantwortlicher Redakteur der „Zukunft“ wegen Amtsehrenbeleidigung begangen durch einen Artikel in der „Zukunft“ zu 3 Monaten strengen Arrest verurteilt.

Im Monat Juni 1893 wurde in Wr. Neustadt Genosse Stefan Haigl wegen Verbreitung von Flugschriften (Manifest der unabhängigen Sozialisten) zu 13 Monaten schweren Kerker verurteilt.

 

DIE ANARCHISTISCHE BEWEGUNG IN WIEN.

(Bericht an den Amsterdamer Kongress 1907)

Aus der heute leider fast gänzlich vergriffenen Broschüre des verstorbenen Genossen Krcal „Zur Geschichte der Arbeiterbewegung Österreichs“ kann man die Entwicklung unserer Bewegung von den Jahren 1867 bis 1894 entnehmen. Es obläge uns somit, in dem nachfolgenden Bericht eine ähnlich umfassende Darlegung über die Entwicklungstendenzen von 1894 bis heute zu .geben, wie Krcal dies getan hat. Daran kann leider nicht gedacht werden. Wir müssen uns darauf beschränken, eine kurze Informationsskizze zu bieten, die sich ganz besonders auf Wien beschränken will, nur hier und da auf andere Städte übergreifend, wenn es der Gegenstand der Betrachtung erfordert.

Seit dem Eingehen der „Zukunft“ haben die Genosen anderer Länder wenig von der Wiener Bewegung vernommen. In der Tat ließ dieselbe sehr nach, und es waren vornehmlich zwei Faktoren, welche gemeinsam gegen die anarchistische Bewegung vorgingen und dieselbe bis zu einem gewissen Grade zurückschlugen: die Polizei und die Sozialdemokratie. Die Polizei durch ein raffiniertes System der unberechtigsten Ausweisungen, wodurch sie die Bewegung ihrer geistig fähigsten Triebkräfte beraubte; die Sozialdemokratie durch gemeine Denunziation und die verwerflichsten Methoden der Aufpeitschung sämtlicher fanatischer Unwissenheitsinstinkte der breiten Masse gegenüber dem Anarchismus.

Im Jahre 1894 bestanden in Wien 9 anarchistische Vereinigungen. Es waren dies 5 deutsche Bildungsvereine, ein politischer Verein (genannt „Zukunft“). 3 tschechische Bildungsvereine. Als Organe erschienen die „Zukunft“ und das tschechische Blatt „Volne Listy“, redigiert vom Genossen Jan Opletal.

Da setzten die polizeilichen Verfolgungen ein, und eine ganze Reihe von Existenzen fielen ihnen zum Opfer. Die Vereine wurden saisiert, aufgelöst. Das deutsche Organ, die „Zukunft“ ging unter der Wucht dieser polizeilichen Schläge zugrunde. Von den Ausgewiesenen, die zu den besten und tätigsten Kräften gehörten, wären u.a. zu nennen: Friedländer, Valencia, Huber, Hawel, Malaschitz Bojer. Als der Verein „ Freie Meinung“ polizeilich aufgelöst wurde, ging Stefan Grossmann, bisher Anarchist, zur Sozialdemokratie über, die ganz offen mit ihrem Krippenwesen und ihrer offiziellen Unantastbarkeit durch die Polizei prunkte. Grossmann ist vorläufig feulletonistischer Redakteur der „Wiener Arbeiterzeitung“ und hat mit der Bewegung des sozialistischen Anarchismus in keiner Weise mehr etwas gemein.

Auch das böhmische Organ „Volne Listy“ wurde unterdrückt, jedoch dank der Unermüdlichkeit des tschechischen Elementes unserer Bewegung sofort ein neues gegründet. Es war dies „Matice Delnick“, heute „Matice Svobody“ benannt und noch gegenwärtig in Brünn erscheinend. Redakteur dieses Blattes war und ist Jan Opletal. Am 3. September 1894 fand in Wien eine Konferenz statt, welche eine internationale Streitfrage behandelte und die Bewegung intern noch mehr zermürbte, als es bisher die Polizei getan. Es handelte sich um eine Unterstützungsfrage inbezug auf Valenzia, welcher gerade aus dem Gefängnis kam und sich, infolge der Streitigkeit, nach Graz zurückzog und sich weiterhin nicht mehr an der Bewegung beteiligte.

Um diese Zeit kam auch der stürmische Individualismus nach Wien, und durch die falsche Auffassung seiner Ideenwelt richtete er großen Schaden an in der Bewegung. Die „individualistische Propaganda“, die damals aufkam und der sich eine ganze Anzahl von jüngeren Kräften ergaben, boten nur der Polizei eine willkommene Handhabe dar, mit Ausweisungen und Gewaltsmassregeln gegen Unliebsame vorzugehen. Fast die gesamte „individuelle Propaganda“ kam nicht über das Stadium der Vorarbeiten hinaus. Wo sie glückte, gereichte sie der Idee des Anarchismus auch nur in den seltensten Fällen zum Vorteil.

Im Jahr 1896 wurde von der tschechischen Bewegung eine Konferenz der Anarchisten Österreichs nach Kladwo in Böhmen einberufen. Die Wiener Genossen entsandten zwei Delegierte. Doch die Konferenz kam nicht über ihre Vorarbeiten hinaus, als die Polizei eindrang, die Delegierten auseinandersprengte. In Eile wurde beschlossen, sich im Walde wieder zu finden, wo die Konferenz auch ihre Fortsetzung fand. Auf ihr wurde beschlossen, daß vom 1. Oktober 1896 an die Kohlengräber Österreichs in einen Genera 1 ausstand treten sollten; auch die Militärpflichtigen wurden aufgefordert, den Waffendienst zu verweigern. Der Streik brach, da es besonders unter den Bergarbeitern Nordböhmens stark gärte, etwas verfrüht aus. Die direkte Aktion wirkte: die Schächte wurden demoliert, Revolverschüsse auf die provokatorisch auftretende Gendarmerie abgegeben. Die Regierung sandte militärische Verstärkungen nach dem Streikgebiet, und die Sozialdemokraten sprangen ihr dadurch hilfreich zu, daß sie ganz ostentativ Front gegen die „Gewaltaktionen“ der Unterdrückten machten, die „Gesetzlosigkeit“ derselben verurteilten; und so wurde die erste mit anarchistischen Mitteln geführte wirtschaftliche Aktion der Arbeiter Österreichs durch diese beiden Bundesgenossen – Militär und Sozialdemokratie – unterdrückt und niedergeschlagen und verraten.

Die beiden Delegierten zu obiger Konferenz, Karnet und Bauer, wurden gleich nach ihrer Ankunft in Wien behördlich ausgewiesen.

Alle diese Verfolgungen, fürchterlichen Unterdrückungsmethoden, die sich noch verschärften unter der denun- ziatorischen Hetzerei der Sozialdemokratie, hatten den einen Zweck: Die Bewegung der sog. Radikalen und Unabhängigen auszurotten oder hinüber auf die Bahn der geduldeten Sozialdemokratie zu leiten. Daß die ersteren selbst auch manche Fehler begingen, soll nicht bestritten werden. Doch die Fehler waren nicht die Ursache des unaufhaltsamen Niederganges der Bewegung; Fehler von ihrem Standpunkte aus machen auch die Sozialdemokraten, macht jede Partei. Es handelt sich hier jedoch darum, daß man, sowohl durch die Regierung von rechts wie durch die Sozialdemokratie von links, den Anarchisten jede Existenzmöglichkeit des materiellen Erwerbes, jede propagandistische Betätigung durch die kleinlichsten Ausweisungen entzog.

Dann kam Luccenis Tat, welche dieses System russischer Methode bis zu seinem Gipfelpunkt erwachsen ließ.Schlag folgte auf Schlag und stets mit vermehrter Wucht, unfüllbare Lücken reißend, und so können wir konstatieren, daß die Bewegung mit dem Jahre 1898 praktisch aufhörte, eine Bewegung zu sein, die in Berührung zu den Wiener Arbeitern stand. Die Sozialdemokratie fand sich durch Hilfe des Staates von ihrem erbittersten Gegner befreit, der Gedanke des staatenlosen Sozialismus hatte nichts als Niederschläge zu verzeichnen. Und diese „Ruhe“ dauerte ungefähr bis 1904, wo, wie wir sofort zeigen werden, ein etwas regeres Leben wieder einsetzte, aber auch unvergleichlich schwächer als das vor 1898 gewesene.

Unterdessen entwickelte sich die Sozialdemokratie ungestört weiter. Ihr-Kampf besaß nur ein Ziel: Erringung des allgemeinen Wahlrechtes. Sie wurde die wahrhaft konservative, staatserhaltende politische Partei des öffentlichen Lebens Österreichs, die auch ganz unverschämt erklärte, daß sie durch das Wahlrecht den Bestand des Verfassungswesens zu sichern wünsche. Wohl gab es in diesen Perioden, und gibt es auch heute noch kleinere Bewegungen, die sich gegen die Sozialdemokratie im Namen des Sozialismus kehren. Aber darin hatten sie großes Glück, daß diese Revolten gegen ihren erstickenden Geist der Bürokratie und Verflachung jedes echten Empfindens, fast stets ehrlos waren und ihr selbst an innerer Unwahrhaftigkeit nichts nachgaben. Es war der Kampf nicht zwischen prinzipiellen Gegnern, in dem der eine eine höhere, der andere eine niedrigere Auffassung verficht, sondern ausgesprochenermaßen der Kampf zwischen Krippenjägern und Strebern, von denen die einen schon über ein gewisses Maß von Macht verfügten, die anderen danach gierten und strebten, es ihnen zu entwinden. Dadurch wurden auch sonst hochidealistische Namen und Prinzipien in Österreich heillos diskreditiert und kompromittiert vor den Massen. Das Wort vom „freiheitlichen Sozialismus“ wird gerade gegenwärtig von solch einer Clique ehrloser Streberseelen im Munde geführt, auf ihr Rannen geschrieben, welche von dem bekannten Webersozialisten Simon Starck geführt wird. Diese Bewegung ist der getreue Abklatsch der Sozialdemokratie; ihre Opposition beschränkt sich auf ein schlecht verfehltes Mißvergnügen darüber, nicht auch mit an die Krippe gelassen worden zu sein. Starck, früher Schuster, dann Kohlengräber und nun Reichstag: abgeordneter, war ehedem gegen den Parlamentarismus, weil er nicht geglaubt hatte, je selbst ins Parlament zu kommen. Als er nun einen Schimmer von Hoffnung dazu erblickte, sattelte er plötzlich um und wurde auch wirklich von einem Teil mißleiteter und verführter Kohlengräber erwählt.

Eine solche Art von „Opposition“ schadete natürlich jenem Geist echter Opposition, die immer darin gestehen muß, daß sie einen Schritt über den Gegner hinaus bedeutet; eine solche Art von Scheinopposition nützte natürlich nur der Sozialdemokratie. Und je gemeiner die Scheinopposition vorging, sich Geld von bürgerlich-reaktionären Parteien geben ließ zum Kampfe wider die Sozialdemokratie – wir nennen nur die Namen Mallek, Schönberger, Kayser usw. -, desto mehr bezog und dehnte die Sozialdemokratie ihre Angriffe auch aus auf die Anarchisten, die selbstredend mit den Gemeinheiten der Vorgenannten nichts zu tun hatten. Doch die schlaue Adlerclique begriff wohl, daß es sich nicht darum handeln durfte, die gemeine Scheinopposition zu bekämpfen, daß dies wohl gelegentlich geschehen, der Kampf aber mit einem tieferen Blick geführt werden müsse, wenn sie sich retten wollte. Die Sozialdemokratie begriff es stets, daß die ehrliche Opposition des Anarchismus ihr tausendfach gefährlicher sei, als jede, wie immer geartete Scheinopposition aus ihren eigenen Reihen, und so richtete sie ihre versteckten und offenen Angriffe viel lieber gegen jenen, als wider diese, identifizierte stets in gemeinster Weise den Anarchismus, den sie fürchtete, mit den Gemeinheiten ihrer eigenen Streberseelen, welche sie nur verachtete. Daß dies ein Vorgehen und eine Bewegung des österreichischen Anarchismus, der, arm an Kräften und gegenwärtig noch ohne eigenes Organ, einer Verteidigung oftmals unfähig, sehr behindert und erschwert, ist klar.

Im Zeichen obiger Ausführungen steht auch die Begründung der „Wahrheit“, die folgende Vorgeschichte hatte: Die Gebrüder Tiroler in Floridsdorf, einem vorstädtischen Bezirk Wiens, wurden aus der sozialdemokratischen Partei ausgeschlossen, weil sie Opposition gegen die Korruption des sozialdemokratischen Gemeinderates Schlinger machten. Ob diese Anschuldigung der Korruption berechtigt oder unberechtigt, ist hier ganz nebensächlich. Hauptsache sind hier die Motive der Tirolerschen Anklagen, und da müssen wir gestehen, daß dieselben höchst eigennütziger, selbstsüchtiger Natur, also selbst Korruption waren! Nach ihrem Ausschluß gründeten sie 1902 die „Wahrheit“. Das Blatt brachte nichts als lokale Eigenbrödelei, seine Geldquellen waren christlich-soziale Kassen, und dauernd war es dem edlen Bruderpaar unmöglich die „Wahrheit“ zu erhalten. Sie wollten es schon fallen lassen, als sie auf den Gedanken verfielen, sich an die Anarchisten zu wenden mit dem Anliegen, ob dieselben das Blatt ganz unabhängig von ihnen übernehmen wollten, damit dasselbe wenigstens als Oppositionsorgan wider die Sozialdemokratie weiterbestünde. Die Anarchisten gingen darauf ein, trotzdem der Name des Blattes nicht geändert werden durfte, wie es der Genossen Lickier vorgeschlagen hatte.

Es entspann sich nun, von 1904 an, wieder ein gewisses Maß von Tätigkeit unter den Wiener Genossen. Dieselben ließen den Genossen Franz Heindl, tot seit dem Frühjahr 1906, nach Wien kommen, der die Redaktion des neuen Blattes übernahm – nur in dem Sinne, daß es finanziell mit der Gebahrung des alten Blattes nichts mehr zu tun hatte. Mit Heindl wurde das Blatt anarchistisch. Dank dem Opfermute verschiedener Genossen hätte sich das Blatt auch vielleicht halten können, aber ein Mißgeschick verursachte seinen Untergang. Heindl, ein durchaus ehrlicher, idealistischer Genosse und Boheme, ein fähiger und begabter sozial-revolutionärer Dichter, war kein Propagandist in des Wortes agitatorischem Sinne. Von geschäftlichem oder auch schriftstellerischem Unternehmungsgeist hatte er keine Spur. Er kam 1896 in die Bewegung und wirkte tätig mit an dem von Franz Prisching herausgegebenen „Groden Michel“ in Graz , hier und da am „Neuen Leben“ (Berlin) und am Weidnerschen „Armen Teufel“ (Berlin) wie auch für den Malaschitzschen „Weckruf“ (Zürich). Ein naives Dichtergemüt, wollte er sich an dem durch irreführende Anzeigen im Berliner „Anarchist“ zu Pfingsten 1905 nach Wien einberufenen Kongreß ,der „Freisozialisten“ Mallek und Starckscher Qualität beteiligen, zog sich aber sofort mit den übrigen Anarchisten zurück, als die Wiener Genossen die Nichtbeteiligung an dem Kongreßmanöver proklamierten. Die Redaktion der „Wahrheit“ führte er für einen nominellen Lohn. In bitterster Bedrängnis richtete ihm sein Freund, der Instrumentenmacher Briller, ein kleines Instrumentengeschäft ein, um ihm eine unabhängige Existenz zu verschaffen. Doch Heindl taugte nicht zum Verkäufer, noch auch zum Zeilenreisser journalistischer Spekulationsunternehmungen, und so legte er im Frühjahr 1906 durch einen Revolverschuß Hand an sich selbst. Er war ein edler Charakter, und die Wiener Genossen halten sein Andenken in Ehren.

So ging auch die „Wahrheit“ ein.

Aber ihre 15 Nummern, die sie als anarchistisches Blatt erlebte, hatten eine gewisse Sammlung unter den Genossen herbeigeführt. Unglücklicherweise besaß die Bewegung gar keine rhetorischen und schriftstellerischen Talente, und eine öffentliche Propaganda unterblieb deshalb fast vollständig. Manches Mal traten Anarchisten bei Gelegenheit von Streiks auf, aber in der Mehrzahl der Fälle waren sie den gewandten Rednern der Sozialdemokratie, besonders theoretisch, nicht gewachsen. Im Herbst 1904 kam der Genosse Karl Neumann, ein tüchtiger Schriftsteller unserer böhmischen Bruderbewegung, nach Wien und wollte hier die Revue „Novy Kult“ herausgeben. Allein im Ganzen erschienen drei Nummern und wegen mangelnder Verbreitung mußte sie eingestellt werden. Neumann verließ Wien und gründete in Reckowitz die „Anarchistische Revue“.

Einen gewissen Aufschwung nahm die Bewegung durch eine große Aussperrung der Bauarbeiter, die im Sommer des Jahres 1904 stattfand. Über 60000 Arbeiter waren aufs Pflaster geworfen. Unsere Genossen beriefen Versammlungen ein, in denen zur Situation referiert wurde‘. Referent war damals gewöhnlich der Genosse Moritz Lickier. Einen Begriff von der Schwierigkeit der Propaganda in Österreich, in dem politisch fanatisierten Geiste, mit dem die Sozialdemokratie die Arbeiter erfüllte, macht man sich, wenn man weiß, daß der Genosse Lickier in einer Versammlung, der der heutige Reichstagsabgeordnete Skaret beiwohnte, fast gelyncht worden wäre,.hätten nicht Genossen es verhindert, weil er erklärte, daß die Sozialdemokratie einen Generalstreik zugunsten der Erkämpfung des Wahlrechtes – „für den Fetzen Wahlrecht“ nannte er es sehr richtig – herausrufen sollten, sondern lieber jetzt, zugunsten der Streikenden, durch deren Kampf die Existenz von über 150000 Menschenleben gefährdet sei. Aber diese Aussperrungen hatten das eine Gute, daß ein Teil der Bauarbeiter sich von den übrigen gedankenlosen Massen losriß und eine revolutionäre Bauarbeitergewerkschaft gründete, die bald über 100 Mitglieder gewann und faktisch anarchistischen Tendenzen huldigte. Im Jahre 1906 kam dann die zweite Aussperrung, die 8 Wochen dauerte und in welcher die Bauarbeiter sich einen Taglohn von 5 Kronen erkämpften. Nach der Aussperrung wurde dank der Initiative der Bauarbeiter das tschechische Blatt „Delnicke Plameny“ in Wien gegründet. Die Redaktion des Blattes lag in den Händen der Genossen Krampera und Pletka. Von dem Blatt erschienen 11 Nummern, es ging im Mai 1907 ein.

Die Schuhmacher Österreichs waren von jeher die Radikalsten der Radikalen der hiesigen Arbeiterbewegung. So bilden sie auch jetzt ein Stück Rückgrat für die revolutionäre Taktik des österreichischen Proletariats. Seit dem Jahre 1895 besteht die Wiener Ortsgruppe unabhängig und auf dem Standpunkt des ausschließlich wirtschaftlichen Kampfes und des Genossenschaftswesens. Während der Stille der anarchistischen Bewegung Wiens hat sie mehr als einmal ganz alleine die Würde des revolutionären Gedankens gerettet. Sie führte energische Streikaktionen durch, und mit ihrer Hilfe konnten die paar Genossen die Kommunefeier, 11. Novemberfeier und die Idee des 1. Mai durch all die manchmal sehr trüben Jahre hindurch angemessen begehen.

Von bestehenden und tätigen Gruppen haben wir heute:

In Wien:

1. Gewerkschaft der Schuhmacher.

2. Gewerkschaft der Bauarbeiter.

3. Diskutierklub „Vorwärts“ (tschechisch).

4. Gesangverein „Morgenröte“.

5. Bildungsverein „Gleichheit“ (tschechisch).

6. Eine freie Föderation sämtlicher Berufsangehörigen.

7. Eine tschechische Tischgesellschaft.

8. Arbeiterbildungsverein im 10. Bezirk.

In der Provinz:

Klagenfurt, Graz, Voitschberg (Kärnten), Innsbruck und mehreren anderen kleineren Orten.

Sonst bestehen in ganz Österreich fast überall böhmische und anderssprachige anarchistische Gruppen.

Wir wünschen es besonders hervorzuheben: das Brachliegen der Wiener Bewegung darf nicht so sehr auf das Konto der Tatenlosigkeit der Genossen geschrieben werden; der Hauptgrund dafür ist zu finden in dem fast totalen Mangel an geistigen Kräften, die geschult genug gewesen wären, der Sozialdemokratie iin Wort und Schrift entgegenzutreten. Tatsache aber ist, daß gerade in den letzten zwei Jahren in Wien fast gar keine Aktivität entfaltet wurde. Eigene Broschüren und Schriften hat die Bewegung unter den deutschsprachigen Anarchisten jedenfalls nicht hervorgebracht.

Desto größer ist unsere Befriedigung, es konstatieren zu dürfen, daß diesem Übelstande nun vollständig abgeholfen werden soll. Das Signal hierzu gab die Rückkehr verschiedener Genossen nach Wien, die sich im Auslande alles das aneigneten, was notwendig ist für den Aufbau einer gesunden anarchistischen Bewegung: Wissen, Ausdauer und Opfermut! Schon in den letzten Monaten hat sich der Einfluß der frischen Kräfte in der Weise geltend gemacht, daß eine Reorganisation der Bewegungselemente vor sich ging, .überall neue Begeisterung aufflammt, wo bislang nur glimmende Asche und Aschenfünkchen gelegen. Im Zusammenhang damit können wir es mit Freuden registrieren, daß schon in der nächsten Zeit ein neues anarchistisches Organ, der „Wohlstand für Alle“ erscheinen wird. Es sind frische Muskelkräfte, die nun in die Speichen des Bewegungsrades der deutsch-österreichischen Bewegung eingreifen, und wir glauben, es den Genossen aller Länder mit froher, bestimmter Zuversicht verkünden zu können, daß, wenn wir das nächste Mal uns in einem Internationalen Kongreß wieder vereinigt zusammenfinden, Wien und mit ihm andere deutsch-österreichische Städte mit zu geistigen Hochburgen des internationalen Anarchismus gehören werden.

Johann Poddany, Vertrauensmann der böhmisch-anarchistischen Föderation,

Ferdinand Herzog, Sekretär der kommunistisch-anarchistischen Gruppe.

Moritz Lickier, Wenzel Welan, Josef Lehart, Havel Linz, Herausgeber der periodischen Zeitschrift „Delnicke Plameny“.

Franz Zelinger, Hajek, Johann Tesar für den Verein „Rovnod“.

Aus: „Freie Generation“ 2. Band 1907 Seite 106–113

 

 

 

 

[1] die „Gleichheit“ ist in den letzten Jahren achttägig erschienen.

[2] Erst nachdem der Coup gelungen, erhielten die Macher den ganzen Betrag.

[3] Nachdem der „Volksfreund“, welcher sich für die Gemäßigten erklärte, nicht mehr als Zentralorgan anerkannt wurde, verlegte man ihn nach Brünn, wo er heute noch existiert.

[4] Christoph starb später im Kerker.

[5] Kämmerer und Stellmacher kamen aus der Schweiz. Ein Opfer Blöch’s flüchtete aus Floridsdorf nach der Schweiz, wo es mit Stellmacher bekannt wurde, und mit ihm, um an Blöch Rache zu üben, nach Wien zurückkehrte .

[6] Ein großer Teil der Verfolgten befindet sich jetzt in Amerika.

[7] Wir führen hier nur die bedeutendsten Prozesse auf, da die Aufzählung der minder bedeutenderen den Rahmen dieser Schrift übersteigen würde.

[8] Über die weiteren Verhafteten fehlen uns die Namen.

[9] Am 20. Februar des Jahres 1885 mußte das Erscheinen dieses Blattes wegen Abonnentenmangel eingestellt werden.

[10] Warum Peukert, der doch Most überholen wollte, sich in seiner Verteidigungsrede darauf beschränkte, bloß dem Sozialismus Berechtigung zuzuerkennen, über Anarchismus jedoch völliges Schweigen beobachtete, wo er doch wissen mußte, von welcher ungeheuren propagandistischen Wirkung dies auf die Außenwelt sein mußte, mögen die Götter beantworten.

[11] Kaspari, eine Hühnengestalt, starb bereits im Kerker.

[12] Da Krcal durch die steten Verfolgungen sich in Österreich nicht mehr halten konnte, so ging er ins Ausland und von da nach Amerika.

[13] Wie klar Krcal und einige seiner Zeitgenossen die Situation erkannt haben, hat die Geschichte zur Genüge bewiesen: Die sozialdemokratische Herrschaft hat die Revolution von 1918/1919 verhindert, die Massen, im Sinne der Wahlpolitik erzogen, haben den Nationalsozialismus (wohl im Gedächtnis an Viktor Adler?) an die Herrschaft gebracht, sie haben einen Dollfuß gewählt, sie haben den Anschluß gewählt, wie es ihre jeweiligen Führer wollten. Der einzige Irrtum dem die damaligen sozialdemokratischen Führer erlegen sind: Sind die Arbeitermassen einmal zur Wahlpolitik erzogen, wählen sie diejenigen, die ihnen mehr versprechen, und nicht unbedingt die sozialdemokratische Partei. Dies alles hätte bei einer Erziehung zum selbstständigen Denken nie passieren können.(Der Herausgeber P.S.)

[14] Dieser äst mittlerweile vom Schauplatze seiner Tätigkeit abgetreten.

[15] Hanser ist gegenwärtig politisch tot und ein recht armer Teufel.

[16] S. D. Friedländer wurde auf die Aussagen eines Defektives verurteilt der ihm besonders wegen seiner politischen Gesinnung das große Strafmaß zudiktiert.

[17] An Stelle der in Salzburg erschienenen „Allgemeine Zeitung“, welche Mangels finanziellen Mittel eingestellt werden mußte, gelangte in Graz ein neues Organ anarchistischer Richtung „Die Freiheit“ zur Ausgabe. Nach zweimaligem Erscheinen, für die S. D. Friedländer und Josef Schmied als verantwortliche Redakteure zeichneten, wurde dieses Preßunternehmen von der Wiener Staatsanwaltschaft kritisiert und das Erscheinen des Blattes behördlich verboten.

[18] Nach Berichten Aug. Krcal selbst.

[19] Durch die lange Untersuchungshaft wurde sein ohnedies sehr schwacher Gesundheitszustand vollends gebrochen, so daß ihm nur noch wenige Monate der Freiheit gegönnt waren.